Magazin-Artikel
12.10.2018 | Autor/in: Melanie Müller

Von der Kneipe in die Kanzlei

Sie singen, sie fechten, sie trinken. Und nach dem Studium helfen sich die Brüder auch noch bei der Jobsuche. Die Liste der Klischees, die sich um studentische Verbindungen ranken, ist lang. Doch was bringt jungen Juristen die Mitgliedschaft in den vermeintlich elitären Clubs wirklich.

Es ist seine erste Mensur. Auf Augenhöhe steht er seinem Duellanten gegenüber. Obwohl er gut verhüllt ist, fürchtet er einen Schmiss – eine Schnittverletzung durch den Hieb der rasiermesserscharfen Klinge. Ihm wird heiß, er ermahnt sich zur Ruhe. Trotzdem hat er Angst. Und fühlt sich ein wenig alleine. Aber das ist er nicht, das weiß er. Denn seine Verbindungsbrüder stehen hinter ihm. Wortwörtlich. Und sie fiebern mit ihm. So oder zumindest so ähnlich hat sich auch Andreas Amelung vor seiner ersten Mensur, dem studentischen Zweikampf mit einer Fechtwaffe, gefühlt.

Für ihn ist der Sport ein zentraler Bestandteil einer studentischen Verbindung. „Das Fechten fördert den Zusammenhalt in der Gemeinschaft. Alle fiebern bei einer Partie mit und das schweißt zusammen. Dabei geht es nicht um das Gewinnen, sondern vielmehr darum, Verantwortung zu übernehmen“, sagt er, ein Mitglied des Corps Teutonia zu Marburg. Bereits sein Ur-Ur-Großvater war Corpsmitglied, Amelung führte die Familientradition fort. Im Arbeitsleben ist er Partner der AHW Insolvenzverwaltung.

Einer für alle und alle für einen: Der Musketierspruch gilt bei den Marburger Teutonen um Andreas Amelung noch immer.

Unterschieden wird im Corps zwischen Aktiven und denen, die ihr Studium bereits in der Tasche haben, den sogenannten Alten Herren, zu denen auch Amelung zählt. Auf die Frage, was das Corps für ihn ausmache, antwortet er: „Es ist ein Kreis von Menschen mit gemeinsamen Wertvorstellungen und ein Kreis von Menschen, mit denen ich gerne befreundet bin.“

Wie im Internat

Nicht umsonst gelten die Verbindungen auch als Freundschaft auf Lebenszeit. Gemeinsame Wertvorstellungen bilden die Grundlage der Gemeinschaft. Dem Corps gehört ein Verbindungshaus in Marburg, wo die Aktiven gemeinsam wohnen. Der Alltag ist vergleichbar mit dem in einem Internat. Man wohnt zusammen, isst zusammen und verbringt auch einen Teil seiner Freizeit gemeinsam. Nicht jeder ist dafür gemacht. Und so trennt sich die Spreu vom Weizen: Wer die Anforderung, sich zu integrieren, nicht bewältigt, wird wohl kaum seine Fuchsenzeit, eine Art Probezeit zwischen Mitgliedern und Mitgliedsanwärter, bestehen. Denn auf das persönliche Miteinander legen die Verbindungsmitglieder großen Wert. Ebenso wie auf gute Leistungen. Amelung betont, dass das Studium ernst genommen werden soll. Daneben müssen die Mitglieder das Pauken – die Übungsstunden des akademischen Fechtens – und die regelmäßig anstehende Mensur sowie die Organisation von diversen Veranstaltungen und Festen unter einen Hut bringen können. Gutes Zeitmanagment ist also von Vorteil.

Was soll das?

Bei allem Sinn für Gemeinschaft bleibt trotzdem die Frage, was so eine Verbindung überhaupt bringt, gerade im Zeitalter der sozialen Netzwerke? Amelung sieht die Mitgliedschaft in einem Corps als eine Art Erziehungsfunktion neben dem Studium und als ergänzende Vorbereitung auf das Berufsleben. „Die Verbindung gilt als geschützter Raum. Man kann Fehler machen, ohne negative Konsequenzen zu erfahren“, erklärt der Insolvenzverwalter. Das wiederum könne im Berufsleben helfen, schwierige Themen und Situationen zu meistern, zum Beispiel in Partnersitzungen oder in einem komplexen Mandat.

Das Corps beschreibt er als Bühne zur Entfaltung von Soft Skills. Und die sind im heutigen Anwaltsalltag fast genau so wichtig wie juristische Kompetenz. Nicht umsonst sind sie Inhalt fast jeden Ausbildungsprogramms, das Kanzleien und Unternehmen heute für ihren juristischen Nachwuchs aufsetzen. Neben traditionellen Umgangsformen, zu denen auch die Tischmanieren gehören, üben sich die Studenten im Umgang mit Finanzen oder halten Reden. Ihre Führungsqualitäten können sie unter Beweis stellen, wenn es darum geht, eine traditionelle Feier mit corpstypischen Ritualen, zu leiten. Sie lernen fürs Leben und damit auch, Verantwortung zu übernehmen. In diesem Zusammenhang ist laut Amelung auch das Fechten nicht wegzudenken: Es heißt, es stärke das Wir- und das Zusammengehörigkeitsgefühl. Aber auch nach dem Studium nutzt die Gemeinschaft, zum Beispiel als Beratungsnetzwerk: „Als ich mein zweites Staatsexamen hatte, stellte sich die Frage, wohin es beruflich gehen soll. Da haben mich meine Corpsbrüder beraten“, schildert Amelung.

Behilflich beim Reinschnuppern

Diese Erfahrung kann Jörn-Christian Schulze von der Düsseldorfer Kanzlei Arqis nur bestätigen. Er selbst unterstützt Studenten aus seiner Verbindung Franconia Jena bei der beruflichen Orientierung. „Mich rufen einige junge Corpsbrüder an und fragen, bei welchen Kanzleien sie sich bewerben sollen, welche zu ihnen passen“, verrät er. Da hilft er gerne weiter. Auch beim Reinschnuppern in den Arbeitsalltag seiner Kanzlei ist er den Studenten der Franconia Jena behilflich, spricht von einem Vertrauensvorschuss, wenn es beispielsweise um Praktika geht. „Wenn ein Corpsbruder ein Praktikum bei uns machen möchte, dann drücke ich beide Augen zu. Aber die Grenze ist erreicht, wenn er wirklich als Anwalt tätig werden will.“ Denn da muss die fachliche Qualifikation dann doch zu 100 Prozent stimmen. Oder wie Schulze es bildlich schildert: „Die Tür geht auf, aber durchlaufen muss man selbst.“

Mit Bund und Mütze: Jörn-Christian Schulze von Arqis macht kein Geheimnis daraus, Mitglied in einem Corps zu sein.

Auch wenn es später um die Akquise von Mandaten geht, spielt die Verbindung keine Rolle mehr. „Das Corps ist kein berufliches, sondern ein privates Netzwerk, dem gelegentlich mal etwas Berufliches entspringt. Das ist aber eher Zufall“, sagt er ganz deutlich. „Im Corps ist es überhaupt nicht gern gesehen, um Dienstleistungen oder Mandate zu werben.“

Studentische Verbindungen sind in der Regel eine reine Männergesellschaft. Kein Wunder, dass sich Juristen dort wohl fühlen. Zusammen mit Medizinern sowie VWL- und BWL-Studenten stellen Juristen rund 80 Prozent der Mitglieder und bilden damit eine der am häufigsten vertretenen Berufsgruppen. In Wirtschaftskanzleien sind Verbindungsmitglieder daher alles andere als eine Seltenheit. Doch während Schulze offen über das Thema redet, von seinen Erlebnissen berichtet und hie und da eine Anekdote zum besten gibt, halten sich andere deutlich bedeckter und wollen sich nicht als Mitglied outen – womöglich aus der Sorge heraus, dass viel über Vorurteile berichtet, aber nicht zwischen den Verbindungsarten differenziert wird.

Denn der Oberbegriff studentische Verbindungen, den viele fälschlicherweise mit den Burschenschaften gleichsetzen, hat mehrere Facetten. Zu diesen zählen zwar auch Burschenschaften, aber auch Landsmannschaften, Turner- und Sängerschaften, die konfessionellen Verbindungen sowie die schlagenden und nicht-schlagenden Corps. Ihnen gemein ist, dass sie im Gegensatz zu den Burschenschaften überwiegend keine politische Ausrichtung haben.

Mit dem Image kämpfen

Auf diese Unterscheidung legt auch Achim Herfs, Partner der US-Kanzlei Kirkland & Ellis, großen Wert. Herfs trat damals in die katholische, nicht-schlagende Verbindung Ripuaria Freiburg ein, weil es ihn angesprochen und interessiert hat. Der Reihe der üblichen Klischees hält er die positiven Aspekte entgegen. Dabei betont er vor allem die Verbundenheit zum Studienort, die ebenfalls ein Leben lang besteht. Aber auch das Generationsübergreifende der Verbindungen gefällt ihm und die Idee, die dahinter steckt: nämlich Erfahrungen weiterzugeben.

„Studenten treten nicht in eine Verbindung ein, weil sie erwarten, dass ihnen jemand aus der Verbindung einen Job besorgt, den sie alleine nicht bekommen würden. Sie wollen von dem Netzwerk profitieren, von Erfahrungen der Älteren lernen und sie wollen einfach Spaß zusammen haben“, sagt Herfs. Sich selbst sieht er dabei in einer Art Vorbildfunktion für den Nachwuchs seines Corps.

Keine Seilschaften: Achim Herfs von Kirkland & Ellis sieht sich als Vorbild für den Nachwuchs an.

Einige seiner jüngeren Bundesbrüder seien seinem Vorbild gefolgt und hätten sich deshalb auch schon bei Kanzleien wie Kirkland oder seiner Vorgängereinheit Hengeler Mueller beworben. „Es gibt Verbindungsmitglieder, auch jüngere, die als Anwälte oder in anderen Berufen sehr erfolgreich sind“, beschreibt Herfs die Wahrnehmung von Außenstehenden. Und zum Erfolg trägt die Zeit in der Verbindung vermutlich ihren Teil bei. Nicht umsonst besteht die Erwartung, sein Studium bestmöglich zu absolvieren. Im späteren Berufsleben zahlt sich die gewonnene Erfahrung dann entsprechend aus. Das heißt aber nicht, dass Partner nach dem Seilschaften-Prinzip automatisch Mitglieder ihres Corps in ihrer eigenen Kanzlei aufnehmen. „An erster Stelle steht die Qualität. Wenn es dann auch noch ein Corpsbruder ist, ist das schön. Aber: wenn etwas schief geht, ist das Problem umso größer, weil in so einem Fall Privates und Arbeit miteinander vermischt wird“, gibt Amelung zu bedenken.

Vorsicht ist auch bei der Nennung der Mitgliedschaft im Lebenslauf geboten. „Viele Arbeitgeber haben eine klischeehafte Vorstellung von Corps und sind deswegen per se skeptisch. Eine schriftliche Bewerbung ist ja immer eine einseitige Kommunikation, da kann man nicht argumentieren oder erklären“, sagt Arqis-Partner Schulze. „Wenn es aber später im Bewerbungsgespräch etwa um Freizeitaktivitäten ging, habe ich es nie verheimlicht.“ Im Kontext der Klischees kommt immer wieder zur Sprache, dass Studenten mit Migrationshintergrund nicht aufgenommen würden. Das entspräche nicht der Wahrheit, versichern deren Mitglieder. Wer jedoch nicht Mitglied werden kann, sind Frauen. Für ihre Verbindungen seien Frauen einfach nicht vorstellbar. Denn die Korporationen wahren Traditionen, zu denen eben auch die reine Männergesellschaft zählt. Und Fechten würde zudem nicht zu Damen passen, meinen die Anwälte.

Zwar gibt es seit der Jahrtausendwende einen regelrechten Boom an Damenverbindungen, die einige Traditionen der Männer übernahmen. Doch im Vergleich zu ihrem männlichen Pendant machen die reinen Frauenverbindungen weniger als fünf Prozent des Korporationswesens in Deutschland aus. Auch gemischte Verbindungen, denen sowohl Frauen als auch Männer angehören, gibt es vergleichsweise wenig.

Juristinnen fördern

Jenseits dieses Verbindungswesens gibt es studentische Vereinigungen speziell für Jurastudenten, zu denen die European Law Students’ Association und die Vereinigung Phi Delta Phi zählen. Letzterer ist es ein besonderes Anliegen, Nachwuchsjuristinnen zu fördern, da Netzwerke bis dato stark männerdominiert sind. Phi Delta Phi ist eine internationale Juristenvereinigung mit Wurzeln in den USA, die seit 2006 auch in Deutschland und aktuell an fünf Hochschulen in Form sogenannter Inns vertreten ist.

Obwohl die Inns jeweils als studentisch selbstverwaltete Organisationen agieren, ist die standortübergreifende Gemeinschaft gut vernetzt. Die Vereinigung ist von den jeweiligen Universitäten als studentische Vereinigung anerkannt und als gemeinnütziger Verein eingetragen: Die Mitglieder geben so beispielsweise Rechtsunterricht an Schulen. Daneben steht die Weiterbildung der Mitglieder im Fokus. Unterstützt wird Phi Delta Phi von Förderkanzleien, zu denen unter anderem Hogan Lovells und White & Case zählen. Mit ihnen finden regelmäßig Gesprächsabende statt, bei denen Mitglieder sich mit Anwälten und Recruitern austauschen und Fragen zu Einstiegsmöglichkeiten oder zur Kanzleikultur stellen können. „Nicht zuletzt, um sich einfach besser kennenzulernen. So können die Mitglieder letztlich entscheiden, ob eine der Förderkanzleien vielleicht der richtige Arbeitgeber ist”, sagt Leon Hofmann, Sprecher des Vereinsvorstandes am Michael Hoffmann-Becking Inn in Frankfurt. Bei den Workshops geht es um fachliche Inhalte und die Heranführung an den Arbeitgeber Großkanzlei. Durch die Veranstaltungen mit den Förderkanzleien sei die Hemmschwelle der Mitglieder geringer, berichtet Hofmann.

Früher Kontakt

Denn dadurch, dass die Nachwuchsjuristen ab der Zwischenprüfung dem Verein beitreten können – ein besonders guter Notendurchschnitt vorausgesetzt – kämen sie früher als andere Studenten ihres Fachs mit Großkanzleien in Kontakt. „Für dieses Jahr ist bei einer unserer Förderkanzleien ein Bewerbertraining mit simulierten Interviews geplant. Eine bessere Vorbereitung auf den ,Ernstfall’ kann es nicht geben“, ist Hofmann überzeugt. Manche Mitglieder von Phi Delta Phi haben bereits als Praktikanten, wissenschaftliche Mitarbeiter, Referendare oder auch als Associates in den Förderkanzleien gearbeitet.

Um sich von anderen Bewerbern abzugrenzen, sind außerdem außeruniversitäres Engagement, Organisationstalent und Vereinserfahrung wichtige Kriterien. Phi Delta Phi selbst grenzt sich wiederum von den studentischen Verbindungen ganz bewusst ab. Gemeinsam habe man nur das Prinzip eines Netzwerks.

Egal für welchen Zusammenschluss sich junge Juristen entscheiden, ihren Horizont erweitern können sie dort in jedem Fall. Sei es, um sich durch das Korporationswesen zum Beispiel einige Soft Skills anzueignen, oder um sich anhand von Vereinigungen gezielt juristisch weiterzubilden. Außerdem bekommen die Mitglieder beim Einstieg in den Juristenberuf zumindest Hilfestellung. Auch wenn letztlich klar sein muss, dass am Ende nur die Qualifikation zählen kann. Die Brüder halten lediglich die Tür auf.