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29.10.2018 | Autor/in: Sonja Behrens

Interview zur Richterkarriere: „Der Beruf hat eine hohe ideelle Wertigkeit“

Dr. Andreas Singer ist seit März Präsident des Landgerichts Stuttgart. Damit ist der 47-Jährige verantwortlich für den zweitgrößten Landgerichtsbezirk Deutschlands mit mehr als 300 Richtern. Zuvor war der gebürtige Stuttgarter Leiter der Zentralabteilung im baden-württembergischen Justizministerium. azur sprach mit ihm über die Attraktivität des Richterberufs.

azur: Als Sie den Leitungsposten im Justizministerium antraten, waren Sie selbst noch keine 40 Jahre. Warum war es Ihnen da schon wichtig, eine landesweite Personalentwicklungsstrategie aufzusetzen?

Andreas Singer: Ich war zuvor als Richter am Landgericht und am Oberlandesgericht Stuttgart tätig und hatte schon gesehen, vor welchen personellen Herausforderungen wir aufgrund des anstehenden Generationswechsels stehen würden. Rund 200 Richterstellen müssen derzeit jedes Jahr in Baden-Württemberg neu besetzt werden. Und in der Personalgewinnung stehen wir dabei in bundesweiter Konkurrenz um die Spitzenjuristen.

Wie ist es Baden-Württemberg gelungen, die Bewerberzahlen für die Richterstellen wieder in die Höhe zu treiben?

Wir haben nicht nur die Gehälter angepasst. Wir haben auch die Sinnhaftigkeit des Richterberufs wieder in den Mittelpunkt der Rekrutierungskampagnen gestellt. Richter sein hat auch eine hohe ideelle Wertigkeit – und mit diesem Argument können wir viele junge Leute überzeugen. Aktuell haben wir allein 400 Bewerber.

Was spricht denn sonst noch für den Richterberuf?

Er bietet 100 Prozent Flexibilität, er kann bei uns sogar in einer 25-prozentigen Teilzeitstelle ausgeübt werden. Auch gibt es beispielsweise immer mehr Kita-Plätze für Justizangehörige, allein in Stuttgart 100 davon – solche weichen Faktoren sind nicht zu unterschätzen in der Rekrutierung.

Wie bereiten Sie die Referendare auf die Zweite Staatsprüfung vor?

Wir gewähren ihnen Zugriff auf alle Datensammlungen, sie erhalten zusätzlichen Online-Unterricht und dürfen in den Klausuren die juristischen Kommentare nutzen. Wir leben schließlich in einer Wissensgesellschaft und haben auch später im Arbeitsalltag dann Zugriff auf all diese Quellen.

Aber ist nicht auch die persönliche Betreuung zum Beispiel im Referendariat relevant?

Wir betreiben inzwischen rund um unseren Nachwuchs einen enormen Personalaufwand. Und das zu Recht, denn die Personalgewinnung für die Justiz läuft fast ausschließlich über die Justiz selbst. Wir schicken keinen weg, sondern versuchen immer wieder aufs Neue zu ermitteln, welche Laufbahn für den jeweiligen Kandidaten die richtige sein könnte. Der eine eignet sich eher als Staatsanwalt, der andere als Zivilrichter, das gilt es aufzuspüren und zu besprechen.

Bis zu welchem Alter können Anwälte oder Inhouse-Juristen auf eine Richterkarriere umschwenken?

Bis sie 42 Jahre alt sind. Haben sie bis dahin schon Kindererziehungszeiten vorzuweisen, so werden diese gemäß der Landeshaushaltsordnung noch verlängernd dazu addiert. Hierzulande können sie sogar schon bei der Erstanstellung als Richter in Teilzeit arbeiten. Daher wechseln immer wieder einige Anwälte zur Familienplanungszeit aus den Wirtschaftskanzleien in die Richterlaufbahn. So können sie ihre 80-Stunden-Jobs gegen ein maßvolleres, frei zu gestaltendes Berufsleben eintauschen.

Damit müssen die Kandidaten aber auch in Kauf nehmen, dass die Verdienstmöglichkeiten vielleicht nicht ganz so gut sind wie in der freien Anwaltschaft.

Ja, das ist richtig. Aber wir ermöglichen es den Spitzenjuristen gern, in ihrer Laufbahn eine grundsätzliche Veränderung vorzunehmen, sei es, um eine andere Work-Life-Balance herzustellen oder um einen anderen fachlichen Schwerpunkt legen zu können. Umgekehrt profitieren wir ja von deren Lebenserfahrung. Die Quereinsteiger aus den Großkanzleien bringen in der Regel eine hohe Sprachkompetenz im Englischen mit und kennen die Struktur der umfangreichen Verfahren, die dort üblich sind – dadurch können sie die Schriftsätze der Großkanzleien als Richter auch effizienter abarbeiten.

Für welche Verfahren ist das besonders relevant?

Nehmen Sie beispielsweise die Kartellschadensersatzfälle von Lkw-Käufern, von denen derzeit rund 200 am Landgericht Stuttgart anhängig sind und für die sogar Anfang des Jahres noch eine zusätzliche Kammer eingerichtet wurde. Zu diesen Klagen kommen oft Berge an Unterlagen mit, in einem Fall wurden sie sogar auf Europaletten geliefert. Solche komplexen Verfahren lassen sich mit erfahreneren Juristen leichter auffangen als mit Berufsanfängern.

Das Gespräch führte Sonja Behrens