Magazin-Artikel
06.06.2019 | Autor/in: Norbert Parzinger

Heiß gelaufen – Arbeitszeiten in US-Kanzleien

Amerikanische Transaktionsboutiquen waren trotz hoher Stundenlast für ihr gutes Arbeitsklima bekannt. Doch das Boomjahr 2018 hat Spuren hinterlassen.

Es klang fast zu schön, um wahr zu sein. Über Jahre hinweg brachte die azur-Associate-Umfrage das­selbe Ergebnis: Während Anwälte aus großen, internationalen Kanzleien unübersichtliche Strukturen, schlechte Kommunikation und im Vergleich magere Gehälter kritisierten, war die Begeisterung der As­sociates aus kleinen, fokussierten Kanzleien mit Händen zu greifen. Besonders positiv klangen regel­mäßig die Associates aus den US-Transaktionskanzleien. „Ich habe das Gefühl, dass es etwas Besonderes ist, hier zu arbeiten“, schrieb ein Associate von Sullivan & Cromwell in der azur-Umfrage 2017. „Eine wahnsinning produktive und kreative Kanzlei, die einem viel Spielraum lässt, selbständig Erfahrung zu sammeln“, schwärmte ein Junganwalt bei Willkie Farr & Gallagher. „Super Chefs, nette Kollegen, spannende Mandate“, lobte ein Kollege im Münchner Büro von Milbank.

Immer gute Laune?

Andere betonten die lockere Arbeitsatmosphäre und die pragmatische „No-Nonsense-Kultur“, beschrieben das Team ihrer Kanzlei als „verschworenen Haufen“ oder sahen sich gar als „Teil einer Familie“. Nicht dass die Anwälte deshalb ein entspanntes Leben geführt hätten. In der azur-Umfrage gaben die Teilnehmer aus diesen Kanzleien fast durchweg 55 bis 60 Stunden als durchschnittliches Wochenpensum an und oft genug auch noch ein bisschen mehr.

Aber gerade deswegen machte die Arbeitsatmosphäre den großen Unterschied. „Bei Transaktionen begegne ich ständig anderen Kanzleien, in denen genauso viel gearbeitet, aber weniger gelacht wird“, erklärte ein Milbank-Associate. Und ein Willkie-Associate lobte: „Auch um Mitternacht noch gute Stimmung im Büro.“

Wenn der Druck dann doch zu hoch wird, hilft allerdings auch das beste Betriebsklima nichts. In vielen Kanzleien war dieser Zeitpunkt im ersten Halbjahr 2018 erreicht – so das ziemlich eindeutige Bild, das die azur-Associate-Umfrage widerspiegelt. 2.846 junge Juristen aus Kanzleien und Rechtsabteilungen gaben dort Auskunft über die gu-ten und die schlechten Seiten ihres aktuellen Jobs, über mögliche Alternativen und harte Fakten wie Gehalt und Arbeitszeiten. Die Gesamtheit der Teilnehmer aus Kanzleien war mit ihrer Arbeitslast und ihrer Work-Life-Balance ähnlich zufrieden wie ein Jahr vorher. Doch in einer Reihe von Praxen gingen die entsprechenden Noten kräftig in den Keller. Das betraf einige Großkanzleien wie Allen & Overy, Linklaters oder DLA Piper, vor allem aber zahlreiche kleinere US-Einheiten, die sich auf Transak­tionsbegleitung spezialisiert haben – Namen wie Cleary Gottlieb Steen & Hamilton, Skadden Arps Slate Meagher & Flom, Sullivan & Crom­well, Milbank oder Willkie.

Bei ihnen machte sich die Hochkunjunktur im M&A- und Private-Equity-Markt besonders stark bemerkbar. Denn mehr Transaktionsmandate bedeuteten nicht nur mehr Stunden am Schreibtisch, sondern auch höhere Auslastungsspitzen und schlechtere Planbarkeit der Arbeitszeiten, bis hin zur unvorhergesehenen Zusatzarbeit am Wochenende und im Urlaub. Für viele Associates war damit offenbar ein kritischer Punkt erreicht. Bei all diesen Kanzleien – mit Milbank als rühmlicher Ausnahme – hat laut azur-Umfrage auch das Betriebsklima gelitten, und erstmals gibt es von etlichen Umfrageteilnehmern harte Kritik an Personalführung und interner Kommunikation.

Wenn die Belastung zu hoch wird, fühlt sich das Arbeitsumfeld einfach anders an. So wurde aus verhaltenem Murren plötzlich Fundamentalkritik.

Die Stimmung kippte.

Das ist umso bemerkenswerter, als sich Inhalte und Umfang der Ausbildungs- und Förderangebote der Kanzleien in der Zwischenzeit nicht verändert haben. Die struk­turellen Aspekte der Kanzleikultur wie Aufstiegschancen, Leverage oder Umsatzerwartungen blieben ohnehin unverändert. Doch wenn die Arbeit überhandnimmt, fühlt sich dasselbe Umfeld einfach anders an. Besonders ausgeprägt war der Stimmungsumschwung bei Sullivan & Cromwell. „Überragende Chemie im Team, bei dem man sich auf alle Kollegen verlassen kann; qualitativ deutlicher Abstand zu allen Wettbewerbern“, erklärte ein Associate in der azur-Umfrage 2016. Schon damals meldeten die Sullivan-Anwälte die längsten Arbeitszeiten im Markt, und sie waren geradezu stolz darauf: „Die richtige Kanzlei für Anwältinnen und Anwälte, die bereit sind, für den Erfolg auch Leistung zu bringen“, meinte ein Associate.

Mit rund 69 Wochenstunden laut Associate-Umfrage war 2018 aber offenbar der Punkt erreicht, an dem bei Sullivan die Stimmung kippte. Aus dem verhaltenen Murren Einzelner in den Vorjahren wurde laute Fundamentalkritik. „Die Partner interessieren sich zu wenig für das Wohlergehen ihrer Associates. Das verhindert eine strukturierte Ausbildung, führt zu unplanbaren Arbeitszeiten und ist der Grund für die schlechte Stimmung“, schreibt ein Sullivan-As­sociate. Ein anderer meint: „Ein Anfang wäre es, überhaupt anzuerkennen, dass es Menschen gibt, die mit ihrer Familie Zeit verbringen wollen.“

Die Rückmeldung von Associates aus anderen US-Transaktionskanzleien klingt ähnlich. „Arbeit nachts, an den Wochenenden und im Urlaub deutlich reduzieren und nicht mehr als Selbstverständlichkeit ansehen, sondern als Ausnahme“, fordert ein Milbank-Associate, der mit seiner Kanzlei ansonsten recht glücklich ist. „Homeoffice wäre zwar technisch möglich, wird aber nicht begrüßt – man muss darum kämpfen, nicht stattdessen Urlaub nehmen zu müssen“, beschwert sich ein Willkie-Anwalt. Die durchschnittliche Arbeitszeit liegt in beiden Kanzleien laut Associate-Umfrage um die 60 Wochenstunden.

„Weniger Chaos“.

Dauerhafte Überlastung der eigenen Mannschaft, so ehrgeizig und dynamisch sie nach ihrem Selbstverständnis auch sein mag, bringt den Kanzleien also vielleicht einen schnellen Umsatz-Peak, längerfristig aber vor allem Ärger. Schlechte Stimmung durch zu viel Druck bedeutet früher oder später mehr Fluktuation, beides zusammen kratzt am Image und stört bei der Bewerbersuche.

Dass es gar nicht erst so weit kommt, haben die Kanzleien selbst in der Hand – so sehen es die Associates. „Weniger Chaos, eine bessere Organisation der Mandate und eine sinnvollere Priorisierung von Aufgaben“ fordert ein Anwalt in der azur-Umfrage. Was einfach klingt, kann gerade für kleine, stark fokussierte Einheiten eine fundamentale Umstellung bedeuten.
Besondere Zuständigkeiten für Projektmanagement, Ressourcensteuerung oder andere Verwaltungs- und Supportfunktionen sind dort oft verpönt als Kostentreiber. Tatsächlich, so legt es die Associate-Umfrage nahe, ist es eher andersherum: Wer sich diesen Aufwand spart, kann nicht damit rechnen, dass die Mannschaft auf Dauer zufrieden, belastbar und stabil bleibt.

 

In dieser Rubrik erläutern Autoren der JUVE-Redaktion aktuelle Themen aus dem Anwaltsmarkt. Norbert Parzinger schreibt regelmäßig über Karriere und Personalarbeit in Kanzleien und Rechtsabteilungen.