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11.03.2019 | Autor/in: azur Redaktion

Siemens – azur100 Top-Arbeitgeber 2019 – Platz 32

Alles so schön neu hier. Siemens steckt zwar nicht im ersten, aber dem wohl radikalsten Umbau der jüngeren Konzerngeschichte. Mehr Eigenständigkeit für die Konzernsparten und -töchter, eine schlankere zentrale Dachgesellschaft, mehr Flexibilität und höhere Rendite – das sind die Leitmotive der Neustrukturierung. Für die Rechtsabteilung bedeutet das zunächst einmal jede Menge Arbeit, perspektivisch aber eher geringes personelles Wachstum. Die Laune der Syndizi bleibt davon ungetrübt. Sie vergeben in der azur-Associate-Umfrage überdurchschnittliche Noten zum Betriebsklima in ihrem Unternehmen. Auch mit dem Niveau ihrer Arbeit sind sie ausgesprochen zufrieden, ebenso mit ihrem Arbeitgeber insgesamt. Lediglich die verwinkelten internen Strukturen, die gelegentlich mehr Aufmerksamkeit verlangen als die ­eigentliche Rechtsberatung, trüben für manche das positive Bild.

Starke Einbindung ins Geschehen. In puncto Nachwuchsförderung konzentriert sich Siemens vor allem auf Referendare. Sie haben von Anfang an einen Mentor zur Seite und können unterschiedliche Rechtsabteilungen im Unternehmen kennenlernen. Zusammen mit den Syndizi stehen auch mal Geschäftstermine und der direkte Kontakt mit internen Mandanten auf der Tagesordnung. Besonders talentierte Referendare setzt Siemens in Einzelfällen auch außerhalb Deutschlands ein, etwa in Dubai, Hongkong oder Südkorea. In der azur-Bewerberumfrage lobt ein Ex-Referendar seinen Einsatz als „immer nah dran am Geschehen“. Für Praktikanten gibt es kaum spezifische Angebote, stattdessen werden sie ähnlich wie die Referendare in die tägliche Arbeit eingebunden.

Aus Fehlern wird man klug. Syndizi absolvieren innerhalb von drei Jahren eine sechs Module umfassende Weiterbildung. Für Neueinsteiger geht es zunächst in einem zehntägigen Training um Themen wie Risiko- und Verhandlungsmanagement, aber auch um die interne Vernetzung. Um sich schnell im Geschäftsalltag zurechtzufinden, haben auch die Syndizi vom Start weg einen Mentor. Neu und für ein so traditionell strukturiertes Unternehmen eher ungewöhnlich ist daneben ein Fortbildungsformat, das Siemens aus der Start-up-Szene importiert hat: Erfahrene Kollegen berichten von eigenen Fehlern aus ihrer beruflichen Praxis. Dadurch sollen jüngere Kollegen für ihre eigene Karriere lernen, aber auch die Scheu vor Fehltritten verlieren. Die Syndizi selbst sind vom Aus- und Fortbildungsangebot weitgehend überzeugt, wie die überdurchschnittlich guten Noten in der azur-Associate-Umfrage zeigen.

Lücken im System. Wie die meisten internationalen Großkonzerne bietet auch Siemens Aufstiegsmöglichkeiten in Hülle und Fülle – theoretisch. In der Praxis bewerten die Syndizi in der azur-Umfrage ihre Karrierechancen innerhalb der Rechtsabteilung mäßig, außerhalb sogar eher schlecht. Zwar hat Siemens für interne Bewerbungen eigens eine Onlinestellenbörse für Mitarbeiter geschaffen, doch das stellt die Inhouse­anwälte nicht zufrieden. Sie fordern in der azur-Associate-Umfrage eine „klarere Kommunikation von Aufstiegs- und Entwicklungschancen“ ­sowie „durchlässigere und flexiblere Strukturen“. Auch mit der Kommunikation durch den Arbeitgeber hapert es nach Ansicht der Umfrage­teilnehmer. Manche fordern zudem, für jede Führungsposition auch „mindestens eine weibliche Kandidatin“ antreten zu lassen. Ganz grundsätzlich schätzt die Mehrheit der Siemens-Syndizi in der azur-­Umfrage die Gleichbehandlung von Männern und Frauen bei ihrem ­Arbeitgeber jedoch positiv ein.

Gute Work-Life-Balance. Auch beim Thema Vereinbarkeit von Karriere und Familie ist Siemens durchaus typisch für einen Dax-Konzern aufgestellt und bietet zahlreiche Erleichterungen für Eltern, aber auch etwa bei der Pflege von Angehörigen. Die Syndizi bewerten diese Angebote in der azur-Associate-Umfrage dennoch leicht unterdurchschnittlich und fordern etwa „Homeoffice ohne Wenn und Aber bei Krankheit der Kinder“. Überdurchschnittlich fällt dagegen die Bewertung der Work-Life-Balance aus, und in der Tat sitzen die Siemens-Juristen laut azur-Associate-Umfrage mit etwas über 45 Wochenstunden nur minimal länger am Schreibtisch als der Inhouse-Marktdurchschnitt. Trotzdem sehen sie noch Verbesserungspotenzial: Sie fordern unter anderem eine „gleichmäßigere Auslastung aller Anwälte“ und „mehr Personal“.

„Interessanter Arbeitgeber, da er viele Jobs im ­juristischen Umfeld bietet und man innerhalb wechseln kann“

„Ein guter Arbeitgeber alter Schule, der für seine Mitarbeiter sorgt“

„Sympathische Kollegen und lockere Atmosphäre“

„Aufstiegs- und Entwicklungsmöglichkeiten werden nicht klar erkennbar“

„Bessere Aufstiegschancen für in Teilzeit arbeitende Frauen sollten geschaffen werden“

„Die ständige Erreichbarkeit über Handy muss ­überdacht werden“

„Gute Juristen, die auch unternehmerisch denken und handeln können“

„Lebt eine authentische Kultur von Diversity“

„Interessante Projekte und gutes Gehalt, aber ­bürokratische Strukturen“

▪ Strukturiertes Einarbeiten und Betreuen durch ­Referendarbeauftragte und Mentoren

▪ Referendarstation im Ausland in Einzelfällen

▪ Umfangreiches Kolloquium zu fachlichen und ­sozialen Themen

▪ Gezielte Schulungen zu virtuellen Themen

▪ Diversity-Netzwerke wie ‚Global Leadership of ­Women‘

▪ Gezieltes weltweites Talentmanagement nach ­Diversity-Kriterien

Ein Kriterium für erhöhte Qualifikation und Talent sieht Siemens bei Bewerbern in zwei vollbefriedigenden Staatsexamina. Zwar sind diese positionsabhängig nicht immer zwingend notwendig, in der Mehrheit der Fälle legt das Unternehmen jedoch Wert auf das Doppelprädikat. Auch Englischkenntnisse setzt das Unternehmen voraus und prüft diese im Vorstellungsgespräch ab. Zusätzlich sollten Bewerber IT-Kenntnisse vorweisen können, diese werden jedoch nicht gesondert geprüft. Das Bewerbungsgespräch führt eine Person aus der entsprechenden Rechtsabteilung sowie eine Person aus der Personalabteilung mit dem Bewerber. 

Branche: Technologiekonzern mit Schwerpunkten in den Gebieten ­Elektrifizierung, Automatisierung und Digitalisierung

Standorte in Deutschland: München (Konzernzentrale) und Erlangen, daneben Berlin, Bonn, Duisburg, Hamburg, Nürnberg, Offenbach u.a. (insgesamt an rund 20 Standorten)

Umsatz 2018: 83 Milliarden Euro (Gewinn: 6,2 Milliarden Euro)

Internationale Präsenz: Siemens beschäftigt Juristen an mehr als 60 Standorten weltweit. Insgesamt sind rund 379.000 Beschäftigte für den Konzern tätig.

Aktuelle Entwicklungen: Für Siemens sind turbulente Zeiten angebrochen. Derzeit läuft eine grundlegende Konzernumstrukturierung – bisher wurden die Windenergie- und Gesundheitssparten abgespalten, parallel will Siemens das Schnellzuggeschäft mit dem des französischen Wett­bewerbers Alstom zusammenlegen. Auch die übrigen Konzernbereiche sollen in den nächsten Jahren mehr Eigenständigkeit erhalten und profitabler werden.

Renommee: Die Siemens-Rechtsabteilung zählt nicht nur zu den größten in Deutschland, sie genießt im Markt auch ein hohes Renommee. Anwälte aus Kanzleien, die regelmäßig mit ihren Siemens-Kollegen zu tun haben, beschreiben ihre Gegenparts im Konzern als „fachlich sehr fit“ oder gar als „brillante Juristen“ und loben: „professionell, aber zugleich sehr umgänglich und angenehm in der Zusammenarbeit“. Viel Lob erhält auch die Compliance-Abteilung, die eine der erfahrensten und größten im Kreis der Dax-Konzerne ist. Auch im Transaktions- und Finanzbereich kann Siemens auf Teams hoch spezialisierter Juristen zurückgreifen, die nach allgemeiner Ansicht der Marktteilnehmer den Vergleich mit Top-Kanzleien nicht zu scheuen brauchen. Einige Externe bemängeln allerdings „bürokratische Strukturen“ und beobachten, dass Siemens sich „mit Regularien und Zuständigkeitsstreitigkeiten selbst hemmt“.

Volljuristen in Deutschland: 280 in der Rechtsabteilung

Frauenanteil in der Rechtsabteilung: 41,1%

Weitere Juristen (z.B. Dipl.-Jur., LL.B.) in Deutschland: keine Angaben

Neueinstellungen Volljuristen 2019: nach Bedarf

Referendarplätze 2019: 60         

Praktikumsplätze 2019: 5

Wissenschaftliche Mitarbeiter: werden nicht beschäftigt

Referendare: max. 1.000 Euro/Monat

Syndikusanwälte

  1. Jahr: 104.000 Euro plus Bonus
  2. Jahr: 107.000 Euro plus Bonus
  3. Jahr: 109.000 Euro plus Bonus

Wer bei Siemens auf der Eingangsstufe Counsel beginnt, kann in der Regel nach drei Jahren den Sprung zum Senior Counsel schaffen. Die nächste Karrierestufe Lead Counsel beinhaltet bereits Gruppenleitungsfunktionen. Im Konzern gibt es zahlreiche Rechtsabteilungsleiter auf der Ebene von Regionen oder Geschäftssparten. Diese mittleren Managementpositionen besetzt Siemens vorzugsweise aus den eigenen Reihen. Ein Up-or-out-Prinzip gibt es nicht, auch ohne die Übernahme von Personalverantwortung ist eine Karriere als juristischer Spezialist möglich. Siemens betont die Durchlässigkeit zwischen den Karrierewegen, dennoch sehen die Siemens-Syndizi laut azur-Umfrage ihre Karrieremöglichkeiten vor allem außerhalb der Rechtsabteilung eher kritisch.

Die Arbeitgeberporträts geben den Stand der Druckausgabe von azur100 2019 wieder (Erscheinungstermin: 14. März 2019) und werden nicht laufend aktualisiert.
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