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18.12.2018 | Autor/in: Marc Chmielewski
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Premiere: Studienvereinigung Kartellrecht wählt Vorstand in Kampfabstimmung

Die Mitglieder der Studienvereinigung Kartellrecht haben in einer denkwürdigen Versammlung einen neuen Vorstand gewählt. Offener Wettbewerb um Posten, geheime Abstimmungen – das hatte es zuvor nie gegeben. An der Spitze steht seit Mitte des Monats Dr. Ingo Brinker aus der Kanzlei Gleiss Lutz. Er folgt auf den langjährigen Vorsitzenden Dr. Frank Montag (Freshfields Bruckhaus Deringer), der nicht mehr zur Wahl angetreten war.

Neu im Vorstand sind Prof. Dr. Daniela Seeliger (Linklaters), Marc Besen (Clifford Chance) und Dr. Kathrin Westermann (Noerr). Zwei vom alten Vorstand vorgeschlagene Kandidaten sind bei der Wahl durchfallen. Die Ereignisse werfen ein Schlaglicht auf das Innenleben dieser wichtigsten Institution deutschsprachiger Kartellrechtler.

Die Studienvereinigung hat Gewicht, viele sehen in ihr eine berufliche Familie. Auf hohem fachlichen Niveau verzahnt die Institution Wissenschaft und Praxis. Sie pflegt weltweit Kontakt zu Entscheidern in Politik und Behörden. Zur Jahrestagung kommt Kartellamtspräsident Andreas Mundt und erklärt, was ihm wichtig ist. In dieser Institution dem Vorstand anzugehören, das bedeutet viel Arbeit, und es bringt viel Prestige.

CDU-Moment bei der Studienvereinigung

Normalerweise verläuft die Vorstandswahl nahezu geräuschlos, aber diesmal hat es gekracht. Am Anfang stand eine Art CDU-Moment: Im Oktober gab nicht nur Angela Merkel ihren Verzicht auf den Parteivorsitz bekannt – auch Frank Montag, seit mehr als zwölf Jahren Vorsitzender der Studienvereinigung, teilte mit, dass er bei der nächsten Wahl nicht mehr antritt. Wie bei der CDU hatte der Amtsinhaber eine Nachfolgeregelung im Blick. Und wie bei der CDU waren einige damit nicht einverstanden, so dass plötzlich neue Kandidaten im Spiel waren und sich einen echten Wahlkampf lieferten, der so von den Amtsinhabern nicht vorgesehen war.

Insgesamt drei von sieben Vorstandsmitgliedern müssen ersetzt werden, so steht es sinngemäß in einem Rundschreiben des Vorstands vom 17. Oktober: Neben Montag sind dies Wolfgang Deselaers, der im vergangenen Jahr von Linklaters zu Cleary Gottlieb Steen & Hamilton wechselte, und Prof. Dr. Dirk Schroeder, ebenfalls Cleary-Partner. Der Vorschlag des Vorstands für die Nachfolge: Dr. Andreas von Bonin, Freshfields-Partner in Brüssel, Cleary-Partnerin Dr. Romina Polley und Linklaters-Partnerin Dr. Daniela Seeliger. „Selbstverständlich können weitere Mitglieder für den Vorstand kandidieren“, heißt es in dem Schreiben.

Sieben Überraschungskandidaten

Doch so selbstverständlich ist das in der Praxis nicht – es ist in der mittlerweile 53-jährigen Geschichte der Studienvereinigung noch nie vorgekommen. Diesmal aber warfen gleich mehrere Mitglieder ihren Hut in den Ring. Zuerst Dr. Tim Reher, Partner bei CMS Hasche Sigle in Hamburg, später auch Marc Besen (Clifford Chance), Christian Horstkotte (Baker & McKenzie), Dr. Jörg Karenfort (Dentons), Dr. Alexander Rinne (Milbank Tweed Hadley & McCloy), Dr. Kathrin Westermann (Noerr) und Susanne Zuehlke (Willkie Farr & Galagher). Karenfort hat später seine Kandidatur zurückgezogen, dafür ist Prof. Dr. Sven Völcker, Partner bei Latham & Watkins in Brüssel, am Vorabend der Wahl ins Rennen eingestiegen.

Von den drei vorgeschlagenen Kandidaten des Vorstands wurde am Ende nur Daniela Seeliger gewählt, diese aber mit der höchsten Stimmenzahl von allen. Andreas von Bonin von Freshfields und Cleary-Partnerin Romina Polley hingegen erreichten nicht die erforderliche Mehrheit. Stattdessen zogen nach dem vierten Wahlgang Marc Besen (Clifford) und Kathrin Westermann (Noerr) in den Vorstand ein. Im Amt bestätigt wurden die Vorstandsmitglieder Prof. Dr. Albrecht Bach (Oppenländer), Ingo Brinker, Anne Federle (Bird & Bird) und Dr. Christoph Stadler (Hengeler Mueller).

Neid auf die Platzhirsche

Damit traten Themen an die Oberfläche, die seit längerem gären. In manchen Kanzleien herrscht das Gefühl vor, dass der Vorstand der Studienvereinigung ein Closed Shop ist, den Freshfields, Gleiss, Cleary und Co. dominieren. Vor allem ein Vorschlag zur Nachfolge der ausscheidenden Vorstandsmitglieder hat nicht dazu beigetragen, diesen Eindruck zu zerstreuen: Andreas von Bonin ist wie Montag ein sehr angesehener Brüsseler Freshfileds-Partner, aber er steht im Markt eher für Beihilfe- als für Kartellrecht. Eine Befragung im vergangenen Jahr hat zudem ergeben, dass Mitglieder Reformbedarf bei den Diskussionsformaten, beim Themenspektrum und der Einbindung jüngerer Mitglieder sehen. Manche sind enttäuscht, wie wenige der Vorschläge bisher aufgegriffen worden sind.

All das sind Themen, mit denen sich der neue Vorstand wird beschäftigen müssen. Genau das kündigt der neue Vorsitzende Ingo Brinker an, betont aber vor allem: „Frank Montag übergibt die Studienvereinigung in einem perfekten Zustand. Er hat maßgeblichen Anteil daran, dass die Institution heute auch international ein derartiges Gewicht hat. Er hinterlässt in jeder Hinsicht große Fußstapfen.“ Dass nun mit Freshfields und Cleary zwei der Top-Praxen nicht mehr im Vorstand vertreten sind, dürfte jedenfalls ebenfalls ein Thema für die neue Führungsriege sein. Denn auch wenn sich hinter vorgehaltener Hand manche diebisch freuen: Dass es der Studienvereinigung insgesamt guttut, wenn diese internationalen Schwergewichte fehlen, ist kaum anzunehmen. (Marc Chmielewski)