Magazin-Artikel
12.10.2018 | Autor/in: Anika Verfürth

Zimmer frei!

Die Qual der Wahl: Ausland, Unternehmen oder doch noch einmal Kanzlei? Die Wahlstation  im Referendariat bietet zahlreiche Möglichkeiten. Um den Einblick der juristischen Arbeitswelt zu vervollständigen, entscheiden sich viele Referendare für die Rechtsabteilung eines Unternehmens. Und nach der vermeintlich kurzen Episode gehen nicht wenige diesen Karriereweg weiter.

Es sollte nur eine kurze Station werden. Die Vorstellung von der Arbeit eines Unternehmensjuristen wollte Friederike Brinkmann mit Leben füllen. Denn auch mit dem Staatsdienst hatte sie geliebäugelt. Doch um eine endgültige Entscheidung für den Berufseinstieg sicher treffen zu können, machte sie ihre letzte Station im Referendariat, die Wahlstation, beim WDR in Köln. Heute, drei Jahre später, arbeitet die 30-Jährige beim Hessischen Rundfunk (HR) in Frankfurt. Sie ist nicht nur der Unternehmenskarriere, sondern auch dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk treu geblieben.

Wie sie nutzen viele angehende Juristen die Wahlstation, um in die Rechtsabteilung eines Unternehmens einzutauchen. Die letzte Stage des Referendariats bietet dazu oft die einzige Möglichkeit während der Ausbildung. Während des Studiums ist maximal ein Praktikum in den Semesterferien drin. Allerdings haben die meisten Rechtsabteilungen dafür weder Kapazitäten noch Angebote. Nach dem langen Studium und dem ersten Staatsexamen ist der Weg im Referendariat recht klar vorgegeben: Zivil-, Straf-, Verwaltungs- und Anwaltsstation. Länge und Reihenfolge können je nach Bundesland variieren. Zum Schluss kommt jedenfalls die Wahlstation. In der Regel dauert sie drei Monate, in Niedersachsen und Berlin sogar vier.

Ohne Last auf den Schultern.

Die Wahlstation ist in vielerlei Hinsicht besonders. Der größte Unterschied zu den anderen Stagen ist wohl der, dass die angehenden Juristen einen wesentlichen Teil des zweiten Examens bereits hinter sich haben – die Klausuren. Kein Wunder also, dass es ohne diese Last auf den Schultern viele nochmal ins Ausland zieht (Hin und weg, Seite 74). Wer sich jedoch für ein Unternehmen entscheidet, bekommt gleich einen guten Eindruck vom „wahren Juristenleben“.

Hat die Wahlstation genutzt, um die juristische Berufswelt umfassend kennenzulernen: Friederike Brinkmann ist nicht nur der Unternehmenskarriere treu geblieben, sondern auch den „Öffentlich-Rechtlichen“.

Denn anders als in der Anwaltsstation ist es nicht üblich, während einer Unternehmensstation zu tauchen. Die meisten Unternehmen sehen ihre Referendare gerne fünf Tage die Woche. Dafür zahlen aber auch immer mehr einen kleinen Obulus – zusätzlich zum Referendargehalt (Referendargehälter in Unternehmen 2018). Die letzte Station vor dem Berufseinstieg eignet sich außerdem, einen im Studium gesetzten Schwerpunkt im Juristenalltag kennenzulernen. So kam auch Friederike Brinkmann auf die Idee, ihr Schwerpunktwissen im Medien- und Urheberrecht auf Praxistauglichkeit zu testen. Für die Wahlstation, die sie 2015 absolvierte, hat sie sich ganz gezielt den WDR ausgesucht: „Mein Ziel war der öffentlich-rechtliche Rundfunk. Den WDR wollte ich kennenlernen, weil er die größte Landesrundfunkanstalt und innerhalb der ARD federführend für das Thema Urheberrecht ist“, sagt Brinkmann. „Gerade die Idee und den Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks fand ich interessant.“

Seitdem ist sie den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten treu geblieben. Unmittelbar nach dem zweiten Staatsexamen ging es für sie in das ARD-Verbindungsbüro nach Brüssel. Nach einer weiteren Station beim WDR begann sie beim HR ein Traineeprogramm im Schwerpunkt Recht. Das zweijährige Programm des HR ist für juristische Berufseinsteiger konzipiert. Diese arbeiten zwar in der achtköpfigen Rechtsabteilung, erhalten darüber hinaus aber auch Einblick in die anderen Abteilungen des Hauses.

Das Justiziariat des WDR zählt elf Juristen. Jährlich nimmt der Sender etwa acht bis zehn Referendare auf. Das Besondere: Sie können nicht nur die Wahlstation, sondern auch die Verwaltungsstation dort absolvieren, denn der WDR ist eine Anstalt öffentlichen Rechts, die staatliche Aufgaben wahrnimmt. Vielleicht eine willkommene Alternative für alle, die schon früh wissen, dass sie um klassische Amtsstuben einen möglichst großen Bogen schlagen wollen. Um verwaltungsrechtliche Fragestellungen kommen aber auch die Verwaltungsreferendare nicht herum, etwa zum Rundfunkbeitrag.

Lokale Schwerpunkte.

Das WDR-Justiziariat in Köln kümmert sich um alle anfallenden – im Schwerpunkt medienrechtlichen – Rechtsfragen und hat ARD-weit die Federführung für das Urheberrecht sowie das Europarecht. Die Juristen der Rechtsabteilung des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) in Leipzig bearbeiten hingegen größere Themen im Kartellrecht, beim HR in Frankfurt geht es vor allem um Vergaberecht.

„Wegen der öffentlich-rechtlichen Verfasstheit des WDR gibt es auch die Möglichkeit, Einblicke in das Rundfunkverwaltungsrecht zu nehmen. Eine Aufgabe für einen Referendar könnte in diesem Bereich zum Beispiel sein, eine Rundfunkbeitragsklage zu bearbeiten“, erklärt Dr. Stephanie Eggerath, Syndikusrechtsanwältin und persönliche Referentin der Justiziarin des WDR. „Im Kern haben wir durchaus ähnliche Themen wie die Rechtsabteilung eines Privatsenders, etwa im Programmbereich“, sagt sie. Dazu zählen zum Beispiel die Filmförderung, das Urhebervertragsrecht, das Programmrecht oder Themen im Zusammenhang mit den Verwertungsgesellschaften Gema oder VG Bild.

„Der große Unterschied ist aber der, dass wir im Rahmen der dualen Rundfunkordnung als Gegengewicht zu den privaten Rundfunkanbietern einen besonderen verfassungsrechtlichen Auftrag zu erfüllen haben und deswegen unter anderen Voraussetzungen und in einer anderen Organisationsstruktur arbeiten als kommerzielle Unternehmen.“ Auch deshalb legt Eggerath ihren Referendaren ans Herz, einen Tag im Beitragsservice in Köln zu verbringen, um zu sehen, wie die rund 45 Millionen Konten verwaltet und gesichert werden. Ergänzend zur Arbeit im Justiziariat können Referendare auch in die Programmplanung oder in die Pressearbeit hineinschnuppern. So besuchte Brinkmann zum Beispiel das Filmset von einem Tatort-Dreh. Tagesgeschäft sozusagen. Das ist nicht unüblich in der Unternehmensstation. Auch McDonald‘s schickt seine Rechtsreferendare einmal in der Stage zum Burgerbraten in die Filiale statt ins Büro.

Branchenwechsel.

Mit diesem Blick hinter die Kulissen von Film und Fernsehen kann die fertigende Industrie nicht mithalten. Wer sich hier für eine Unternehmensstation entscheidet, den zieht es oft zu den Automobilherstellern. Die meist großen Rechtsabteilungen haben zahlreiche Stellen für Referendare und Praktikanten und nutzen die Wahlstation auch für eigene Zwecke. Denn nicht nur der Referendar bekommt eine Vorstellung vom Unternehmen, auch die Rechtsabteilung hat in den drei Monaten die Gelegenheit, ihren Referendar auf Herz und Nieren zu prüfen und abzuklopfen, ob er sich als neuer, fest angestellter Mitarbeiter eignet. Entsprechend ausgefeilt sind die Programme, die Daimler und Co. für Referendare aufgesetzt haben.

Unter dem Radar vieler künftiger Referendare laufen hingegen, obwohl in derselben Branche tätig, die Automobilzulieferer. Dazu zählen zum Beispiel Mahle und Schaeffler. 15 Juristen bearbeiten in Stuttgart die rechtlichen Belange für Mahle, bei Schaeffler sind es 27, die sich auf Herzogenaurach, Schweinfurt und Bühl verteilen. Bei Mahle sind zwei Drittel der Juristen weiblich. Das mittelständisch geprägte Unternehmen mit mehr als 10.000 Mitarbeitern weltweit pflegt in Stuttgart eine lange Referendar-Tradition. Ein bis zwei Referendare kommen meist pro Jahr, Schaeffler beschäftigt im Schnitt bis zu vier.

Ein anschließender Berufseinstieg ist bei Vakanzen durchaus möglich. „Uns ist völlig klar, dass nicht alle Berufseinsteiger ihre gesamte Laufbahn bei uns verbringen werden“, sagt Mahle-General Counsel Jörg Kiefer mit Blick auf die begrenzten Aufstiegschancen in der Rechtsabteilung. „Umso mehr freuen wir uns aber, wenn sie lange bleiben oder eben ihre Zeit bei uns als Karrieresprungbrett in höhere Stellen nutzen können.“ So wechselte erst kürzlich ein ehemaliger Referendar, der im Anschluss einige Zeit bei Mahle arbeitete, in die Rechtsabteilung von Bosch.

Die Inhousejuristen teilen sich in drei Teams auf, das größte ist für das operative Geschäft im Automotive zuständig, daneben gibt es Teams für Compliance und Corporate Services, wozu Transaktionen oder Finanzen und Steuern zählen. Die größten Mandanten der Rechtsabteilung sind im Team Automotive der Vertrieb und der Einkauf. Vor allem bei der Beratung dieser Fachbereiche werden die Referendare in ihrer Station eingesetzt. Dort stehen Kundenverträge oder Einkaufsverträge als Originalausrüstungshersteller auf der Tagesordnung. Besonders spannend wird es, wenn etwa die Verhandlung eines neuen Rahmenvertrages ansteht. Bei Mahle sitzen die Referendare dann durchaus mit am Tisch.

Kompromiss Ausland und Unternehmen?

Weniger operativ und stärker strategisch geprägt ist hingegen die Arbeit der Juristen in der Konzernrechtsabteilung von Tui. Auch wenn für die Wahlstation viele ins Ausland möchten, steht das Touristikunternehmen nicht unbedingt ganz oben auf der Liste (Notorisch unterschätzt, Seite 82). Das Besondere bei Tui und eventuell auch ein Kompromiss für die Wahl zwischen Ausland und Unternehmen ist, dass die Hannoveraner ihren Referendaren ermöglichen, für zwei Wochen in die operativen Arbeitsbereiche der Inhouse-Teams anderer Standorte hineinzuschauen, wie zum Beispiel in England oder Belgien. Fester Bestandteil der Station ist dies jedoch nicht und daher vom Einzelfall abhängig.

Neben den zahlreichen Transaktionen des Konzerns bekommt ein Referendar bei Tui die Möglichkeit, spezielle Rechtsthemen der Reisebranche kennenzulernen, etwa wenn es um Korruptionsvermeidung in Ländern oder Regionen wie der Türkei oder der Karibik geht. Häufig soll ein Referendar auch an einem Projekt mitarbeiten, um sich mit Arbeitsabläufen und Entscheidungswegen im Unternehmen vertraut zu machen.

Die Projekte richten sich dabei nach den Interessen des Referendars. Wenn das zum Beispiel Compliance ist, kann er in diesem Team arbeiten. Unternehmensweit zentrale Projekte laufen unter anderem dort, wie etwa zuletzt die Arbeit an einem Handbuch zum neuen Compliance-Management-System. Dass Referendare während ihrer Stage in einem Unternehmen in die Prozesse der Rechtsabteilung involviert werden, ist ein großer Pluspunkt für die Wahlstation. Der Juristennachwuchs lernt so, wie das Unternehmen an sich funktioniert und zugleich, wie die Welt aus Mandantenperspektive aussieht. Selbst wenn er sich am Ende doch für die Kanzleilaufbahn entscheiden sollte, schadet es nicht zu wissen, wie Mandanten denken.

Tiefe Einblicke bekommen Referendare auch während ihrer Station beim Mobilfunkanbieter Vodafone. „Grundsätzlich erhalten die Referendare bei uns Projekte oder Verfahren zur eigenständigen Bearbeitung und Begleitung“, erklärt Jenny Paschen, Bereichsleiterin Recht bei Vodafone in Düsseldorf. Die Rechtsabteilung ist in Düsseldorf und Unterföhring beheimatet. Bis zu zehn Referendare im Jahr nimmt das Unternehmen auf. Über eine Art Mentorenprogramm stellt die Inhouseabteilung sicher, dass jeder Referendar während seiner Zeit viele Facetten der Rechtsabteilung kennenlernt und Kontakt zu unterschiedlichen Fachbereichen erhält.

Auf einmal ging es ganz schnell: Nicht einmal sechs Monate nach ihrer Wahlstation stieg Melanie Markiefka bei Vodafone ein.

Häufig beraten sie vor allem die Marketingabteilung, den Vertrieb und die Kundenbetreuung. Juristische Fragen stellen sich zudem im Einkauf und in der Technik. „Referendare sollen nicht nur Mails oder Unterlagen mitlesen, sondern durchaus auch direkt zum Beispiel mit eingeschalteten externen Rechtsberatern oder den internen Ansprechpartnern in Kontakt treten, an Besprechungen teilnehmen und so an der gemeinsamen Entwicklung einer passenden Lösung mitwirken“, sagt Paschen.

Eine neue Perspektive.

Dass der Kontakt über eine Referendarstage zukunftsweisend sein kann, hat sich auch bei Vodafone schon mehrmals gezeigt. Und manchmal kann das sogar sehr schnell gehen. Melanie Markiefka hat im März 2017 ihre Wahlstation in Düsseldorf absolviert, seit Oktober 2017 arbeitet sie als Syndikusrechtsanwältin in dem Team, das für die rechtliche Beratung des Marketings und der Kundenbetreuung zu Verbraucherthemen zuständig ist. „Eigentlich hatte ich nicht damit gerechnet, in so kurzer Zeit so tiefe, juristische Einblicke zu erhalten“, erzählt die 28-Jährige. „Besonders überrascht hat mich außerdem, wie viele Geschäftsbereiche in einem Unternehmen tatsächlichen juristischen Hintergrund haben.“

So arbeitete sie als Referendarin an einem Projekt zum neuen Widerrufsrecht mit. „In der direkten Zusammenarbeit mit den Fachbereichen lernt man sehr schnell, die juristischen Knackpunkte von Sachverhalten zu vermitteln“, sagt Markiefka. „So nimmt man klassische Rechtsgebiete aus einer ganz anderen Perspektive wahr und kommt auch mit Rechtsgebieten in Berührung, die nicht Teil des Studiums waren, wie dem Telekommunikationsgesetz.“

Die direkte Mitarbeit und frühe Einbindung in Projekte in den Fachabteilungen ist auch das, was die Unternehmensstation für sie ausgemacht hat. „Viele haben nur eine vage Idee davon, wie die Arbeit als Unternehmensjurist aussieht“, sagt auch HR-Juristin Friederike Brinkmann. „Die Wahlstation zu nutzen, um diese Idee mit Inhalten zu füllen, ist genau das richtige.“ ▪

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