Magazin-Artikel
05.06.2019 | Autor/in: azur Redaktion

20 Vorbilder: Erfolgreiche Juristinnen im Kurzporträt

Das sind doch alles Männerdomänen: M&A, Private Equity, Banking & Finance, Insolvenzrecht … Ja. Aber das muss nicht so bleiben. Wer im Studium oder Referendariat nach weiblichen Vorbildern sucht, kann sich an den folgenden Porträts orientieren. Wir lernen: Erfolgreiche Juristinnen gibt es in allen Rechtsgebieten, und zwar nicht nur in -Anwaltskanzleien, sondern auch in Unternehmen und an der Hochschule.

Nicht immer waren die Karrierewege schnell oder -geradlinig, aber heute sind sie Abteilungschefinnen, Vordenkerinnen, Umsatzbringer und Durchsetzer. Ziemlich sicher verschaffen sie dem Juristenberuf mehr Kreativität, Flexibilität und Innovation als viele der alten Herren, die bis heute die Juristenszene geprägt und lange dafür gesorgt haben, dass vor allem männliche Bestimmer nachrückten. Kreativ und innovativ – mit solchen Eigenschaften sind diese 20 Juristinnen auch ein gutes Vorbild für den männlichen Nachwuchs.

Susanne Brenner (43)

Kanzlei:
Dr. Berner

Aufgewachsen in:
Wuppertal

Erste berufliche Station:
Leonhardt & Partner

Fachgebiet:
Insolvenzrecht

Ohne Schnickschnack

Anruf bei der Kanzlei Dr. Berner wegen einer großen Insolvenz. Aber die Chefin hat keine Zeit für ein Gespräch in den ersten Tagen des neuen Verwalterauftrags – ist halt so. Später mag sie dann den fertigen JUVE-Artikel, stellt ihn auf ihre Homepage und bedankt sich dafür. Wer es mit ihr zu tun hat, merkt schnell, dass sie klare Worte langem Palaver vorzieht.

Die Anwältin ist schon lange eine Macherin, die gerne schnell entscheidet. Ein glamouröser Studienort? Das nahegelegene Bochum ist doch sehr praktisch. Und die von Grönemeyer besungene „ehrliche Haut“ passt gut zu Susanne Berner. Nach dem ­Studium entscheidet sie sich aber doch für Berlin und steigt als wissenschaftliche Mit­arbeiterin bei Leonhardt ein. In der insolvenzrechtlich renommierten Kanzlei gefällt es ihr gut, und warum nicht in der Hauptstadt bleiben? Aber weil sie Unternehmerisches schätzt, gründet sie ihre eigene Kanzlei. Nicht irgendwann, sondern ein halbes Jahr nach dem Examen. Sie mag nicht, wenn Sachen unnötig lange dauern. Mittlerweile arbeiten mehr als 40 Leute dort, davon elf Anwälte. Im Insolvenzrecht muss sie schnell entscheiden, denn in den notleidenden Unternehmen ist Zeit oft wirklich Geld. Nebenbei findet sie trotzdem noch die Energie, den Verwalterverband NIVD zu gründen und zu leiten, der unprätentiös häufig pragmatische Positionen vertritt. In den Meldungen auf ihrer Homepage ist oft das Wort „gerettet“ zu finden. Auf einem Bild dort steht Susanne Berner in ihrem schlichten dunklen Hosenanzug vor einem Notfallrettungswagen. (LS)

Sibylle Gierschmann (49)

Kanzlei:
Taylor Wessing

Aufgewachsen in:
Hamburg

Erste berufliche Station:
Beiten Burkhardt

Fachgebiet:
Datenschutz

Sowohl als auch

Bereits mit 14 Jahren war Sibylle Gierschmann klar, dass sie weder Staatsanwältin noch Richterin werden möchte. Wirtschaftsanwältin und Partnerin, das war ihr Ziel. Einfach war ihr Weg allerdings nicht: Als sie ihr Examen in der Tasche hatte, beherrschten nahezu ausschließlich Männer die Equity-Partnerschaften der Kanzleien. Wolle sie es zu etwas bringen, musste sie sich anhören, wären Heirat und Kinder tabu. Doch Gierschmann ließ sich nicht beirren. „Ich habe nie über die Frage Karriere oder Familie nachgedacht, für mich gab es immer ein ‚sowohl als auch‘. Direkt nach dem Zweiten Staatsexamen habe ich geheiratet.“ Ein Hauch von Rebellion schwingt in ihrer Stimme mit, wenn sie davon erzählt. Und wenn eine Kanzlei ihr verboten hätte, Kinder zu bekommen? – „Dann hätte ich mir eben eine andere gesucht“, erwidert sie.

Gierschmann zeigt, dass Frauen beides vereinbaren können: Karriere und Familie. Sie selbst ist in der Datenschutz-Szene eine feste Größe, leitet als Equity-Partnerin eine eigene Praxisgruppe und hat ein Kind. Und gerade, weil sie damals als junge Anwältin auf sich allein gestellt war, unterstützt sie heute ihre Associates. Dabei ist es ihr wichtig, authentisch zu sein. „Manchmal muss man aber auch mal über seinen Schatten springen und zum Beispiel entgegen den Regeln der eigenen Ethik jemandem ins Wort fallen, um sich Gehör zu verschaffen“, sagt sie. Denn es ändere sich nichts, wenn keiner sich traue, Strukturen aufzubrechen. Eines hat sich aber doch verändert: ihre Meinung zu München. „Als ich damals das Jobangebot bekam und herzog, dachte ich, das schaue ich mir jetzt mal zwei Jahre an.“ Daraus sind 20 Jahre geworden. (mel)

Alexandra Hagelüken (48)

Kanzlei:
Latham & Watkins

Aufgewachsen in:
Paderborn

Erste berufliche Station:
Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

Fachgebiet:
Bank- und Finanzrecht

Die Einser-Kandidatin

Alexandra Hagelüken ist als Partnerin einer internationalen Top-Kanzlei in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich. Sie ist gut in Mathe. Sie stammt aus Paderborn. Und, nun ja: Sie ist eine Frau. Das ist auch im Jahr 2019 noch etwas ziemlich Besonderes. Bei Latham & Watkins sind fünf von 48 deutschen Partnern weiblich. Und das ist bereits das Ergebnis jahrelanger und nicht erfolgloser Anstrengungen, den Frauenanteil in der Partnerschaft zu erhöhen.

Hagelüken war schon in der Schule sehr gut in Mathe. Allerdings war sie in allem sehr gut. Auf dem Abiturzeugnis standen nur Einsen. Trotzdem lief nicht sofort alles auf die Wirtschaftskanzlei zu. Hagelüken liebäugelte mit Medizin, entschied sich aber für ein Jura-Studium, auch ihrem Vater zuliebe. Ihre erste Stelle hatte sie im Entwicklungshilfeministerium über die biologische Sicherheit – merkte aber schnell, dass das nichts für sie war. Statt das große völkerrechtliche Rad zu drehen, prüfte sie letztlich Fördergeldanträge.

Bei Clifford Chance lief es nach einem Corporate-Intermezzo dann schnell auf die Finanzierungspraxis zu – nicht nur wegen der Zahlen und Bilanzen, die Hagelüken nun einmal liegen, sondern auch, weil es die internationalste Praxis war. Rasch stieg sie zu einer der führenden Partnerinnen auf. Als die erste ihrer heute neun und 14 Jahre alten Töchter geboren wurde, war sie aber noch Associate. Was sagt die heutige Latham-Partnerin zu der alten Frage, ob und wie Elternschaft und Großkanzleikarriere vereinbar sind? „Als Partner ist es leichter, Kinder und Arbeit unter einen Hut zu bekommen. Denn als Partner kann ich meine Zeit freier einteilen, das konnte ich als Associate nicht.“ Deshalb ermutigt Hagelüken Frauen in ihrem Umfeld stets: „Werdet Partner!“ (mc)

Stephanie Vendt (45)

Kanzlei:
Nesselhauf

Aufgewachsen in:
Hamburg

Erste berufliche Station:
Buse Heberer Fromm

Fachgebiet:
Medienrecht

Weniger ist mehr

Stephanie Vendt ist keine Frau der vielen Worte. Für die Kürze ihrer Schriftsätze ist die gebürtige Hamburgerin berühmt. „Wenn ich von der Kanzlei Nesselhauf einen Schriftsatz lese“, sagt einer ihrer Wettbewerber, „denke ich oft: kürzer geht es nun wirklich nicht.“ Und in dem Satz schwingt durchaus Bewunderung mit. Nur wenige Presserechtler genießen in der Szene einen derart guten Ruf wie Stephanie Vendt, die – natürlich – ihre übersichtlichen Schriftsätze kurz und prägnant verteidigt. „Der Gegner weiß doch, was er falsch gemacht hat“, sagt sie. Vieler Worte bedarf es deswegen nicht. Punkt.

Der Gegner, das sind Verlage, die etwas drucken oder im Internet veröffentlichen, das dem Mandanten überhaupt nicht gefällt. Das kann ein Konzern sein, der um seine Marktreputation fürchtet, oder ein Prominenter, dessen vermeintliche Affäre gerade durch die Gazetten geistert. Eine schnelle Reaktion ist gefragt, eine einstweilige Verfügung, um zu verhindern, dass sich Inhalte in den sozialen Medien weiterverbreiten.

Allerdings ist vieles im Persönlichkeitsrecht eine Abwägungsfrage und richtungsweisende Urteile eher Mangelware. Deswegen streiten sich die Parteien – die Contentbetreiber auf der einen Seite, die Betroffenen auf der anderen Seite – regelmäßig vor Gericht. Wenn die Pressekammer Hamburg tagt, immer freitags, ist Stephanie Vendt häufig im Einsatz.

Dort vertritt sie ihre Mandanten zwar alleine, ansonsten ist bei Nesselhauf aber Teamwork angesagt, denn in der Kanzlei nahe der Außenalster gilt grundsätzlich das Vier-Augen-Prinzip. Warum? Ganz einfach. Auch dafür braucht es nicht vieler Worte. „Das Ergebnis ist besser.“(EF)

Hilke Herchen (48)

Kanzlei:
CMS Hasche Sigle

Aufgewachsen in:
Hamburg

Erste berufliche Station:
CMS Hasche Sigle

Fachgebiet:
M&A

Die Respektierte

JUVE: Viele denken ja, woanders ist das Gras grüner. Sie dagegen halten seit Ihrem Berufseinstieg CMS Hasche Sigle die Treue. Warum?
Hilke Herchen: Mich reizt, dass ich sehr viel mitgestalten kann und die Flexibilität habe, für besondere Projekte andernorts tätig zu sein. Ich war zum Beispiel zum „Partner-Secondment“ bei Scout24 Interim-General Counsel und im Moskauer Büro. Besonders bei CMS ist auch die große Loyalität unter den Partnern. Es verlassen nur wenige die Kanzlei.
Sie würden gerne einmal Queen Victoria treffen…
Ja, ich fände es spannend zu erfahren, wie sie sich in der damaligen (Männer-)Gesellschaft durchgesetzt hat, wie sie es geschafft hat, mit so viel Klarheit und mit so viel Weitblick ihr
Land zu prägen und zu fördern – und was sie angesichts der Brexit-Diskussionen raten würde.
M&A gilt ja auch als (ehemalige) Männergesellschaft. Wie schaffen Sie es, sich durchsetzen?
Ich habe das nie als besondere Herausforderung wahrgenommen, sondern immer erlebt, dass ich selbstverständlich respektiert werde. Das war übrigens schon zu Schulzeiten bei der Schülerzeitung so, wo ich nur mit Jungs gearbeitet habe. Vor allem aber wurde mir in der Kanzlei intern nie der Eindruck vermittelt, dass das ein Thema sei. Mit dieser Erfahrung bin ich später in externe Verhandlungen gegangen. Wenn dort jemand versucht, sich stärker in den Vordergrund zu spielen, stört mich das nicht sehr, sofern ich in der Sache weiterkomme.
Da kommt dann also die sprichwörtliche hanseatische Ruhe zum Tragen…
Ja, wahrscheinlich. Ein weiterer Punkt ist Humor. Er macht vieles leichter, auch wenn dabei nie das Gespür für den Ernst und die Bedeutung der Sache verloren gehen darf. (gds)

Mirjam Boche (38)

Kanzlei:
Arqis

Aufgewachsen in:
Gelsenkirchen

Erste berufliche Station:
Arqis

Fachgebiet:
M&A, Versicherungsrecht

Die Schriftsatzstellerin

Schriftstellerin. Das wäre es gewesen, was sich die Eltern von Dr. Mirjam Boche für die Zukunft ihrer Tochter gewünscht hätten. Hätte irgendwie auch besser zur Berufswahl ihres Bruders gepasst – der ist Pianist. Doch Boche wollte lieber Probleme lösen und schrieb sich für Jura an der Universität Münster ein.

Heute ist sie Equity-Partnerin bei Arqis in Düsseldorf und löst Probleme nicht nur, sondern passt auf, dass sie gar nicht erst entstehen: Boche hat sich nämlich auf sogenannte Warranty & Indemnity-Versicherungen spezialisiert, die M&A-Transaktionen per Gewährleistungsversicherung absichern.

Wenn Boche davon erzählt, sprudelt es aus ihr heraus: Dass Arqis, eine im Vergleich zu anderen M&A-Kanzleien kleine Einheit, inzwischen sechs verschiedene Versicherer aus diesem Bereich berät, berichtet sie. Und dass diese Spezialisierung der Kanzlei eine viel stärkere Marktwahrnehmung beschert hat, weil sie regelmäßig bei Underwriting-Calls in Transaktionen dabei sind.

Obendrein hat Boche es damit geschafft, ein Geschäftsmodell für sich selbst zu entwickeln, das sie – damals schwanger mit dem ersten Kind – in die Partnerschaft beförderte. Mittlerweile sind es zwei Kinder. Trotz des anspruchsvollen Jobs tobt sie sich obendrein noch als Dozentin aus.

Denn im LL.M-Programm der Universität Münster, an der sie selbst studiert hat, fehlte das Thema bisher komplett. Geht gar nicht, fand Boche und wies die Hochschule darauf hin. Ab kommenden Semester unterrichtet sie nun dort als Dozentin. Für ihre Eltern hat die Tochter ein kleines Trostpflaster: Immerhin schreibt sie ja doch beruflich, wenn auch „nur“ Schriftsätze. (EF)

Mayte Banzzatto (36)

Unternehmen:
Siemens

Aufgewachsen in:
Curitiba, Brasilien

Erste berufliche Station:
Siemens

Fachgebiet:
Digitalisierung

Die Tech-Juristin

Ich träume davon, dass eines Tages alles online ist.“ Wenn es um das Thema Digitalisierung geht, fangen die Augen von Mayte Banzzatto an zu leuchten. Damit denkt sie viel weiter als die meisten Unternehmensjuristen – und das muss sie auch, denn Banzzatto ist Global Legal Digitalization Officer beim Technologiekonzern Siemens. Für die Brasilianerin die Möglichkeit, ihre beiden Herzensthemen zu verbinden: Technik und Jura. Als sich Banzzatto für ein Studium entscheiden musste, nahm sie Jura, verlor die Technik aber nie aus den Augen.

Vor elf Jahren kam sie nach München, um einen LL.M. zu absolvieren – und dieser Abschluss sollte ihr den Weg in die Patentszene öffnen. Nach dem Studium stieg Banzzatto in der IP-Abteilung von Siemens ein. Nebenbei absolvierte sie in London einen Master of Business Administration mit dem Schwerpunkt ‚Innovatives Management‘ – und wurde in das Frauenförderprogramm von Siemens aufgenommen. Das schaffen im ganzen Konzern jedes Jahr nur sieben Talente weltweit.

Für Banzzatto lief es bei Siemens so gut, dass sie ihre Pläne für eine Rückkehr nach Brasilien über den Haufen warf. Eigentlich wollte sie dort ihre eigene kleine IP-Kanzlei eröffnen. Das schmerzt die Wahlmünchnerin heute manchmal, denn sie vermisst ihre Heimat. Doch ihre Aufgabe bei Siemens ist dafür mehr als eine Entschädigung: Weltweit ist Banzzatto für die Digitalisierung der Rechts- und Compliance-Abteilung des Konzerns verantwortlich.

So kann sie Jura und Technik perfekt miteinander verbinden. In ihrer alten Heimat Brasilien ist sie trotzdem ein- bis zweimal im Jahr – sie liebt es, dann am Strand zu entspannen, ganz analog. (cn)

Annika Clauss (38)

Kanzlei:
Hengeler Mueller

Aufgewachsen in:
Stuttgart, Kopenhagen, Berlin und Gießen

Erste berufliche Station:
Hengeler Mueller

Fachgebiet:
Gesellschaftsrecht/M&A

Fachchinesisch für Fortgeschrittene

Bei stinkenden Fischsubstanzen zum Frühstück hört der Spaß auf. Dr. Annika Clauss bevorzugt die harmlosere Variante des typisch chinesischen Frühstücks: Reisbrei mit Hühnchen und roten Datteln. Den kochte sie regelmäßig gemeinsam mit ihren WG-Mitbewohnern während ihrer Zeit in Peking. Für Hengeler Mueller war sie dort, um in der Private-Equity-Abteilung des chinesischen Staatsfonds CIC zu arbeiten. Mittlerweile ist sie zurück, aber bei Transaktionen und im Gesellschaftsrecht auf China abonniert, allein im vergangenen Jahr reiste sie sechs Mal dorthin.

Ihr Sinologiestudium, das sie neben Jura absolvierte, zahlt sich damit voll aus. Dabei war der Aufwand erheblich. Zwei Stunden pro Tag brachte Annika Clauss während des vierjährigen Studiums damit zu, Schriftzeichen zu malen. „Das hatte etwas Meditatives“, sagt sie. Schließlich lerne man zwar analytisches Denken im Jura-Studium, aber das Künstlerische gehe dabei etwas verloren. Sinologie war die perfekte Ergänzung.

Genauso wie die Promotion in Hamburg und der LL.M. in Harvard, die folgten. Dass sie es bei Hengeler Mueller bis in die Partnerriege schaffte, überrascht vor diesem Hintergrund nicht allzu sehr. Vorgezeichnet war ihr Weg in die Juristerei allerdings nicht. Mit ihrem Vater, einem Biologieprofessor, analysierte sie als Kind gern Wasserproben aus „irgendwelchen Tümpeln“. China und Reisbrei zum Frühstück lagen damals noch in weiter Ferne. Den Brei als morgendliches Ritual wollte sie eigentlich in Deutschland beibehalten. Aber das – immerhin – hat sie nicht geschafft. Gegen ein duftendes Schokocroissant kann Reis dann doch nicht anstinken. (EF)

Borbála Dux (38)

Kanzlei:
Luther

Aufgewachsen in:
Szeged (Ungarn), München, San Francisco, Köln, Bergisch Gladbach

Erste berufliche Station:
Freshfields Bruckhaus Deringer

Fachgebiet:
Konfliktlösung

Erster Fall: Michael Jackson

Jura wurde Dr. Borbála Dux nicht in die Wiege gelegt. Ihr Vater ist Neurobiologe. Er hat an vielen Orten der Welt geforscht, deshalb ist die Familie oft umgezogen. Es gab aber eine rechtliche Debatte, die hat Borbála Dux schon als Teenager fasziniert: Als Finanzminister Theo Waigel 1996 die Steuern für ausländische Künstler erhöht, erklärt Michael Jackson, er werde in Deutschland nicht auftreten. Es ist der Vorabend seiner gigantischen History-Welttournee. Für Borbála, Gymnasiastin in Bergisch Gladbach, ist das eine Katastrophe – sie reist zum Konzert nach Budapest. Später glättet Waigel in einem offenen Brief an den „lieben Michael Jackson“ in der Bild-Zeitung die Wogen. Der Meister kommt doch nach Deutschland, Borbála sieht ihn ein zweites Mal, in Köln.

Beruflich interessiert sich Dux später eher für Prozess- als für Steuerrecht. 2012 beginnt sie bei Freshfields Bruckhaus Deringer in Köln. Nach zwei Jahren wechselt sie als Referentin ins Kabinett von EuGH-Richter Thomas von Danwitz. Sie merkt aber: Im Backoffice Akten wälzen – das ist nichts für sie. „Mir ist der Bezug zum Mandanten wichtig – und die Arbeit im Team bei großen Prozessen: das Psychologisierende neben dem Juristischen, das zu jeder Prozesstaktik gehört.“ So kehrt sie nach einem Jahr zurück zu Fresh­fields. Dort arbeitet sie an Kartellschadens­ersatzfällen und wichtigen Massenverfahren mit, etwa für den Versicherer Clerical Medical und VW. Die Massengerichtsverfahren quer durch die Republik prägen eine ganze Generation von Litigation-Spezialisten. 2018 wechselt Dux als Partnerin zu Luther nach Köln. VW muss sie auch in ihrer neuen Kanzlei nicht missen: Freshfields und Luther arbeiten im VW-Mandat eng zusammen. (mc)

Svenja-Ariane Maucher (39)

Kanzlei:
Taylor Wessing

Aufgewachsen in:
Brodenbach an der Mosel

Erste berufliche Station:
SJ Berwin

Fachgebiet:
Datenschutz und IT

Die Bodenständige

JUVE: Frau Maucher, wer ist Ihr Vorbild?
Svenja-Ariane Maucher: Meine Eltern. Sie ­haben mir vorgelebt, dass ein Ziel grundsätzlich erreichbar ist.
Welchen Beruf haben Ihre Eltern empfohlen?
Keinen konkreten. Aber ich erinnere mich, dass ich schon als Kind immer diejenige war, die Konflikte löst oder schlichtet. Der Klassiker sind ja die Schulsportmannschaften.
Bei Konfliktlösung ist es ja nicht geblieben …
Das stimmt, wobei ich durchaus auch Litigation-Mandate habe. Aber heute berate ich zum IT-Recht, Datenschutz und Urheberrecht – und das oft und gerne in der Games-Branche.
Wie kommt man aus einem Dorf mit 650 ­Einwohnern zur Großkanzlei?
Reiner Zufall. Eigentlich wollte ich Richterin werden. Ich hatte mal ein Schülerpraktikum bei einem Anwalt um die Ecke gemacht, ­Verkehrsdelikte und Mietstreit. Im Referendariat habe ich eine Station bei Freshfields absolviert.
Und jetzt beraten Sie Großmandanten wie Nintendo zur Datenschutz-Grundverordnung.
Ich habe mich schon immer für das Datenschutzrecht interessiert. Da ich mich persönlich für Games interessiere, ist die Kombination umso schöner.
Was zocken Sie nach Feierabend?
Früher habe ich immer gerne Tomb Raider gespielt, also Lara Croft. Heute verbringe ich freie Zeit lieber mit meinen Pferden. Die stehen hier draußen im Taunus. (av)

Christina Mann (36)

Unternehmen:
Schaeffler

Aufgewachsen in:
Rheinau (Baden-Württemberg)

Erste berufliche Station:
Willkie Farr & Gallagher

Fachgebiet:
M&A

Herzogenaurach statt Mainhattan

Dass die Frankfurter ihre Stadt mit stolz
geschwellter Brust „Mainhattan“ nennen, darüber kann Christina Mann herzlich lachen. „Main – what?“ fragt sie dann. Vor allem nach ihrer Station im New Yorker Büro von Willkie Farr & Gallagher 2016 kam ihr Frankfurt provinziell vor. Da ahnte sie noch nicht, dass es sie ein gutes Jahr später mitten ins mittelfränkische Herzogenaurach verschlagen würde, zu Schaeffler als M&A-Counsel. Ist nun auch keine echte Metropole, aber Christina Mann kann das erklären: „Wenn ich eine spannende Aufgabe sehe, ist der Ort zweitrangig.“

Beim Einkaufen die falsche Kasse zu ­erwischen, macht ihr schlechte Laune. Gerät sie im Leben auf die falsche Spur, korrigiert sie das äußerst konsequent. So etwa, als ihre Auswanderungspläne nach Australien scheiterten. Denn als sie nach einem halben Jahr in Adelaide feststellte, dass sich ihre Erwartungen nicht erfüllten, zog sie die Reißleine, kehrte nach Deutschland zurück und stieg im Frankfurter Büro von Willkie ein. An der Seite des damaligen Managing-Partners ­Mario Schmidt machte sie sich schnell einen Namen in der Private-Equity-Szene.

Fünf Jahre Willkie heißt aber nicht nur Erfolg, sondern auch harte Arbeit. Denn in dieser Zeit stemmte die US-Kanzlei eine Reihe von Deals, die die Schlagzeilen beherrschten. Darunter etwa die Beratung von Hudson Bay bei der Übernahme von Galeria Kaufhof für 2,8 Milliarden Euro. Obwohl Christina Mann bei Willkie durchaus Chancen auf die Partnerschaft gehabt hätte, wechselte sie zu Schaeffler, weil sie die Aufgaben dort reizten. Damit zog sie auch ins benachbarte Nürnberg – und das ist fast dörflich im Vergleich zu Mainhattan. (EF)

Sylvia Ebersberger (39)

Kanzlei:
DLA Piper

Aufgewachsen in:
Crimmitschau bei Zwickau

Erste berufliche Station:
White & Case

Fachgebiet:
IT, Commercial

Zukunftsmusik fürs Auto

Für Sylvia Ebersberger ist der Diesel Schnee von gestern. Mit der Aufarbeitung des VW-Skandals und den Prozessen um Fahrverbote sollen sich ruhig andere beschäftigen. Die Projekte der Münchner DLA Piper-Counsel bewegen sich zwar oft in der Automobilbranche, befinden sich aber meist noch im Stadium Zukunftsmusik. Zuletzt ging es dabei etwa um Kooperationen zum Wasserstoffantrieb oder gemeinsame Plattformen. Mehr will Ebersberger nicht verraten, denn die Autokonzerne und Kfz-Zulieferer, die zu ihren Mandanten zählen, wollen sich noch nicht in die Karten schauen lassen. Mit ihrer Spezialisierung trifft die Münchner Anwältin den Nerv der Zeit – und bei DLA kann sie sie perfekt ausleben.

Zuvor hatte Ebersberger fast zehn Jahre bei White & Case gearbeitet, erst in Frankfurt, dann in München. Vom klassischen M&A wechselte sie schon damals zur Beratung großer Industriekooperationen. Als die US-Kanzlei 2016 ihr Büro an der Isar schloss, sollte Ebersberger wieder zurück nach Frankfurt gehen – doch da war gerade ihre zweite Tochter geboren. Und sie war in München schon heimisch geworden. Außerdem passte ihr Geschäft nicht mehr so recht zum Transaktionsfokus von White & Case, der im Zuge einer weltweiten strategischen Neuausrichtung der Kanzlei immer stärkeres Gewicht erhielt.

Zur Münchner IT-Praxis von DLA, die sich im Markt für digitale Themen gut positioniert hat, passte es dafür umso besser. Zudem hat sie in ihrer neuen Kanzlei genug Flexibilität, um Familie und Karriere unter einen Hut zu bekommen. Das ist wichtig. Denn auch ihre eigene Zukunft hat Ebersberger gut im Blick. (CA)

Kathrin Mehler (37)

Unternehmen:
Commerzbank

Aufgewachsen in:
Fulda

Erste berufliche Station:
CMS Hasche Sigle

Fachgebiet:
Digitalisierung und -Innovation

Die Seitenwechslerin

„Das kommt darauf an.“ Wenn Dr. Kathrin Mehler diesen Satz hört, weiß sie genau, was sie an ihrem Beruf stört. Es ist das verstaubte Image, das Juristen immer noch anhaftet. Und dieser Satz bringt es auf den Punkt. Sie mag ihn auch deswegen nicht, weil er so gar nichts damit zu tun hat, was ihren Job ausmacht. Als Verantwortliche für Digitalisierung und Innovation bei der Commerzbank ist ihr Job das Gegenteil von staubig. Als die Bank diese Position vor zwei Jahren schuf, galt sie als Vorreiterin – und Mehler wusste sofort: Das ist genau ihr Ding.

Denn es geht darum, „sich in den Kunden hineinzuversetzen“, sagt sie. Zu verstehen, welche digitalen Produkte der Kunde wirklich braucht, um auch in Zukunft erfolgreich zu sein. Und dafür hat sie sich schon interessiert, als sie selbst noch auf der anderen Seite stand. Bereits nach dem Ersten Staatsexamen saß sie als Vertreterin im sogenannten Kundenbeirat der Commerzbank. 5.000 Bewerber hatte es für diese Position gegeben, Mehler wurde genommen. „Das waren spannende Ausflüge nach Frankfurt“, erinnert sie sich. „Wann sonst hat man als Kunde die Gelegenheit, mit Vertretern des Vorstandes seiner Bank zu sprechen?“

Von diesem Augenblick an brach der Kontakt zur Bank nicht mehr ab, nach zwei Jahren bei CMS Hasche Sigle wechselte sie auf Unternehmensseite.

Was sie in ihrer Laufbahn geprägt hat? Über diese Frage muss Mehler nicht lange nachdenken: Für anderthalb Jahre wechselte sie den Schreibtisch im eigenen Büro mit dem in einem Großraumbüro einer Mittelstandsbank und beriet fortan Kunden zu syndizierten Krediten. Warum? Um die andere Seite kennenzulernen – wieder einmal. (EF)

Natalie Daghles (38)

Kanzlei:
Latham & Watkins

Aufgewachsen in:
Schloß Ricklingen bei Hannover

Erste berufliche Station:
Shearman & Sterling

Fachgebiet:
M&A

Tausend Seiten Klauseln

Ein Typ für Streitereien vor Gericht ist sie nicht. Regelmäßig 300-Seiten-Klageschriften wälzen – zu langweilig. Entscheidungen treffen, das ist ihr Ding. Gerne viele, immer aufs Neue – „damit sich was bewegt.“ Am liebsten schwingt Dr. Natalie Daghles das Zepter bei Transaktionen: Sie verteilt Aufgaben, behält den Überblick – auch wenn es mal eng wird und die Zeit drängt. Unter Druck präzise zu arbeiten, dabei Ruhe zu bewahren und die richtigen Entscheidungen treffen, das sind ihre Paradedisziplinen.

Seit 2013 ist Daghles M&A-Anwältin bei Latham & Watkins, seit 2018 als Partnerin – momentan die jüngste bei Latham. Durchatmen tut die Mutter von zwei Kindern aber noch lange nicht: „Als Partnerin fängt der Spaß doch erst richtig an, weil man in der Position viel eher etwas mitgestalten und bewegen kann.“

Dass M&A ihr Reich ist, weiß Daghles, seitdem sie 2005 als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Shearman & Sterling anfing und merkte: „Mich interessieren die wirtschaftlichen Aspekte von Unternehmenskäufen.“ Denn sie geben der Arbeit von Transaktionsanwälten die Würze. Tausend Seiten Klauseln verhandeln – das klingt für Daghles reizvoll. Vor allem dann, wenn daran Wohl und Wehe ganzer Konzerne hängen, und damit mitunter das Schicksal tausender Mitarbeiter.

Auf ihrem Weg in die Partnerschaft hat sich Daghles nie daran gestört, dass Frauen im Transaktionsgeschäft eher selten sind. Und Partnerinnen mit zwei Kindern erst recht. Sie sieht das eher sportlich und denkt schon an den nächsten Schritt: „Für Latham und mich steht jetzt erstmal der Angriff der Marktspitze auf dem Plan.“ (hh)

Katharina Saulich (35)

Kanzlei:
Gibson Dunn & Crutcher

Aufgewachsen in:
Erlangen, mit elf Jahren dann nach England gezogen

Erste berufliche Station:
Gibson Dunn & Crutcher

Fachgebiet:
Corporate Governance, Compliance

Die Umtriebige

JUVE: Wie würden Sie sich selbst mit einem Adjektiv beschreiben?
Katharina Saulich: Umtriebig. Ich bin niemand, der im stillen Kämmerlein vor sich hinarbeitet. Ich arbeite gern mit Menschen und treibe im Team gern Projekte voran.
Und wenn Kollegen Sie mit einem Wort beschreiben sollten?
Ich denke, die würden das ganz ähnlich sehen.
Welche Art von Mandaten ist Ihnen am liebsten?
Compliance-Mandate sind sehr abwechslungsreich und juristisch anspruchsvoll. Etwa bei grenzüberschreitenden Untersuchungen, bei denen mehrere Jurisdiktionen eine Rolle spielen, oder auch bei der Prüfung und Zertifizierung von Compliance-Systemen.
Was ist charakteristisch für die Arbeit als Compliance-Anwältin?
Die enge Zusammenarbeit mit den Mandanten – und dass wir mit ihnen laufend die großen Themen der Zukunft sondieren: Wohin entwickelt sich Compliance? Welche Compliance-Aspekte bringt zum Beispiel künstliche Intelligenz mit sich? Das macht die Arbeit spannend.
Was würden Sie tun, wenn Sie unendlich viel Geld hätten?
Da fallen mir zwei Dinge ein: Ich hätte gerne eine Hütte in den Alpen mit herrlichem Blick auf die Bergkulisse für gemütliche Tage mit Freunden und Familie. Im Winter könnten wir einfach vor der Tür die Skier anschnallen. Und ich würde gerne ohne prüfenden Blick auf mein Bankkonto das ein oder andere Kunstwerk kaufen. (mel)

 

Vanessa Schürmann (38)

Kanzlei:
White & Case

Aufgewachsen in:
Toronto

Erste berufliche Station:
Allen & Overy

Fachgebiet:
Bank- und Finanzrecht

Hebelfinanzierungen statt Holzterrassen

Die lila Fingernägel fliegen durch die Luft. Selbst wer keine der drei von ihr fließend beherrschten Sprachen versteht, sieht diese Hände, die sagen: Wir regen uns, bis wir die Lösung am Wickel haben. Ob das entscheidende Element für diese Lösung von ihr oder von ihren Kollegen Gernot Wagner und ­Rebecca Emory stammt, ist ihr dabei weniger wichtig als der Erfolg. In dieser unternehmerischen Sichtweise sind sich die drei ähnlich.

Zu White & Case zog sie 2014 auch die Aussicht, mit dem Londoner Private-Equity-Partner Ian Bagshaw zusammen­arbeiten. Das Trio kam gemeinsam von Allen & Overy, wo Schürmann neun Jahre als Associate gearbeitet hatte, davon zwischendurch eines als Secondment in der Finanzierungsabteilung der britischen Großbank HSBC in London. Getrennt marschierend, vereint schlagend, bringen sie nun ihre jeweiligen Spezialitäten ins Team ein. Für Schürmann bedeutet das: Sie kümmert sich um das Darlehensgeschäft und gilt als Expertin für Bank-/Bond- und gehebelte Finanzierungen. Außerdem baute sie in Frankfurt die ‚English Law Banking‘-Praxis der Kanzlei auf. Vergangenes Jahr beriet sie etwa den Fußbodenhersteller Pfleiderer bei einer Finanzierung über 450 Millionen Euro.

Sie kennt sich nicht nur damit aus, ­finanzrechtlich dicke Bretter zu bohren. Um als Studentin in Toronto Geld zu verdienen, gründete sie ihr eigenes Unternehmen und renovierte Holzterrassen. Ihr Vorbild? Da ist sie flexibel. „Verschiedene Vorbilder für unterschiedliche Bereiche – weil ein einzelnes Vorbild nicht überall zu mir passt.“ Und die wichtigste Voraussetzung für Erfolg? Für Schürmann ganz einfach: dass man sich für seine Arbeit begeistern kann. Dann kommt auch alles Weitere. (LS)

Martina Stegmaier (35)

Unternehmen:
Deutsche Bank

Aufgewachsen in:
Leonberg

Erste berufliche Station:
Freshfields Bruckhaus Deringer

Fachgebiet:
Aufsichtsrecht

Die Brexit-Expertin

Am 29. März um 23 Uhr britischer Zeit sollte es eigentlich soweit sein. Großbritannien hätte die Europäische Union verlassen sollen. Nun kommt alles anders. Martina Stegmaier hat das Thema Brexit schon lange vor dem aktuellen politischen Chaos beschäftigt. Als Expertin für aufsichtsrechtliche Fragen ist sie Teil des Teams, das sich bei der Deutschen Bank um die Brexit-Vorbereitung kümmert. Drei Monate hat sie schon in London verbracht, um ihre Kollegen vor Ort zu den deutschrechtlichen Aspekten zu unterstützen.

Das Aufsichtsrecht ist Stegmaiers Leidenschaft. Die hatte sie bei Freshfields Bruckhaus Deringer entdeckt: Als wissenschaftliche Mitarbeiterin lernte Stegmaier das Fachgebiet kennen.

Mit dem Wechsel auf Unternehmensseite wollte sie noch näher ran ans Geschäft und besser verstehen lernen, wie eine Bank in ihren feinsten Verästelungen funktioniert. Dieser Wunsch hat sich erfüllt. Dabei hielten ihre Eltern eigentlich anfangs gar nichts von Jura. Sie solle doch lieber Journalistin oder Architektin werden. Das wäre doch genau das Richtige für ihre Tochter, den kreativen Kopf. Stegmaier war das aber zu unsicher. Und heute weiß sie: Auch Jura ist alles andere als trocken. Insbesondere, wenn es um das Thema Brexit geht.

Seit November kümmert sich die Senior Legal Counsel aber nicht nur um Aufsichtsrecht, sondern auch um Strukturierte Finanzierung: Sie macht ein internes Secondement. Das beschert ihr einen zweiten Schreibtisch und jede Menge Arbeit, aber vor allem auch einen Blick über den Tellerrand. Doch bislang konnten die syndizierten Kreditverträge noch nicht ihr Herz erobern. Aufsichtsrecht ist gerade einfach zu spannend. (cn)

Anahita Thoms (37)

Kanzlei:
Baker & McKenzie

Aufgewachsen in:
D
üsseldorf

Erste berufliche Station:
Freshfields Bruckhaus Deringer

Fachgebiet:
Außenwirtschaftsrecht/Compliance

Wenig Schlaf, viel Schwung

In einer internationalen Wirtschaftskanzlei arbeiten und Gutes tun? Für Anahita Thoms kein Widerspruch. Schon während ihrer Zeit im New Yorker Büro von Freshfields Bruckhaus Deringer ­beriet sie kostenlos Opfer von Menschen­handel. Schließlich war es ihr Interesse für Menschenrechte und internationales Völkerrecht, das sie einst zum Jurastudium gebracht hatte. „Ich hätte mir auch gut vorstellen können, für das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR zu arbeiten“, sagt Thoms, deren Eltern selbst als politische Flüchtlinge aus dem Iran nach Deutschland kamen, als sie ein Kind war.

Stattdessen startete sie ihre Karriere in der Immobilienrechtspraxis von Freshfields. Doch als das Angebot kam, in das Team des Außenwirtschaftsrechtlers Hans-Joachim Prieß zu wechseln, musste Thoms nicht lange überlegen – vor allem die internationale Arbeit reizte sie. Genauso wenig zögerte Thoms, als ihre heutige Kanzlei Baker ihr 2017 anbot, als Partnerin die Praxisgruppe International Trade aufzubauen und zu leiten.

Der Erfolg geht bei Thoms einher mit dem üblichen Spagat zwischen Beruf und Privat­leben. „Ich schlafe wenig. Und zum Sport bin ich auch schon lange nicht mehr gekommen“, sagt sie. Doch 14-Stunden-Tage und fachliches Know-how allein machen noch keine Partnerin – vor allem aus einer jungen Frau mit zwei kleinen Kindern, die nicht in Deutschland geboren wurde: „Mein Umfeld behandelt mich in erster Linie als ­Juristin“, sagt Thoms. Herkunft und Geschlecht seien nachrangig gewesen. „Die Partner, mit denen ich gearbeitet habe, haben immer an mich geglaubt und mich gefördert. Das ist mehr wert als alle Frauenförderprogramme.“ (ric)

Louisa Specht-Riemenschneider (34)

Universität Bonn

Aufgewachsen in:
Rastede

Erste berufliche Station:
Küster Klas & Kollegen

Position:
Lehrstuhlinhaberin für Bürgerliches Recht, Informations- und Datenrecht an der Universität Bonn

Die Forscherin

JUVE: Mit 34 Jahren sind Sie schon Lehrstuhlinhaberin an der Uni Bonn. War für Sie selbst immer schon klar, dass Sie Jura studieren wollen?
Prof. Louisa Specht-Riemenschneider: Nein, ursprünglich wollte ich Journalismus studieren. Allerdings meinte einer meiner Lehrer einmal, dass doch ein Jurastudium zu mir passen würde. Ich weiß nicht mehr genau, woran er das festgemacht hat, eventuell aber daran, dass ich an Diskussionen zum Thema Gerechtigkeit immer rege teilgenommen habe.
Nach Ihrem Studium haben Sie zunächst in Kanzleien gearbeitet. War das auch während des Studiums Ihr vorrangiges Ziel?
Ich wollte während des Studiums immer in eine Großkanzlei. Als ich dann aber in kleineren Kanzleien gearbeitet habe, fand ich es dort schöner und hatte mehr Spaß. Es ist letztlich eine Typenfrage: Großkanzleien sind meines Erachtens etwas für diejenigen, die primär international tätig sein wollen. Bei mittelständischen Kanzleien wiederum hat man früh mehr Verantwortung im Mandat und es herrscht eine persönlichere Atmosphäre. Mir persönlich gefiel dies besser.
Was macht eine Universität als Arbeitsumfeld besser als eine Kanzlei?
Die Arbeit in Kanzleien ist immer an Fristen gebunden. Im Gegensatz dazu kann man sich in der Universität auch mal ausreichend Zeit für Themen nehmen und dadurch auch vertieft wissenschaftlich arbeiten. Genau das hat mir in der Kanzlei gefehlt.
Sie haben bereits unterschiedliche Preise in ­Ihrem Forschungsgebiet gewonnen. Sind Sie generell ein Wettkampftyp?
Überhaupt nicht. Wenn ich damals mit anderen Tennis gespielt habe, dann am liebsten ohne Punkte. Und Brettspiele mussten so oft gespielt werden, bis ich gewinne. (dk)

Nora Klug (43)

Unternehmen:
BSH Hausgeräte

Aufgewachsen in:
Kaiserslautern

Erste berufliche Station:
LSG Lufthansa Service Holding

Fachgebiet:
Compliance

Die Klartexterin

JUVE: Frau Klug, mit 34 Jahren waren Sie beim Werkzeughersteller Hilti die Leiterin für Recht und Compliance, zwei Jahre später General Counsel bei BSH Hausgeräte. Was begeistert Sie an der Arbeit als Unternehmensjuristin?
Nora Klug: Ich bin Teil des Unternehmens und nehme von innen Einfluss auf Organisationsstrukturen, Prozesse und Ergebnisse. Mit dieser Nähe zum geschäftlichen Geschehen kann ich den größtmöglichen Mehrwert für ein Unternehmen schaffen – dafür brenne ich und stecke gern mein Herzblut hinein.
Wer ist in beruflicher Hinsicht Ihr Vorbild?
Ich hatte schon mehrmals das Glück, Menschen zu begegnen, die Beeindruckendes vorgelebt haben. Einer von ihnen ist Jörg Kampmeyer, heute unter anderem CFO in der Hilti-Konzernleitung. Von ihm habe ich gelernt, was in Teams den Unterschied zwischen Mittelmaß und Höchstleistung ausmacht und wie zentral die gezielte Auswahl und Entwicklung von Mitarbeitern ist.
Was war Ihre größte Herausforderung bisher?
Das war sicherlich die Reintegration von Compliance in den globalen Rechtsbereich. Einerseits galt es, die Compliance-Organisation mit großer Sichtbarkeit für den Konzern weiter zu stärken; gleichzeitig musste ich ein erfolgreiches Team für Recht und Compliance formieren. Ich forme gerne Teams und habe große Freude an deren Entwicklung und Optimierung. Aber ein eingespieltes Team in ein anderes zu integrieren, ist eine andere Nummer.
In einem Artikel, den Sie mal verfasst haben, geben Sie an, Klartext zu lieben …
Das stimmt nach wie vor und es entspricht meinem Naturell, Komplexes einfach auszudrücken. Das erwartet auch mein Arbeits­umfeld: kurze, aber auf den Punkt gebrachte Informationen. (mel)