Magazin-Artikel
12.10.2018 | Autor/in: Konstanze Richter

Mehrwert ohne Partner

Berufseinsteiger und junge Associates haben es oft schwer, außerhalb der eigenen Kanzlei Kollegen kennenzulernen. Der Verein zur Vernetzung und Förderung junger Münchner Wirtschaftsanwälte (JMWA) will genau dafür sorgen. azur sprach mit den Gründungsmitgliedern Nico Basener und Andreas Minkoff.

azur: Rechtsanwaltsverbände gibt es in Deutschland ja schon, sogar – wie das Forum Junge Anwaltschaft im Deutschen Anwaltverein (DAV) – für Anwälte in den ersten Berufsjahren. Wozu braucht der Berufsstand einen weiteren Verein?

Dr. Andreas Minkoff: Keine uns bekannte Vereinigung hat eine so spezifische Alters-, Fach- und Regionalausrichtung. Der DAV beispielsweise wendet sich bundesweit an Berufsträger aller Fachgebiete, nicht nur aus dem Wirtschaftsrecht. Wir wollten hingegen eine Plattform schaffen, wo sich speziell junge Anwälte aus Münchner Wirtschaftskanzleien in den ersten sieben Berufsjahren in zwangloser Umgebung treffen, kennenlernen und Kontakte knüpfen können.

Dr. Nico Basener: Partner verfügen ja zumeist über ein gut etabliertes Netzwerk. Berufseinsteiger und junge Associates hingegen müssen sich das erst mühsam aufbauen. Die Idee hinter dem Verein ist, ihnen dabei zu helfen. So haben wir uns Ende 2016 mit einigen befreundeten Associates, die wir noch aus der Zeit des Referendariats kannten, zusammengesetzt und genaue Ziele formuliert sowie einen Business-Plan erstellt.

azur: Wie viele junge Wirtschaftsrechtler erreichen Sie mit Ihrem Angebot?

Basener: Bei der Gründung waren wir zu siebt, doch über Mundpropaganda entwickelte sich der Verein sehr schnell. Mittlerweile zählen wir mehr als 50 feste Mitglieder und an unseren Veranstaltungen, die auch Nicht-Mitgliedern offenstehen, nehmen bis zu 70 junge Berufsträger teil.

Minkoff: Das zeigt ja deutlich, dass Bedarf an Möglichkeiten zur Vernetzung besteht. Auch aus den Kanzleien bekommen wir ein sehr positives Feedback. Schließlich gehört die Bildung eines Netzwerks häufig zu den Zielvereinbarungen der jungen Anwälte.

azur: Was genau bietet der Verband?

Basener: Der Netzwerk-Gedanke steht im Vordergrund. Bei den regelmäßigen Terminen – jeden ersten Freitag im Monat zum Business Lunch und jeden dritten Donnerstag zum Afterwork-Treffen – können Mitglieder und interessierte Nicht-Mitglieder zum lockeren Austausch zusammenkommen. Natürlich nehmen nicht immer alle daran teil, aber der Kreis wird stetig größer. Im Sommer zählten wir beim Business Lunch bis zu 25 Teilnehmer.

Minkoff: Neben der Förderung der Vernetzung möchten wir auch fachliche Inhalte vermitteln. Daher organisiert der Verein neben den monatlichen Treffen zwei- bis dreimal im Jahr Vortragsveranstaltungen. Dabei greifen wir Themen auf, die jungen Anwälten in ihrem Berufsleben weiterhelfen, etwa Soft Skills.

Die Netzwerker: Nico Basener von Clifford Chance (links) und Andreas Minkhoff von Roxin in München gründeten den Verein mit fünf anderen Junganwälten, die sie aus der Referendarzeit kannten.

azur: Überschneidet sich das nicht mit dem, was Kanzleien im Rahmen ihrer Ausbildungsprogramme anbieten?

Basener: Wir sehen uns nicht in Konkurrenz zu den Kanzleiakademien. Deren Fortbildungsprogramme vermitteln vor allem Fähigkeiten, die einen Mehrwert für die Arbeit in einer Sozietät bieten, etwa Verhandlungsmanagement, Kommunikationstraining, Selbstorganisation oder Mitarbeiterführung. Wir wollen mit unseren Veranstaltungen aber über den Tellerrand der Kanzleiwelt blicken und auch Themen ansprechen, die keinen direkten Einfluss auf die tägliche Arbeit haben, aber trotzdem für Rechtsanwälte wichtig sind.

Minkoff: Der General Counsel von Siemens, Dr. Andreas Hoffmann, sprach bei unserer zweiten Veranstaltung im Februar 2018 beispielsweise darüber, was Unternehmen von Kanzleien erwarten, die sie mandatieren. Diese unmittelbare Mandantenperspektive mit Erfahrungsberichten rief bei unseren Mitgliedern ein sehr positives Feedback hervor. In anderen Vorträgen ging es darum, wie man mit neuen und überraschenden Situationen und Anforderungen umgehen sollte oder wie Netzwerken richtig funktioniert.

azur: Haben Sie daraus auch Erkenntnisse gewonnen, die Sie in der Vereinsarbeit umsetzen können?

Basener: Viele Aspekte lassen sich unmittelbar umsetzen. Anschaulich ist zum Beispiel die Tatsache, dass man von einem Netzwerk nicht unmittelbar einen Nutzen oder eine Gegenleistung erwarten darf. Es kann sein, dass man lange in ,Vorleistung‘ geht, gleichzeitig den Nutzen eines Netzwerks aber nur langfristig beurteilen kann. Das gilt so auch für den Verein. Wir haben am Anfang sehr viel Arbeit selbst eingebracht. Nun sieht man, dass sich das Netzwerk etabliert hat und andere zum Beispiel mithelfen, Räumlichkeiten für die nächste Veranstaltung in den jeweiligen Kanzleien zu ermöglichen. Das hilft wieder dem Verein und der Sache. Manche Effekte sind nur Kleinigkeiten. Man reflektiert sich selbst noch einmal, das hilft enorm.

Minkoff: Es hilft in der Tat, sich ständig vor Augen zu führen, dass erfolgreiches Netzwerken das Herbeiführen einer Win-win-Situation verlangt. Wir versuchen, unseren Mitgliedern wichtige Mehrwerte zu bieten, auf der anderen Seite profitiert der Verein natürlich durch die Aktivität jedes einzelnen Teilnehmers.

azur: Warum wenden Sie sich nicht auch an junge Inhousejuristen oder solche in den Justizbehörden?

Minkoff: Es geht uns vor allem um die Interaktionen auf Augenhöhe – und zwar in jeder Hinsicht. Sobald Syndikusanwälte und junge Associates aus Sozietäten zusammentreffen, kann schnell eine Kunde-Dienstleister-Situation entstehen und daraus auch ein entsprechender Konkurrenzdruck unter den Kanzleianwälten. Das wollen wir vermeiden. Aus dem gleichen Grund begrenzen wir die Mitgliedschaft ja auch auf Associates in den ersten Berufsjahren.

azur: Was passiert, wenn ein Mitglied das achte Berufsjahr und damit die offizielle Altersgrenze erreicht oder zum Partner ernannt wird?

Basener: Unsere Satzung erlaubt hier schon einen gewissen Spielraum. Im Prinzip möchten wir aber unsere Zielgruppe im Blick behalten, die sich in ungezwungener Atmosphäre treffen können soll – ganz bewusst ohne Teilnehmer aus der Partnerriege. Sonst besteht die Gefahr, dass es zu einem Hierarchiegefälle kommt. Wenn die ersten Mitglieder den Sprung zum Partner geschafft haben, werden wir uns mit dem Thema sicherlich noch einmal befassen und auch konsequent eine Entscheidung in Bezug auf deren Mitgliedschaft treffen müssen.

azur: Wie finanziert sich der Verein?

Minkoff: Die Kosten halten sich noch in Grenzen, so dass wir aktuell keine Mitgliedsbeiträge erheben. Den größten Aufwand erzeugen die Abendveranstaltungen mit Vorträgen und anschließendem Get-together mit Essen, Trinken und Musik. Dabei haben uns bisher freundlicherweise Kanzleien unterstützt, indem sie die Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt und das Catering gestellt haben. Auch die Gastredner engagieren sich pro bono, was uns besonders freut, denn über die Qualität der Vorträge schärft der Verein sein Profil. So konnten wir beispielsweise für unsere Veranstaltung im September den ehemaligen Bundesfinanzminister Theo Waigel gewinnen.

Basener: Andere anfallende Kosten wie etwa der Aufbau und die Pflege der Homepage sind nicht so hoch. Das teilen wir im Gründungsteam bisher untereinander auf.

azur: Associates in Wirtschaftskanzleien arbeiten ja nicht gerade wenig. Woher nehmen Sie die Zeit für die Verbandsarbeit und die Organisation?

Basener: Natürlich haben die Gründung und die Aufbauphase im ersten Jahr viel Zeit in Anspruch genommen. Sehr schnell engagierten sich neben den sieben Mitgliedern des Gründungsteams aber auch neu hinzugekommene Mitglieder, so dass die Aufgaben mittlerweile untereinander verteilt werden und diejenigen einspringen, die noch Kapazitäten frei haben. Die Organisation des monatlichen Businesslunches – also Anmeldungen entgegennehmen und Restaurant reservieren – haben zum Beispiel zwei Kolleginnen übernommen. Zwar können Teilnehmer auch spontan kommen, aber es ist schon besser, wenn wir die Anzahl für die Reservierung zumindest grob einschätzen können. Außerdem kommen weitere Ideen aus den Reihen der Mitglieder, so entsteht aktuell etwa ein internes Online-Mitgliederverzeichnis mit Detailangaben zu den einzelnen Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälten. Es ist schön zu merken, dass der Verein sich zunehmend selbst organisiert.

Minkoff: Wir empfinden diese Aufgaben definitiv nicht als Belastung, denn das ehrenamtliche Engagement im Verein macht uns ja auch viel Spaß.

Das Gespräch führte Konstanze Richter.

 

JMWA in Kürze

Der Name ist Programm beim ,Verein zur Vernetzung und Förderung junger Münchner Wirtschaftsanwälte‘

Mitglieder: rund 50

Zielgruppe: Berufseinsteiger und junge Associates aus Wirtschaftskanzleien in München

Webseite: https://www.jmwa.de/

E-Mail: info@jmwa.de

Ansprechpartner:

  • Nico Basener (31) studierte in Paris und Köln. Er startete seine Karriere 2016 bei Clifford Chance in München, wo er in der Praxisgruppe Corporate/M&A tätig ist.
  • Andreas Minkhoff (35), studierte in München mit Schwerpunkt Strafjustiz und begann im Anschluss daran 2011 als Associate in der Strafrechtskanzlei Roxin.

 

Mehr als nur Geselligkeit

Neben monatlichen Treffen zum Business Lunch (jeder erste Freitag im Monat) und einem Afterwork-Treff (jeder dritte Donnerstag im Monat) bietet der JMWA seinen Mitgliedern und anderen Interessierten regelmäßig Fortbildungen, die bis zu 70 Teilnehmer anlockten.

Ein Überblick über die Referenten und die Themen der bisherigen Vorträge:

  • Am 25. Juli 2017 sprach die Hamburger Managementberaterin Carmen Schön darüber, wie wichtig Netzwerken für Wirtschaftsanwälte ist und was diese beachten müssen. Im Anschluss daran referierte Dr. Matthias Heisse, Managing-Partner von Eversheds Sutherland, darüber, was junge Anwälte aus Sicht der Kanzleiführung für den Erfolg mitbringen müssen.
  • Am zweiten Abend dieser Art informierte Dr. Andreas Hoffmann, General Counsel und Leiter der Rechts- und Compliance-Abteilung von Siemens, am 7. Februar 2018 darüber, welche Anforderungen Unternehmen an die sie beratenden Wirtschaftsanwälte stellen.
  • Zur dritten Runde am 10. September 2018 lud der Verband den ehemaligen Bundesfinanzminister Theo Waigel ein, der heute in eigener Kanzlei zu Bank- und Finanzrecht berät und zum Thema „Vertrauen und Politik“ sprach.