Magazin-Artikel
12.10.2018 | Autor/in: Norbert Parzinger

Mit Volldampf voraus

US-Kanzleien sind in Deutschland auf dem Vormarsch.Sie locken Bewerber mit ausgeprägtem Teamgeist und viel Geld, doch auch die Ansprüche sind hoch.

Politisch war die deutsch-amerikanische Freundschaft sicher schon mal enger. Doch an der Attraktivität des deutschen Markts für US-Kanzleien ändert das nichts. In den vergangenen drei Jahren haben gleich fünf amerikanische Einheiten komplett neu in Deutschland eröffnet: Goodwin Procter, Greenberg Traurig, Hausfeld und Sidley Austin heuerten meist größere Teams aus Wettbewerberkanzleien an. Covington & Burling, zuvor schon in Brüssel vertreten, übernahm gleich eine komplette Sozietät, die Frankfurter Transaktions- und Technologieboutique Heymann & Partner. Auch einige US-Kanzleien, die schon länger in Deutschland aktiv sind, expandierten kräftig, etwa Gibson Dunn & Crutcher und Reed Smith, die zusätzliche Standorte eröffneten. Alles in den Schatten stellt die Offensive von Latham & Watkins: Die Kanzlei wirbt schon seit Jahren prominente Partner aus alteingesessenen Top-Kanzleien ab. Ihr Ziel ist, ganz amerikanisch-unbescheiden, bald an der Marktspitze in Deutschland mitzuspielen.

Für Referendare und Associates bedeutet dieser Boom vor allem eines: Reichlich hochdotierte Ausbildungs- und Arbeitsplätze. Beim Thema Geld stehen die amerikanischen Sozietäten schon seit Jahren ganz oben im deutschen Markt – Einstiegsgehälter zwischen 120.000 und 140.000 Euro sind hier gang und gäbe. Mit zunehmender Berufserfahrung kommen in vielen US-Kanzleien noch Boni dazu, die für deutsche Verhältnisse immense Höhen erreichen. Zusatzprämien von 50.000 Euro im Jahr sind keine Seltenheit, weil die in den USA festgelegten Zuschläge oft weltweit einheitlich für alle Associates einer bestimmten Dienstaltersstufe gezahlt werden.

Die deutschen Anwälte profitieren hier von den Gepflogenheiten, die den US-Markt prägen: Dort bringen Law-School-Absolventen oft rund eine Viertelmillion Dollar Schulden aus Studienkrediten mit, die nach dem Start ins Berufsleben erst einmal abbezahlt sein wollen. Entsprechend größer ist für amerikanische Associates der Stellenwert hoher Gehälter.

Hoch liegen die Standards aber auch bei den Arbeitszeiten: Laut azur-Associate-Umfrage sind in den meisten US-Kanzleien im Schnitt rund 55 bis 60 Wochenstunden üblich, das ist mehr als im Marktdurchschnitt. Die projektabhängig schwankende Auslastung macht es zudem schwieriger als anderswo, Auszeiten mit einem gewissen Vorlauf zu planen. Allerdings arbeiten die Anwälte in manchen deutschen oder britischen Spitzenkanzleien oft auch nicht weniger.

Inhaltlich konzentrieren sich die meisten US-Kanzleien in Europa auf das Wesentliche, sprich diejenigen Fachbereiche und Branchenschwerpunkte, mit denen sich am meisten Geld machen lässt. Im Mittelpunkt steht darum häufig das Transaktionsgeschäft – die Begleitung von Fusionen, Anteils- und Assetkäufen und -verkäufen sowie der dazugehörigen Finanzierungen. Je nach Zuschnitt bleiben die Kanzleien mehr oder weniger eng auf diese Bereiche fokussiert. Die deutsche Praxis von Sullivan & Cromwell etwa ist ausschließlich im Gesellschafts- und Kapitalmarktrecht aktiv. Wettbewerber wie Cleary Gottlieb Steen & Hamilton oder Milbank Tweed Hadley & McCloy hingegen haben auch eigenständige Praxen im Finanz-, Kartell- oder Steuerrecht.

Ost- oder Westküste?

Andere, darunter Kirkland & Ellis, Sidley Austin und Weil Gotshal & Manges, sind häufiger auch bei restrukturierungsnahen Deals eingebunden. Wieder andere, etwa Dechert, Debevoise & Plimpton, Goodwin Procter oder King & Spalding, engagieren sich dafür stärker im Fondsgeschäft oder im Immobiliensektor. Manche Wettbewerber haben zusätzlich zwei weitere, besonders lukrative Bereiche aufgebaut: Konfliktlösung und Compliance-Untersuchungen. Mit Hausfeld und Quinn Emanuel Urquhart & Sullivan sind sogar zwei US-Kanzleien im deutschen Markt aktiv, die sich als reine Prozesskanzleien positionieren. Als Rundumberater treten hierzulande nur wenige US-Kanzleien auf, etwa Jones Day oder White & Case.

Die Strategien unterscheiden sich, weil die amerikanischen Sozietäten ganz unterschiedliche Wurzeln haben. Cleary, Milbank und Sullivan etwa gehören zu den Stammkanzleien der New Yorker Wall-Street-Banken und Finanzinvestoren. Entsprechend klar fokussiert ist auch ihre Beratungspalette. Jones Day dagegen kommt ursprünglich aus Cleveland, Ohio, und berät traditionell das US-Äquivalent zum deutschen Mittelstand – Industrieunternehmen und Konzerne mit wenig Glamour, aber reichlich Geschäft, auch international. Wieder anders aufgestellt sind Westküstenkanzleien wie Morrison & Foerster oder Paul Hastings, für die Mandate aus der Technologie- und Medienbranche einen hohen Stellenwert haben.

Allen gemeinsam ist hingegen der finanzielle Erfolg. Im Geschäftsjahr 2017/18 lagen insgesamt 17 Kanzleien im deutschen Markt über der Schwelle von 750.000 Euro erwirtschaftetem Umsatz pro Berufsträger. 15 davon waren US-Kanzleien. Die Spitzenreiter Weil Gotshal & Manges und Sullivan & Cromwell schafften sogar über eine Million Euro Umsatz pro Berufsträger. Hinter diesen Zahlen stehen nicht nur hart arbeitende Anwälte vor Ort, sondern auch kompromisslos durchgesetzte Managementstrategien.

Diese allerdings haben auch eine Kehrseite: Wenn Partner nicht genug Geld erwirtschaften, ist für sie schnell Schluss. Kanzleien wie Cleary, Dechert, Skadden Arps Slate Meagher & Flom oder WilmerHale haben die schwächeren Partner ihrer deutschen Standorte in den vergangenen Jahren unerbittlich ausgesiebt und besonders ergiebige Bereiche mit hochkarätigen Neuzugängen weiter ausgebaut. Hohe Erwartungen gelten ebenso für Nachwuchspartner aus den eigenen Reihen. Unter anderem deshalb sind interne Partnerernennungen noch seltener als in den deutschen Büros der meisten anderen internationalen Großkanzleien.

Lockerer Umgang

Trotzdem fühlen sich die meisten Associates der US-Kanzleien in ihrem Hochdruckumfeld ausgesprochen wohl. Das zeigte die azur-Associate-Umfrage immer wieder. Hier spielt nicht nur die überschaubare Größe der deutschen Standorte eine Rolle, die dafür sorgt, dass auch junge Associates recht schnell eigenständig arbeiten können und direkt mit Mandanten in Kontakt kommen. Die meisten US-Kanzleien sind außerdem für einen relativ lockeren internen Umgang bekannt – oft sind alle Mitarbeiter per Du, und wenn keine externen Termine anstehen, dürfen Anzug und Krawatte auch mal im Schrank bleiben. Bei einigen Kanzleien, allen voran Latham, sind die Associates auch in die Gremien eingebunden, die das interne Miteinander regeln, bis hin zur Personalentwicklung.

Diesen Teamgeist bekommen gelegentlich schon Bewerber zu spüren. In einigen US-Kanzleien lernen potenzielle Neueinsteiger die gesamte Mannschaft kennen, mit der sie künftig zusammenarbeiten sollen. Wenn die Associates ernsthafte Bedenken haben, entscheidet sich die Kanzlei auch schon mal gegen einen Bewerber, der die Partner längst überzeugt hat. Der Zusammenhalt ist so zentral, weil die Anwälte in diesen kleinen Einheiten stärker aufeinander angewiesen sind als in den weitverzweigten Organisationsstrukturen der Großkanzleien. „Hier ziehen alle an einem Strang“, heißt es sinngemäß oft in der azur-Associate-Umfrage, wenn Anwälte aus US-Kanzleien aus ihrem Job berichten. Vielleicht sollten sich die Politiker gelegentlich ein Beispiel daran nehmen.

In dieser Rubrik erläutern Autoren der JUVE-Redaktion aktuelle Themen aus dem Anwaltsmarkt. Norbert Parzinger ist Co-Leiter von azur100.