Magazin-Artikel
06.06.2019 | Autor/in: Laura Bartels

Hohes Tempo – Liane Muschter im Porträt

Überzogene Preise und viele unterschiedliche Akteure prägen derzeit die Immobilienbranche. Liane Muschter ist eine von wenigen Frauen, die dieses Geschäft seit Jahren beherrschen.

Wer viel mit asiatischen Mandanten arbeitet, bekommt nur wenig Schlaf. Diese Erfahrung hat auch Dr. Liane Muschter schon das ein oder andere Mal gemacht. Sie leitet die deutsche Immobilienpraxis der britischen Kanzlei Ashurst und hat sich gemeinsam mit ihren Kollegen ein Netzwerk asiatischer Mandanten aufgebaut, die sie regelmäßig bei deren deutschen Investments berät. „Dabei spielen natürlich auch simple Faktoren wie die Zeitverschiebung eine Rolle“, sagt sie.

Wenn Anwälte in Frankfurt ihren Tag beginnen, gehen Mandanten in Singapur oder Taiwan schon fast ins Bett. „Dementsprechend kommt die ein oder andere dringende Frage zum Deal auch schon mal zu nachtschlafender Zeit“, sagt Muschter. Wie zuletzt beim Kauf des Eurotowers, als früherer Sitz der Europäischen Zentralbank eines der bekanntesten Gebäude der europäischen Finanzwirtschaft. Muschter begleitete taiwanesische Investoren beim Kauf des Büroturms.

Die Immobilienwelt, die sie 2001 bei ihrem Berufseinstieg kennen lernte, war eine andere. Das liegt nicht nur an den „nachtaktiven“ Asiaten. Es geht vielmehr um die gesamte Branche. Immobilienteams in Kanzleien waren überschaubar klein, maximal vier Anwälte, das Geschäft war durch die lokalen Märkte geprägt und der Sektor insgesamt wenig professionell. 18 Jahre später sieht diese Welt ganz anders aus. Die Branche durchlebt seit dem Ende der Finanzkrise ein Rekordjahr nach dem anderen. Die Preise haben ein astronomisches Niveau erreicht, internationale Investoren interessieren sich mehr denn je für deutsche Objekte, und die Kanzleien haben ihre Teams deutlich vergrößert.

„Wir sind Dienstleister. Die Mandanten im Transaktionsgeschäft erwarten, ass wir kurzfristig verfügbar sind.“

Volksgut Immobilie.

Muschter selbst führt bei Ashurst ein Team mit 15 Leuten. Den Weg ins Immobilienrecht hat sie damals, wie viele junge Juristen, über das Referendariat gefunden. „Ich war in einer Kanzlei, in der man als Referendarin mehrere Fachbereiche kennen lernte.“ Beim Immobilienrecht ist sie hängen geblieben. „Mir hat schon immer gefallen, dass man einen greifbaren Sachbezug hat. Mit einer Immobilie kann jeder Mensch etwas anfangen. Denn jeder wohnt in einer und fast jeder arbeitet in einer“, sagt die 45-Jährige. Schön sei auch, dass die Branche so lebendig sei, weil sie sehr stark von Trends geprägt ist. Aktuell zählen dazu Co-Working-Spaces und das riesige Interesse an Logistikflächen und -immobilien, getrieben durch die große Nachfrage beim Onlinehandel. Das macht es ihrer Meinung nach für junge Juristen zu einem interessanten und anschaulichen Rechtsgebiet. Letztlich könne man in Städten wie Frankfurt oder Berlin direkt sehen, an welcher Transaktion man mitgearbeitet hat.

Associates, die an diesen Deals mitwirken, haben als Studenten an der Uni viele Dinge bereits gelernt, die man als Immobilienanwalt braucht. Das ist ein wesentlicher Unterschied etwa zur Finanzierungsberatung, in der man mit Grundkenntnissen zum Darlehensvertrag noch nicht allzu weit kommt. „Im Immobilienrecht können junge Anwälte hingegen schon früh am Mandat mitarbeiten und haben schnell Mandantenkontakt“, sagt Muschter. Natürlich nicht gleich zum Geschäftsführer. „Aber auch viele Immobilienakteure haben mittlerweile große Inhouse-Teams aufgebaut. Und dann kommunizieren die Mitarbeiter von Mandant und Kanzlei, die auf einem Senioritätslevel sind, viel miteinander.“

Dass ihr Weg in die Anwaltschaft führen würde, war Muschter relativ schnell klar. „Da wir im Immobilienrecht eine Branche beraten, haben wir sowohl mit Bauunternehmern, Investoren als auch Bankern zu tun. Das macht es sehr abwechslungsreich. In einem Unternehmen hätte ich mich für eine Kategorie entschieden. Das wollte ich nicht“, sagt sie. Ihre Kindheit und Jugend hat Liane Muschter in Leipzig verbracht. Nach der Schulzeit studierte sie in Heidelberg und machte ihr Erstes Staatsexamen bereits mit 22 Jahren. ­Danach folgte das Referendariat in Hamburg und der erste Job in einer Kanzlei. „Allerdings bin ich gependelt, weil mein Mann damals schon in Frankfurt arbeitete. Nach einer Weile war uns klar: Er braucht eine Bank in Hamburg oder ich eine Kanzlei in Frankfurt.“

Partnerin mit 33.

Es wurde die Kanzlei in Frankfurt. Nach einem Jahr bei Linklaters folgte Muschter den damaligen Immobilienpartnern zu Norton Rose. „Damals habe ich lange überlegt, ob ich mitgehen soll. Ein Kanzleiwechsel war schon etwas Besonderes. Heute ist die Verweildauer von Associates in Kanzleien teilweise deutlich kürzer“, sagt sie. Im Oktober 2006 folgte dann ihr letzter Wechsel – zu Ashurst. Keine sechs Monate später wurde sie dort Partnerin. Mit 33 Jahren und ­einem kleinen Kind. „Das war schon ein großer Schritt. Noch heute ist die Zahl der Immobilienpartnerinnen ja recht überschaubar“, sagt sie. „Partnerin zu werden, war damals nicht leichter als heute. In meiner Generation wollte noch jeder Partner werden. Dementsprechend groß war der interne Wettbewerb.“ Hinzu kam die Doppelbelastung mit Kind. „Die Vereinbarkeit von Karriere und Familie im Transaktionsgeschäft ist eine tägliche Herausforderung“, findet Muschter auch heute noch, wo ihre mittlerweile zwei Kinder bereits im Schulalter sind. „Da muss man den jungen Anwälten auch nichts vormachen.“

Kind und Karriere? Kann klappen.

Trotzdem sei es keineswegs unmöglich. Sie selbst ist das beste Beispiel. Die Herausforderungen einer Kanzlei-Partnerschaft haben sie nicht davon abgehalten, das zweite Kind zu bekommen. Mit Unterstützung durch Ehemann und Familie und einem gut funktionierenden Team in der Kanzlei lässt sich durchaus beides unter einen Hut bringen. Viele Mandanten hätten außerdem auch sehr großes Verständnis für familiäre Belange. Trotzdem dürfe man nicht vergessen: „Wir sind Dienstleister. Und unsere Mandanten erwarten deshalb im Transaktionsgeschäft auch mal sehr kurzfristig von uns, verfügbar zu sein“, sagt sie.

Letztlich müsse jeder junge Anwalt für sich selbst wissen, ob sich sein Bedürfnis nach Freizeit oder Familienplanung mit den Anforderungen des Transaktionsgeschäfts vereinbaren lässt. Versprechen, dass es funktioniert, kann Liane Muschter auch nicht. Aber sie weiß: Nach jeder Transaktion kommt auch eine Phase, in der man mal wieder ausschlafen kann.