Magazin-Artikel
12.10.2018 | Autor/in: Markus Lembeck

Mitten im Leben

Zwei Jahre hat Adem Koyuncu als Arzt gearbeitet. Dann schloss er sein Jurastudium ab und wurde Anwalt. Im Boomsektor Lifesciences ist er heute eine Koryphäe. Mandanten schätzen seine doppelte Qualifikation, er selbst die lebensnahe Beratung.

Zeitintensiv. Das ist ein Wort, das häufig fällt, wenn man mit Adem Koyuncu über seine Arbeit als Anwalt für die Gesundheitsbranche spricht. Genauer gesagt mit Dr. Dr. Adem Koyuncu (46), Partner von Covington & Burling in Brüssel und Frankfurt am Main. Er gilt als einer der führenden Köpfe seiner Kanzlei. Das zeitintensive Medizinstudium hat er als erstes begonnen, das Jurastudium kam später. Beides hat er mit einer Promotion abgeschlossen, beides lief über weite Strecken parallel – weil Jura gar nicht so zeitintensiv war, fand er damals. Ein krasses Fehlurteil? Nein, Koyuncu ist nun mal ein aufmerksamer, analytischer Mensch. Die Mitbewohner seiner WG, die Jura studierten, lebten einen fast entspannten Studienalltag, fand er. Die Doppelbelastung hat er sich deshalb zugetraut. „Jura machte von Anfang an Spaß“, sagt er. „Schon für die ersten Arbeiten gab es gute Noten, das hat mich natürlich ermutigt.“

Zum Glück musste er sich nicht zwischen Medizin und Jura entscheiden. Die Kombination aus beiden Berufen hätte sich zum Beispiel auch für die Gerichtsmedizin geeignet. Koyuncu hat wie viele andere seiner Generation ‚Quincy‘ im Fernsehen geschaut – Stories über einen Gerichtsmediziner als akribischer und unbequemer Ermittler, ein Straßenfeger in den 1970er-Jahren. Tatsächlich arbeitete der aus Duisburg stammende Koyuncu zwei Jahre an der Uniklinik in Köln, Abteilung für Neurologie. Eine Zeitlang engagierte zusätzlich die Polizei den jungen Arzt für nächtliche Einsätze. Mehr reales Leben geht kaum.

Doch Koyuncu machte Jura schließlich zum Schwerpunkt seiner Karriere, und diese Entscheidung bereut er nicht: „Als Anwalt kann man die ärztliche Erfahrung besser einbringen als es andersherum der Fall wäre.“ So bekommen seine Mandanten neben dem juristischen Know-how gleichzeitig seinen medizinischen Sachverstand – schon in der Produktentwicklung, wenn es gewünscht ist. Auf diese Weise können Hürden für die Zulassung schon bei der Entwicklung eines neuen Wirkstoffs entlarvt werden. „Wenn man die medizinischen Details direkt verstehen und bewerten kann, wirkt sich das sehr positiv auf die Beratung aus.“ Ein interdisziplinäres Team in einer Person, gewissermaßen.

Freude am Erfolg

Seine erste berufliche Station war bei Bayer, danach wechselte er zur US-Kanzlei Mayer Brown, als diese noch in Köln mit einem Büro vertreten war. Die Erfahrung auf Mandantenseite hat seinen Berufsweg geprägt. „Im Grunde genommen verstehe ich mich als Industrieberater im Lifesciences-Sektor“, erklärt er. Die Mandanten sind internationale Unternehmen, aber auch deutsche Hersteller, die ihre Produkte international vertreiben. „Es kommen Konzerne, aber auch Forschungseinrichtungen und viele Mittelständler mit Fragen zu ihren Produkten und Projekten. Das geht über Regulierungsfragen weit hinaus.“

Ach ja, die Regulierung. Ein wichtiger Grund, warum Covington & Burling ausgerechnet in Brüssel ist, im Zentrum der Europäischen Union. Fragt man die Pharmaunternehmen, ist der Staat mit seinen Vorgaben einfach nur noch misstrauisch. Fragt man Verbraucherschützer, sind die Vorschriften zu lasch. Fragt man einen Krebspatienten, der verzweifelt auf die Zulassung eines neuen Medikaments wartet, ist der zeitintensive Genehmigungsprozess eine einzige Qual. Auch solche Mandate hatte Koyuncu als junger Anwalt. Das neue Arzneimittel konnte eingesetzt werden, der Patient überlebte.

Die Freude an Erfolgen hat Koyuncu sich bewahrt – und das, was die Arbeit jedes Arztes unweigerlich prägt, findet er auch in seiner Arbeit als Anwalt: „Das Schöne an der Beratung im Gesundheitswesen ist, dass alles sehr lebensnah ist. Das juristische und technische Niveau ist sehr hoch, auch auf der Seite der Unternehmen. Aber gleichzeitig geht es immer um die Machbarkeit.“

Alles zu seiner Zeit

Und die Entwicklung geht in einem rasanten Tempo voran, ständig gibt es etwas Neues. Die Digitalisierung etwa hat die Medizinbranche voll im Griff und wirft mit jedem neuen Gerät, jeder App oder digitalen Analysemethode juristische Fragen auf. Kein Zufall, dass auch der Datenschutz in seinem Team ein wichtiges Thema ist, genauso wie Compliance, speziell interne Untersuchungen. Koyuncu ist mit an Bord, wenn Firmen aus der Pharmaindustrie oder Medizinproduktehersteller ihre internen Abläufe auf Regelverstöße durchleuchten. Ein in jedem Einzelfall dringliches Geschäft. Zeitintensiv.

Koyuncu, der fünf Jahre ausschließlich in Brüssel gearbeitet hat, verbringt jetzt die Hälfte seiner Arbeitszeit in Frankfurt. Seine Kanzlei, international mit rund 1.200 Anwälten ein mittelgroßer Player, hat gerade in Frankfurt mit Heymann & Partner fusioniert und kam so zu einem deutschen Standort. Ein noch kleines Büro für Frankfurter Verhältnisse, das aber wachsen soll. Auch im Sektor Lifesciences. Jetzt pendelt Koyuncu, wenn er nicht ohnehin bei Mandanten ist, zwischen Belgien und Deutschland und meint trotzdem, dass der Zeitdruck auszuhalten ist. „Viele Mandatsbeziehungen bestehen seit langen Jahren, da lässt sich gut einschätzen, wie hoch der Zeitaufwand ist und welche Dinge besonders dringend sind.“

Geschwindigkeit ist nicht alles. Übrigens auch im Studium oder Referendariat, findet er. Er rät davon ab, allzu stromlinienförmig Karriereziele zu verfolgen. Speziell Referendare sollten ihre Ausbildung dazu nutzen, möglichst viele Beratungsfelder kennenzulernen und sich erst dann eine Meinung bilden. „Eine gewisse Unsicherheit vor dem Berufseinstieg gehört dazu, man muss das akzeptieren und mitnehmen.“ Qualität setzt sich durch, bekräftigt Koyuncu. Auch in der Ausbildung. Und das braucht seine Zeit.