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07.03.2019 | Autor/in: azur Redaktion

Gleiss Lutz – azur100 Top-Arbeitgeber 2019 – Platz 3

Läuft und läuft und läuft. Das VW-Großmandat zum Dieselskandal bestimmt weiterhin den Alltag der Kanzlei – und verändert ihn maßgeblich, denn Gleiss Lutz setzt viel mehr als früher auf große, praxisgruppenübergreifende Teams. Anders sind Mandate dieser Größenordnung auch kaum zu bewältigen – allein Dieselgate beschäftigte in den vergangenen Jahren Hunderte Anwälte. Immer mittendrin: die Associates, die nun auch früher in die Verantwortung genommen werden. So beschäftigt die Kanzlei jetzt auch viele Projektjuristen, die teilweise von First-Year-Associates geführt werden. Kaum überraschend, dass die Associates in puncto Niveau der Arbeitsinhalte in der azur-Umfrage überdurchschnittlich gute Noten vergeben. Beschwerden über zu eintönige Arbeit in Großmandaten, die im vergangenen Jahr noch virulent waren, scheinen zumindest für den Moment erledigt zu sein.

Breites Angebot für Referendare und Praktikanten. Bei so viel Verantwortung zahlt sich auch aus, dass Gleiss Lutz schon seit Jahren viel Energie in die Ausbildung ihrer Mitarbeiter gesteckt hat. Und das beginnt bereits bei den Praktikanten: „Die Praktikanten werden in die Alltagsarbeit eingebunden“, lobte ein ehemaliger Praktikant in der azur-Umfrage, ein anderer ist begeistert von der „anspruchsvollen Tätigkeit.“ Schon seit Jahren gibt es die interne Gleiss Lutz-Akademie, deren Kurse auch Referendaren offenstehen, die zusätzlich auch an Legal-English-Kursen sowie einem Aktenvortragstraining teilnehmen können. „Es gibt umfangreiche Weiterbildungsangebote und sofortige Einbindung in die Mandatsarbeit“, lobt ein Referendar. Gleichwohl berichten einzelne Asso­ciates, dass die Angebote für Berufseinsteiger zwar prima seien, aber gelegentlich die Ausbildung der erfahreneren Anwälte leide. Zudem hänge die Weiterbildung noch sehr vom Engagement einzelner Partner ab. Dabei kann sich das Angebot durchaus sehen lassen: Die interne Akademie bietet ein umfangreiches Programm in Hard wie Soft Skills, zuletzt etwa erweitert um Business Development und Kommunikationsstrategien. Die fachlichen Fortbildungen der Gesellschaftsrechts- und Transaktionspraxis werden außerdem immer stärker von Associates anderer Praxisgruppen in Anspruch genommen.

Die Ampel steht oft auf Rot. Ein Dauerthema bleibt für die Gleiss-Associates die Arbeitsbelastung, die laut der azur-Associate-Umfrage mit durchschnittlich knapp 59 Wochenstunden ein ganzes Stück über dem markt­üblichen Mittel liegt. Entsprechend unterdurchschnittlich fällt die Zufriedenheit der Umfrageteilnehmer in diesem Punkt aus – und das, obwohl immer mehr Praxen inzwischen auf ein interaktives Ampelsystem zur Auslastungssteuerung setzen. So fordert ein Associate in der Umfrage „eine ausgeglichenere Auslastung innerhalb des Teams und zwischen den Teams“. Gleiss Lutz müsse „stärker auf eine gerechte Arbeitsverteilung und -belastung achten“, schreibt ein weiterer.

Partneroffensive. Dass die Kanzlei Teilzeitmodelle, flexible Arbeitszeiten und sogar Sabbaticals bietet, heben die Teilnehmer der azur-Asso­ciate-Umfrage positiv hervor. Dennoch geben sie ihrer Kanzlei für die Work-Life-Balance unterdurchschnittliche Noten. Ein weiterer Kritikpunkt sind die Aufstiegschancen – auch unter dem Eindruck des vorangegangenen Geschäftsjahrs, in dem kein einziger Neupartner ernannt wurde. Zum Jahresbeginn 2019 machte die Kanzlei dies mit gleich fünf Partnerernennungen allerdings mehr als wett. Dennoch würden viele Associates Gleiss für bessere Aufstiegsmöglichkeiten den Rücken kehren und zu ­einem anderen Arbeitgeber wechseln – in der azur-Umfrage ist dies der von den Gleiss-Associates am häufigsten genannte Wechselgrund.

Frauen in zweiter Reihe. Für die befragten Frauen gäbe es laut azur-Umfrage noch einen weiteren Grund: Die meisten zweifeln daran, dass sich Karriere und die Familie unter einen Hut bringen lassen. Trotz der finanziellen Förderung von Kitaplätzen, Teilzeitmodellen und speziellen Förderprogrammen sinkt der Frauenanteil im Karriereverlauf ähnlich stark wie in den meisten anderen Kanzleien. Fast die Häfte der Asso­ciates sind weiblich, unter den 87 Vollpartnern sind aber nur zehn ­Frauen. Gemessen am dürftigen Standard der Großkanzleien ist das ­sogar noch überdurchschnittlich, auch unter den Neupartnern zum ­Jahreswechsel war wieder eine Frau. Als leuchtendes Vorbild im Markt kann Gleiss in diesem Punkt allerdings noch immer nicht gelten.

„Viele coole Socken und ein paar schräge Vögel“

„Lockerer und internationaler, als man von außen denkt“

„Sehr gute kollegiale Zusammenarbeit mit anderen Praxisgruppen“

„Gleiss Lutz hat das Potenzial, ein wirklich toller ­Arbeitgeber zu sein. Leider stehen die Partner und ihr Geiz dem im Weg“

„Der Gehaltsunterschied zwischen erfahrenen ­Anwälten und Junganwälten ist zu gering und ­spiegelt nicht die steigende Belastung und ­Verantwortung wider“

„Berufseinsteigern wird viel geboten. Bestands­juristen haben das Nachsehen“

„Fachlich sehr hohes Niveau, allerdings auch ­sportliche Arbeitszeiten“

„Ein extrem professionell geführter Laden; tolle Mandate und sehr nette Kollegen“

„Steif und konservativ, viele Associates nehmen sich etwas zu ernst“

▪ Bezahlte Gruppenpraktika mit Verhandlungs- und Präsentationsworkshops

▪ Viel gelobtes Referendarprogramm mit Examensvorbereitung durch Repetitor Kaiser

▪ Vermittlung bezahlter Stagen in befreundeten ­ausländischen Kanzleien

▪ Umfangreiches Fortbildungsprogramm für alle ­Associates mit Fachinhalten und Soft Skills

▪ Coaching und Trainings für Non-Equity-Partner, ­etwa zu Honorarverhandlungen, Client Management

▪ Kanzlei vergibt eigene LL.M.-Stipendien

▪ Interne LGBT-Gruppe

▪ Flexible Teilzeitarbeitsmodelle, die auch von ­Partnern gelebt werden

▪ Kanzlei vermittelt und bezahlt Kinderbetreuung

Im Kreis der Großkanzleien hält Gleiss Lutz mit am striktesten an der Vorgabe zweier Prädikatsexamina fest. Ausnahmen macht sie etwa für Kandidaten, die bereits im Referendariat eine gute Figur gemacht haben – was jedoch einer der beiden Co-Managing-Partner und der achtköpfige Sozietätsrat genehmigen müssen. Promotion und LL.M. sind zwar gern gesehen, aber keine Voraussetzung.

Das Bewerbungsverfahren hält die Kanzlei schlicht: Auf ein einstündiges Gespräch mit dem Partner der gewünschten Praxisgruppe folgt ein gemeinsames Mittagessen mit Associates, Gespräche mit einem weiteren Praxismitglied und dem personalverantwortlichen Partner. Eine zweite Gesprächsrunde findet nur auf Wunsch des Bewerbers statt. Danach entscheidet die Kanzlei sehr schnell: Bewerber loben den Auswahlprozess in der azur-Umfrage als „schnell, unkompliziert und professionell“.

Standorte in Deutschland: Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, ­München und Stuttgart

Umsatz in Deutschland 2017: 195 Millionen Euro

Umsatz pro Berufsträger in Deutschland 2017: 707.000 Euro

Internationale Präsenz: Gleiss hat ein Büro in Brüssel und eingespielte Beziehungen zu US-Kanzleien wie Cravath und Simpson Thacher. Enge Verbindungen bestehen auch zu Gide (Frankreich), Cuatrecasas (Spanien), Chiomenti (Italien) und Stibbe (Niederlande).

Aktuelle Entwicklungen: Weiterhin beschäftigt das Mandat an der Seite der Aufsichtsräte von VW und Audi im Dieselskandal große Teams innerhalb der Kanzlei und sorgte auch für zahlreiches Folgegeschäft, etwa bei Bilfinger. Neben den klassischen Stärken Corporate/M&A, Arbeits- und Kartellrecht hat sich zuletzt auch die Beratung im Bank- und Finanzrecht weiterentwickelt. Allerdings verließ in Frankfurt ein prominenter Private-Equity-Partner die Kanzlei. Personelle Unruhe herrschte zuletzt auch im Hamburger Büro. Die dortigen Abgänge hat Gleiss inzwischen mit Anwälten von anderen Standorten kompensiert.

Renommee: Weiter zur aktuellen Online-Ausgabe des JUVE Handbuchs

Anwälte in Deutschland: 87 Vollpartner, 68 Non-Equity-Partner, 39 Counsel, 135 Associates und 10 of Counsel

Frauenanteil Anwälte: 31,13%

Weitere Juristen (z.B. Dipl.-Jur., LL.B.) in Deutschland: 21 (davon 14 Frauen)

Neueinstellungen Volljuristen 2019: 45 bis 50

Neueinstellungen weitere Juristen (z.B. Dipl.-Jur., LL.B.) 2019: 3 bis 5

Referendarplätze 2019: ca. 150

Praktikumsplätze 2019: ca. 100

Wissenschaftliche Mitarbeiter: 800 Euro/Wochenarbeitstag (nach dem 1. Examen), 1.000 Euro/Wochenarbeitstag (nach dem 2. Examen)

Referendare: 700 Euro/Wochenarbeitstag

Associates

  1. Jahr: 110.000 bis 120.000 Euro
  2. Jahr: 110.000 bis 120.000 Euro
  3. Jahr: 130.000 Euro
  4. Jahr: 145.000 Euro
  5. Jahr: 155.000 Euro
  6. Jahr: 165.000 Euro

weitere Juristen (z.B. Dipl.-Jur., LL.B.) im 1. Jahr: 48.000 bis 55.000 Euro

Nach drei Jahren beginnt das Aufnahmeverfahren zum Assoziierten Partner, eine wichtige Vorstufe zur Partnerschaft. Associates, die diesen Status nicht erreichen, verlassen die Kanzlei. Zum siebten Berufsjahr entscheidet Gleiss darüber, ob ein Anwalt in die Voll­partnerriege aufgenommen wird. Daneben besteht auch die Möglichkeit, langfristig als Counsel bei Gleiss zu bleiben. In den letzten Jahren beförderte die Kanzlei regelmäßig Anwälte aus den eigenen Reihen auf diese Positionen. Juristen ohne Staatsexamen arbeiten meist gemeinsam mit Anwaltsteams an Mandaten – zuletzt insbesondere beim VW-Mandat –, können aber auch in administrativen Bereichen tätig sein. Vollpartner vergütet die Kanzlei nach einem reinen Lockstep-System, also nach der Dauer der Zugehörigkeit zur Kanzlei.

Die Arbeitgeberporträts geben den Stand der Druckausgabe von azur100 2019 wieder (Erscheinungstermin: 14. März 2019) und werden nicht laufend aktualisiert.
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