Magazin-Artikel
12.10.2018 | Autor/in: Eva Flick

Zwischen Pflicht und Neigung

Christian Eichner gehört zu den angesehensten Corporate-Anwälten Deutschlands. Dabei dreht sich sein Leben bei Weitem nicht nur um Jura. Seine Leidenschaft gehört der Literatur. Fast wäre er sogar Literaturprofessor geworden, nach dem Jurastudium. Aber dann kam – wieder – alles anders.

Klein kann er nicht. Dr. Christian Eichner denkt lieber groß. Immer, und irgendwie auch selbstverständlich. Wer dem 46-jährigen Vater von zwei Söhnen zuhört, könnte auf die Idee kommen, der Allen & Overy-Partner stünde schon kurz vor der Pensionierung. Nicht, weil er so gesetzt oder gar müde wirken würde, sondern weil er mit Mitte Vierzig längst erreicht hat, was andere – wenn überhaupt – deutlich später schaffen.

Dass die Anwaltskarriere des gebürtigen Coburgers steil nach oben gehen würde, zeichnete sich früh ab. Während Eichner hauchdünne Scheiben von der Gelbflossenmakrele im Restaurant des Dreischeibenhauses in Düsseldorf zerteilt, erzählt er von seinem Triumph damals als Associate im dritten Jahr bei Freshfields Bruckhaus Deringer. Das war 2004, er selbst 31 Jahre alt. Er hatte ein großes Mandat an Land gezogen und stand „mit stolzgeschwellter Brust“, wie er es selbst beschreibt, im Büro seines zuständigen Partners Dr. Ralph Wollburg.

Der war damals schon eine Art Legende, galt als einer der wichtigsten Strippenzieher hinter deutschen Wirtschaftsbossen – und ließ sich nur schwer beeindrucken. Auf die Frage: „Hätten Sie mal einen Moment Zeit für mich, ich habe ein neues Mandat akquiriert, in dem wir als internationaler Counsel agieren könnten“, erntete Eichner von seinem Mentor den für Wollburg typischen eher abschätzigen Blick. Mit zugekniffenen Augen und verschränkten Armen ließ er ihn erst einmal vor dem Schreibtisch stehen. „Ach ja? Was denn?“, fragte er. „Der geplante Verkauf der Winterthur-Gruppe für die Credit Suisse. Mehrere Milliarden Euro Dealvolumen“, antwortete Eichner und durfte dann – natürlich – auf dem Besucherstuhl Platz nehmen. Die Situation amüsiert ihn noch heute.

Warren Buffett zählt auf ihn.

Dabei ist er niemand, der aufschneidet oder sich mit großen Namen brüstet. Auch das überbordende Selbstbewusstsein seines Mentors hat in zweieinhalb Jahren der Zusammenarbeit nicht auf Eichner abgefärbt. Und wenn er mit ruhiger Stimme und eher nebenbei erzählt, dass er immer mal wieder in die USA fliegt, weil er Warren Buffett berät – der 88-jährige Großinvestor zählt zu den einflussreichsten Amerikanern – dann schafft er auch das, ohne überheblich zu wirken.

Zweieinhalb Jahre waren es bei Freshfields, in denen er viel gelernt hat. Eine intensive Zeit, in der die Woche eigentlich nur aus Arbeitstagen bestand, von morgens früh bis ein, zwei Uhr nachts, von montags bis freitags und öfter mal am Wochenende. In diese Zeit fiel auch die Beratung von Beiersdorf, die für 4,4 Milliarden Euro 40 Prozent ihrer Anteile verkaufte. Die Beraterliste las sich damals wie das Who’s who der Corporate-Szene: Hengeler Mueller-Urgestein Dr. Michael Hoffmann-Becking stand an der Seite des Käufers Tchibo, Shearman & Sterling-Partner Georg Thoma an der Seite des Verkäufers Allianz und Freshfields-Anwalt Wollburg an der Seite von Beiersdorf. Im Associate-Team ebenfalls dabei: Eichner. Er wäre seinen Weg Richtung Partnerschaft sicher schnurgerade durchmarschiert. Aber nach knapp drei Jahren bei Freshfields reichte es ihm. Es folgte die große Sinnkrise. Er kündigte.

Volle Kriegsbemalung

Denn eigentlich wollte er gar nicht Anwalt werden, sondern sich mit Literatur beschäftigen. Allerdings fand er es vernünftiger, sich gleichzeitig auf einen „Brotberuf“ vorzubereiten und schrieb sich außer in Literatur auch in Jura an der LMU in München ein. Diese Kombination beschreibt Eichner selbst als „Pflicht und Neigung“. Seinen M.A.-Abschluss in Neuerer Deutscher Literatur machte er 2001 zeitgleich mit seiner Zulassung als Anwalt. Dabei war er zu diesem Zeitpunkt juristisch schon mit voller Kriegsbemalung ausstaffiert: Jurastudium in München und Genf, Promotion in Bayreuth und LL.M. in New York.

Nach den dicksten Deals in der Großkanzlei stand ihm der Sinn wieder nach Literatur. Aber wenn schon, dann richtig. Eichner wollte sich in Literaturwissenschaft habilitieren und ging an die Universität nach Marburg. Weil man aber von irgendwas leben muss und ein Leben als Wirtschaftsanwalt nun mal einträglicher ist, blieb er der Rechtsbranche teilzeit-treu. Als Partner bei Lovells – nach der Fusion mit Hogan Hartson zur heutigen Einheit Hogan Lovells verschmolzen – arbeitete er die Hälfte seiner Zeit als Anwalt, die andere Hälfte widmete er sich der Literatur, genauer gesagt, der Frühromantik. Dass auch daran sein Herz hängt, ist ihm anzusehen, wenn er über Literatur spricht: über sein Habilitationsthema, die Großstadtromane der 1920er-Jahre. Über den letzten Roman, den er gelesen hat, ‚Tyll‘ von Daniel Kehlmann: „Nach den ersten 100 Seiten musste ich erst einmal ein Glas Wein trinken. Das war ja eine ganz düstere Geschichte.“. Oder über Thomas Bernhardt, „den finde ich großartig, weil alles jederzeit umkippen kann“.

Einmal konnte Eichner sogar Pflicht und Neigung miteinander verbinden: Gemeinsam mit einem bekannten Marburger Germanisten schrieb er ein Gutachten zum Fall des Schriftstellers Maxim Biller. Dessen Roman ‚Esra‘ war verboten worden – ein Streitfall zwischen Kunstfreiheit und Persönlichkeitsrecht, den schließlich das Bundesverfassungsgericht entscheiden musste und in seinem Urteil aus genau diesem Gutachten zitierte.

Für Eichner war das ein Erfolgserlebnis. Es hielt ihn allerdings nicht davon ab, sein Habilitationsprojekt schließlich doch an den Nagel zu hängen. „Bei Lovells liefen die Geschäfte ja sehr gut“, erinnert er sich. Als dann auch noch sein Sohn kam, waren sein Privat-, Anwalts- und Universitätsleben nicht mehr zu vereinbaren. 2010 stieg Eichner bei Allen & Overy ein, weil er dort eine Aktienrechts- und M&A-Plattform fand, die besser zu seinem Geschäft und zu seiner internationalen Ausrichtung passte. Und zwar Vollzeit und endgültig, die Pflicht hatte wieder die Überhand gewonnen.

Bereut hat er sein Engagement für die Literatur nie. „Dadurch habe ich auch auf Jura einen anderen Blick“, sagt er heute. Und er rät jedem, der sich mit dem Gedanken trägt, etwas anderes auszuprobieren, das in die Tat umzusetzen. Selbst wenn sich dann herausstellt, dass es am Ende nicht zielführend war. „Ansonsten trägt man die Entscheidung, die sich später an sich als die richtige herausstellen würde, als ‚Hypothek‘ mit sich herum und meint irrtümlich, den falschen Weg gegangen zu sein.“