Magazin-Artikel
12.10.2018 | Autor/in: Eva Flick

Notorisch unterschätzt

Hannover gehört nicht zur ersten Wahl für Steuerrechtler. Zu Unrecht. In Niedersachsens Landeshauptstadt tummeln sich börsennotierte Unternehmen genauso wie große Beraterbüros. Sie alle suchen Nachwuchs – doch den zu finden ist nicht leicht. Ein Verein soll Arbeitgeber und Studenten zusammenbringen.

Hannover hat einen zweifelhaften Ruf. Langweilig sei es dort, provinziell, höchst mittelmäßig, heißt es. Gerne zitiert wird die Lästerattacke von Harald Schmidt: Hannover sei zwar nicht der A… der Welt, aber man könne ihn von dort aus sehr gut sehen. Die Hannoveraner stört das wenig, doch für Unternehmen und Kanzleien vor Ort ist der Ruf ihrer Stadt ein echtes Hindernis beim Rekrutieren des Nachwuchses. Davon können alle diejenigen ein Lied singen, die mit mehreren Büros in Deutschland vertreten sind: Wer leicht in Hamburg, München oder Berlin Nachwuchs findet, muss nicht meinen, dass es in Dresden oder eben Hannover genauso gut läuft.

„Recruiting ist das entscheidende Wachstumshemmnis“, stellt Rechtsanwalt und Steuerberater Dr. Nicolas Penner fest. 2004 stieg er bei der multidiziplinäre Kanzlei KSB Intax in Hannover ein, seit zehn Jahren ist er Partner. KSB Intax unterhält drei Standorte: Hannover und Celle, im September hat sie außerdem in Lüneburg eröffnet. Die Städte gehören allesamt nicht zu den ersten, die dem Nachwuchs bei der Jobsuche einfallen. „Seit 2004 muss ich immer mal wieder Mandate ablehnen, weil wir nicht genug Leute finden“, sagt Penner. Mancher Kanzleipartner munkelt gar, dass sich Arbeitgeber in Hannover bei einem Vorstellungsgespräch eher selbst als Bewerber fühlen, die ihrem Gegenüber das Unternehmen schmackhaft machen wollen, und sich der Kandidat anschließend das aussucht, was ihm am meisten zusagt.

Dabei bietet die Stadt reichlich Stellen-Potenzial. Denn in und um Niedersachsens Hauptstadt tummeln sich eine Reihe hochinteressanter Arbeitgeber: VW, Continental, Hannover Rück, Talanx, Tui, Salzgitter und Sunrise – immerhin fast jeder zehnte der 80 größten börsennotierten Konzerne ist hier beheimatet. Hinzu kommen die großen Beraterbüros von PricewaterhouseCoopers, KPMG, Ernst & Young, Deloitte, sowie BDO und Ebner Stolz Mönning Bachem.

Netzwerken als Lösung für ein Rekrutierungsproblem: Finanzrichter Thomas Keß (links) und Zacharias-Alexis Schneider von Luther gründeten den VFS. Bei den regelmäßigen Treffen bringen sie Unternehmen, Kanzleien, Justiz und Studentenschaft zusammen.

Auch Luther hat ein Büro. Einer der 27 Berufsträger dort ist Dr. Zacharias-Alexis Schneider, der 2015 von KSB Intax zu Luther wechselte. Er selbst ist Hannoveraner, studierte in Osnabrück und bestätigt damit, dass es eben nicht nur ein Gerücht ist, dass die Hannoveraner an ihrer Scholle kleben und gerne nach ihrem Studium – falls es sie in die Ferne trieb – zurückkommen. Das Rekrutierungsproblem kennt er nur zu gut und wurde aktiv.

Über seine Mitgliedschaft bei der ‚Deutschen Steuerjuristischen Gesellschaft‘ (DStJG) lernte er Dr. Thomas Keß, Richter am Finanzgericht in Hannover, kennen. In der Kultkneipe ‚… und der böse Wolf‘ bei Thai-Curry und einem Glas Wendlandbräu stellten sie fest, dass es in Hannover an Netzwerken fehlt, die neben allen anderen Vorteilen auch das Recruitingproblem, vor allem für Steuerspezialisten, lösen könnten. Also gründeten sie 2015 den ‚Verein zur Förderung der Steuerrechtswissenschaft an der Leibniz Universität Hannover‘ (VFS). Die Mitglieder stammen aus der Studentenschaft, Unternehmen, Kanzleien und der Justiz. Keß ist Vorstandsvorsitzender, Schneider sein Stellvertreter und Penner Schatzmeister. Und auch die übrigen Vorstandsmitglieder geben einen Eindruck von der Bandbreite des Vereins: Sie kommen von KPMG, der Norddeutschen Landesbank und dem Niedersächsischen Finanzministerium. Ihr oberstes Ziel ist es, das Steuerrecht in Hannover zu fördern. Entsprechend war der Verein auch bis zum Sommer 2018 eine eher lokale Angelegenheit.

Doch drei Jahre nach seiner Gründung sorgt er bundesweit für Schlagzeilen. Denn die Studenten der Leibniz Universität wollen eine Tax Law Clinic gründen. Nach dem Vorbild der vielerorts längst etablierten Law Clinics, in denen der juristische Nachwuchs unter Anleitung von Berufsträgern anderen Studenten bei rechtlichen Problemen zur Seite steht, soll auch die Tax Law Clinic funktionieren. Studenten helfen anderen Studenten bei der Steuererklärung. Es wäre die erste Einrichtung dieser Art in Deutschland und könnte eine Vorreiterrolle übernehmen. Zumindest wenn es nach dem VFS geht, der als Mit-Initiator bereit ist, für die Idee sogar vor Gericht zu ziehen. Denn das niedersächsische Finanzministerium hat bereits signalisiert, das Ganze für unzulässig zu halten.

Der Verein lässt sich davon nicht beirren. Er hat im Juli einen Schriftsatz an das zuständige Finanzamt Hannover-Nord übermittelt. Darin kündigt er an, eine Tax Law Clinic ab dem kommenden Wintersemester einrichten zu wollen. „Wir haben vor, gegen eine etwaige Untersagungsverfügung oder vergleichbare Maßnahme gerichtlich vorzugehen“, zeigt sich Luther-Anwalt Schneider entschlossen. Doch egal, ob aus der Tax Law Clinic etwas wird oder nicht, der VFS hat sich unabhängig davon in Hannover längst als funktionierendes Netzwerk etabliert. Schon bei der Gründung war den Initiatoren schnell klar, dass sie offene Türen einrennen. „Der Zuspruch war deutlich größer als erwartet“, erinnert sich Finanzrichter Keß. „Wir gingen zunächst von 20 bis 30 Leuten aus. Tatsächlich waren bereits bei der Gründungsversammlung über 70. Aktuell sind wir schon 220 Mitglieder.“

Angst um Drittmittel.

Dabei hatte der Verein durchaus mit Anfangsschwierigkeiten zu kämpfen. Denn das Anliegen, mehr Studenten für das Steuerrecht zu begeistern, mag aus Sicht der suchenden Arbeitgeber verständlich sein. Doch damit meldete sich ein neuer Akteur in einem Umfeld zu Wort, in dem die Pfründe längst verteilt waren. Einige Lehrstühle mögen im Stillen um ihre Drittmittel gebangt haben. „Warum Steuerrecht in Hannover fördern?“, fragten die Gegner. „Steuerrecht gibt es doch bereits in Osnabrück.“

Das stimmt zwar grundsätzlich, aber Steuerrecht gibt es auch in Hannover, nur eben deutlich eingeschränkter. So können die BWL-Studenten zur Betrieblichen Steuerlehre zu Prof. Dr. Kay Blaufus gehen, die Juristen für Steuerstrafrecht zu Prof. Dr. Heiko Ahlbrecht und zu Prof. Dr. Henning Radtke, der gleichzeitig Richter am Bundesverfassungsgericht ist. Finanzrichter und Mit-Initiator des VFS Keß ist ebenfalls an der Uni aktiv. Er hat dort einen Lehrauftrag und liest ‚Die Grundzüge des Steuerrechts‘. „Das ist zwar nur eine Einführung“, meint er selbst, „aber immerhin ein guter Anfang.“ Examensrelevant ist Steuerrecht nicht. Wer sich weiter spezialisieren möchte, muss bis ins benachbarte Osnabrück, nach Hamburg oder Bielefeld fahren.

Da liegt es nahe, dass der VFS nun mit Osnabrück kooperiert und dort – auch für die Hannoveraner – zumindest einen Crash-Kurs für Steuerinteressierte anbietet: ‚Einführung in das Steuerrecht‘. Konzipiert für ein verlängertes Wochenende, gelesen vom Osnabrücker Prof. Dr. Steffen Lampert. Darüber hinaus richtet der Verein gemeinsame Veranstaltungen aus, immer mit dem Ziel, Unternehmensvertreter, Berater, Justizangehörige und Studenten an einen Tisch zu bekommen.

Und das gelingt. Die Exkursionen – zuletzt etwa zum Finanzministerium nach Berlin –, Symposien oder auch die dreimal im Jahr stattfindenden Jour Fixes sind allesamt gut besucht. Letztere finden immer in einem anderen Unternehmen, in einer Kanzlei oder einfach in einer Kneipe statt.

Wie sich die einzelnen Mitgliedsunternehmen und Kanzleien im Verein einbringen, ist unterschiedlich. „Wir fördern das jährliche Symposium zum Gesellschafts- und Steuerrecht“, berichtet etwa Schneider. Das fand im Frühjahr dieses Jahres zum zweiten Mal statt und beschäftigte sich mit dem Thema Unternehmensnachfolge. Luther übernimmt einen Teil der Kosten und stellt Manpower zur Verfügung.

Beliebter Treffpunkt der Hannoveraner: die Kröpcke-Uhr in der Fußgängerzone.

Auch der Touristikkonzern Tui ist mit im Boot, obwohl er nicht als Mitglied aktiv ist. „Wir haben am Steuertag in Osnabrück teilgenommen, den der VFS organisiert hat“, berichtet Thorsten Wölke, Leiter der Steuerabteilung in Hannover. Allerdings beschränkt sich das Engagement des Unternehmens auf einzelne Aktionen, „weil wir unsere Region, das Anliegen des Vereins und die Studenten eben fördern wollen“. Tui gehe es aber nicht explizit darum, mit dem Kontakt zu den Studenten Bewerbermarketing zu betreiben. Das hat der Konzern nämlich gar nicht nötig. Zur Steuerabteilung gehören insgesamt 14 Personen, davon 12 Berufsträger. Hinzu kommen sechs in Großbritannien und drei in Spanien. Rekrutierungsschwierigkeiten? Sind Wölke unbekannt. Auch Praktikanten hätten erst neulich die Chance gehabt, die Abteilung kennenzulernen. Aber so rosig wie bei Tui sieht es eben nicht überall aus. Allerdings verbessert sich die Bewerbersituation auch Dank des VFS. Schneider etwa hat aus dem Kreis der VFS-Studenten einen wissenschaftlichen Mitarbeiter gewonnen.

Kontakte durch den VFS.

Auch die Zahl der Bewerber, die sich explizit für das Steuerrecht interessieren, wächst. „Früher haben sich die Leute fast ausschließlich für die Bereiche Corporate oder Commercial beworben. Mittlerweile ist das besser geworden“, stellt er fest. KSB Intax profitiert ebenfalls. Gerade waren zwei Referendare dort, die aus dem VFS stammten. Es wäre auch ganz im Sinne von KSB Intax-Partner Penner, wenn sich im Rest der Republik herumsprechen würde, dass Berufsanfänger jenseits der Großbüros früher Verantwortung tragen dürfen. Er selbst durfte in seinem ersten Jahr in Hannover an vorderster Front bei einer 100-Millionen-Euro-Umstrukturierung mitmachen, weil ein Kollege von ihm erkrankt war. Das wäre in der Frankfurter Großkanzlei, in der er zunächst nach seinem Studium eingestiegen war, undenkbar gewesen.

Finanzrichter Keß, ein gebürtiger Kölner, bricht ebenfalls eine Lanze für Hannover. „Es ist ein echt guter Standort“, sagt er, „kompakt, kulturell vielfältig, sehr grün.“ Der schlechte Ruf ist ihm egal. Wenn er das sagt, klingt er wie die Hannoveraner mit ihrem Lieblingsmotto, das sie gerne den üblichen Lästereien entgegensetzen: „Muss ja sonst keiner wissen, wie schön es hier ist.“ ?

 

Gemeinsam aktiv

20 Unternehmen und rund 220 einzelne Personen sind als Mitglieder im VFS engagiert:

  • Allen & Overy
  • Steuerlehrgänge Dr. Bannas, Andreas Wellmann
  • bbt von Boehmer Borchert Trittel
  • Christina und Mathias Borschbach (Wienhausen)
  • Brandi
  • Buhl Tax Service
  • Bund der Steuerzahler Niedersachsen und Bremen e.V.
  • Busse & Coll.
  • Continental
  • Deloitte
  • Gehrke Econ
  • Kapp Ebeling & Partner
  • KPMG
  • KSB Intax
  • Leibniz Fachhochschule Hannover
  • Luther
  • Obenhaus (Hamburg)
  • Schindhelm
  • Schulze-Borges
  • Seidel Elfers Tax Unit