Magazin-Artikel
12.10.2018 | Autor/in: Anja Kühner

Hin und weg

Auslandserfahrung ist gern gesehen und bei internationalen Großkanzleien quasi Pflicht. Sie belohnen ihre Referendare in der Wahlstation mit Aufenthalten in ihren Auslandsbüros. Vor allem London und die Vereinigten Staaten stehen hoch im Kurs.

Während der Wahlstation ins Ausland zu gehen, ist für viele Referendare eine Chance, frühzeitig internationale Berufserfahrung zu sammeln. „Die Wahlstation ist außerdem ein guter Anlass, den künftigen Arbeitgeber besser kennenzulernen“, sagt Verena Szulczyk, Recruiting Manager bei der US-Kanzlei White & Case. Bei 40 Standorten in 33 Ländern sei es sinnvoll, auch Referendare schon in das globale Netzwerk zu integrieren. Voraussetzung: eine genaue Absprache zwischen Partner und Referendar, welches internationale Büro sich für einen Kurzaufenthalt am besten eigne. „Referendare, die wir an einen unserer internationalen Standorte schicken, möchten wir schon vorher kennenlernen, beispielsweise durch eine zuvor geleistete Anwaltsstation, oder durch wissenschaftliche Mitarbeit.“ Nur so sei gewährleistet, dass das Engagement und auch die Persönlichkeit der Kandidaten mit den Erwartungen der Kanzlei übereinstimme. So können beide Seiten unschöne Überraschungen vermeiden. Denn: „Oft ist man sich schon vorher einig, dass nach dem Referendariat ein Berufseinstieg bei uns infrage kommt“, sagt Szulczyk. Aktuell schickt die Kanzlei im Durchschnitt sieben bis zehn Referendare pro Jahr in Ausland. „Bald werden wir die Anzahl der Plätze verdreifachen.“

Vor dem Ausland steht die Zusammenarbeit: Holger Hofmeister, Skadden Arps Slate Meagher & Flom, prüft Referendare eingehend.

In der Regel sind es also die Besten eines Referendarjahrgangs, die von internationalen Anwaltskanzleien das Angebot erhalten, die Wahlstation in anderen Ländern zu absolvieren. Auch der Legal-Hiring-Partner Dr. Holger Hofmeister von Skadden Arps Slate Meagher & Flom hält es so: „Bevor wir die Auslandsstation anbieten, möchten wir den Referendar persönlich in der Zusammenarbeit erleben. Das gibt uns und dem Referendar gleichermaßen die Möglichkeit festzustellen, ob eine Tätigkeit als Associate nach dem Abschluss des zweiten Staatsexamens infrage kommt. Wenn das der Fall ist, bieten wir die Wahlstation im Ausland an.“

Ausland nur für Ausgewählte.

Auch Greenberg Traurig, eine US-Kanzlei mit deutschem Büro in Berlin, schickt nur potenzielle Associates in ihre Auslandsbüros. „Wir sehen darin auch ein konkretes Recruitment-Element für Associates“, sagt der für Personalthemen verantwortliche Partner Dr. Henrik Armah. „Es ist kein reines Goodie für Referendare, die sich schon für eine andere Laufbahn – zum Beispiel als Richter – entschieden haben.“ Ein Auslandsaufenthalt während des Referendariats sei etwas Besonderes. Im Schnitt könne ein Referendar pro Quartal während der Wahlstation ins Ausland.

Anders als internationale Kanzleien wie White & Case, Greenberg und Skadden haben deutsche Sozietäten meist nicht die Möglichkeit, ihre Referendare an einen ihrer Auslandsstandorte zu schicken. Schlicht, weil sie keine haben. Das heißt allerdings nicht, dass deren Referendaren diese Erfahrung verwehrt bleibt.

„Gerade in den vergangenen Jahren haben wir uns bemüht, unser Netzwerk für Referendare und Praktikanten auszuweiten“, berichtet Lisa Wagner, Personalverantwortliche der Stuttgarter Kanzlei Menold Bezler. „Wir unterstützen unsere rund 20 Referendare pro Jahr gerne dabei, ihre Wahlstation im Ausland zu absolvieren, indem wir ihnen Zugang zu unserem internationalen Netzwerk ermöglichen. Etwa 40 Prozent gehen tatsächlich ins Ausland, wobei nur vier oder fünf Referendare dann auch bei Anwälten aus unserem internationalen Netzwerk ihre Wahlstation verbringen.“

Hilft beim Erstkontakt: Julia Schneider von Menold Bezler vermittelt Referendare ans Netzwerk. Unterstützung vor Ort gibt es aber nicht.

Rechtsanwältin Dr. Julia Schneider unterstützt inhouse das Recruiting-Team von Menold Bezler. Sie kennt fast alle ausländischen Anwälte persönlich, die für Referendariats-Stationen infrage kommen. „Einige der Anwälte im Ausland haben sogar Doppelzulassungen – so kooperieren wir beispielsweise in Brasilien und Mexiko mit deutschen Anwälten, die dort Partner einer ortsansässigen Kanzlei sind“, schildert sie.

Theoretisch könne deswegen dort sogar die Anwaltsstation absolviert werden, was Referendare bislang aber noch nicht in Anspruch genommen haben. „Die deutschen Anwälte dort kennen das deutsche Ausbildungssystem und freuen sich über Referendare, mit denen sie sich fachlich auch über die neuesten Entwicklungen in Deutschland austauschen können“, weiß Schneider. Auch die oft befürchtete Sprachbarriere steht in diesen Fällen nicht zwingend im Weg.

Wunschziel USA.

Die beliebtesten Ziele für die Wahlstation sind in den USA: „Insbesondere Miami und New York liegen im Fokus“, erzählt Henrik Armah von Greenberg. Miami, wo die Kanzlei gegründet wurde, und New York sind die größten Büros. „Wir haben sehr gute Beziehungen gerade zu dem Team in Miami, das sich im Übrigen auch gut mit der erfolgreichen Integration von nicht-amerikanischen Juristen in den Kanzleialltag auskennt, denn in Miami arbeiten viele Kollegen aus Lateinamerika, die keine US-Zulassung haben.“

Auch bei White & Case sind die Büros in New York und Miami die Top-Destinationen. „Wir konnten aber auch bereits Referendare nach Tokio, Singapur und Dubai vermitteln“, erzählt Szulczyk. In Europa sei London mit Abstand der gefragteste Ort. Grundsätzlich richte sich das Ziel jedoch nach den künftigen Kollegen: „Es geht nicht nur um die coole Stadt, sondern vor allem darum, schon frühzeitig eine enge persönliche Bindung zu den Kollegen und Partnern aufzubauen, mit denen die Referendare später dann im Anwaltsalltag viel zusammenarbeiten.“ Wobei die Kanzleien den Coolness-Faktor des Wahlstationsortes auch durchaus zum Eigenmarketing nutzen: „Wir erhalten immer wieder schöne Fotos und spannende Erfahrungsberichte, die wir natürlich auch gerne verwenden und mit künftigen Referendaren teilen“, beschreibt Verena Szulczyk.

So war es auch bei Nico Kuhlmann. Der künftige Associate bei Hogan Lovells in Hamburg ist auf IT-Recht spezialisiert. „Ich hatte schon eine Referendarstation bei Google in Deutschland, und es bot sich die Wahlstation in San Francisco an“, erzählt er. Noch während seines Aufenthalts dort postete er Fotos auf der Facebook-Seite von Hogan Lovells und warb so gleichzeitig dafür, welche Erfahrungen die Kanzlei für ihn ermöglichte. Dazu zählen die Teilnahme an einer Konferenz der Uni Stanford ebenso wie Fachveranstaltungen an der Law School in Berkeley und in San José. Kaum angekommen, war Hogan Lovells Gastgeber einer großen Veranstaltung. Kuhlmann konnte sich so gleich in der ersten Woche in Business-Smalltalk üben. „Die Direktheit der Fragen hat mich dann doch überrascht“, gibt Kuhlmann zu: „Was verdienen Sie?“ sei häufig die erste oder zweite Fragen gewesen. Und ein weiterer grundlegender Unterschied zum Arbeitsalltag in einer deutschen Kanzlei: „Ich hatte keinen Anzug im Gepäck.“

Rundum-Sorglos-Paket.

Wie die Kanzleien ihre Referendare unterstützen, unterscheidet sich jedoch gewaltig. Menold Bezler stellt vor allem den Erstkontakt her. „Viele wissen nicht, an wen sie sich wenden können. Das nehmen wir unseren Referendaren gerne über unser Netzwerk ab. Aber bewerben müssen sie sich dann selbstständig – so viel Eigeninitiative muss sein“, erwartet Julia Schneider. Auch beim Finden der Unterkunft ist der Referendar auf sich gestellt. „Wir haben neben vielen europäischen Ländern schon Referendare nach Kanada, in die USA, Mexiko, Brasilien und Australien vermittelt – weitergehende Unterstützung vor Ort können wir da nicht gewährleisten.“ Die Kollegen vor Ort könnten aber oft beim Finden einer geeigneten Unterkunft oder bei der Erledigung der Formalitäten weiterhelfen. Anwältin Schneider war während ihres eigenen Referendariats auch im Ausland und hat das Engagement für deutsche Referendare von der New Yorker Kanzlei Alston & Bird sehr geschätzt. „Fachlich gebracht hat es mir zwar im Hinblick auf die mündliche Prüfung des zweiten Staatsexamens nichts, aber die Erfahrung, mit amerikanischen Anwälten zusammenzuarbeiten und die Möglichkeit, Einblicke in eine andere Rechtsordnung zu erlangen, möchte ich auf keinen Fall missen. Beides schafft grundsätzliches Verständnis für die Herangehensweisen bei internationalen Fällen.“

Bei White & Case erhalten Referendare bisher ein monatliches Gehalt auch während der Wahlstation. Dieses wird individuell festgelegt und künftig je nach Destination angepasst. Für Flüge und Unterkunft müssen sie hingegen selbst aufkommen. Künftig soll es abhängig von der Region pauschale Zulagen geben. „Bei Fragen rund um Visa und Krankenversicherung unterstützen wir natürlich gerne, aber kümmern müssen sich die Referendare selbst“, sagt Szulczyk.

Für Armah von Greenberg hat eine Auslands-Wahlstation gleich mehrere Komponenten: „Hier wird auch die Fähigkeit zur Selbstorganisation gezeigt: Mehrere Monate im Ausland zu verbringen, belegt eine offene Geisteshaltung und zeugt von Flexibilität – alles Eigenschaften, die uns sehr wichtig sind.“ Die Kanzlei setzt bewusst auf intensiven Vorabkontakt und macht zum Beispiel Videokonferenzen mit dem künftigen Team.

„Das Team muss den Referendar auf dem Schirm haben, denn nur wer sich kennt, erhält interessante Aufgaben und wird in den Arbeitsalltag voll einbezogen“, weiß Armah. Die Referendare sollen so auch mitbekommen, wenn sich das Team zur Projektbesprechung zusammensetzt oder am Freitag Nachmittag auf der Terrasse für einen Drink trifft. Zudem fördere die Wahlstation den Kontakt der beteiligten Anwälte und sei ein spürbarer Integrationsfaktor zwischen den jeweiligen Büros.

Nicht auf die lange Bank schieben: Monika Volmer, Verein der Rechtsreferendare in Bayern, empfiehlt, sich möglichst früh um die Stage zu kümmern.

Sehr gut umsorgt fühlte sich hingegen Nico Kuhlmann. Hogan Lovells hat eine Mitarbeiterin, die sich um alles kümmert. Ob Krankenversicherung oder Visum – alles wurde für ihn geregelt. Die Kanzlei bezahlte seinen Flug, ließ ihn durch einen Fahrer am Flughafen abholen und zum eigens angemieteten Apartment bringen, übernahm die Kosten für die täglichen Fahrten zum Büro und auch sonstige Fahrtkosten. „Die Kollegen vor Ort haben sich auch mächtig ins Zeug gelegt, was Freizeitaktivitäten anging: eine Stadtführung, Segeltouren, ein Mountainbike-Ausflug – ich war von Tag eins an eng ins Team eingebunden, auch außerhalb der Arbeitszeiten.“

Englisch ist Pflicht.

Grundvoraussetzung für eine Auslandsstage sind sehr gute Sprachkenntnisse. „Verhandlungssichere Englischkenntnisse sind unerlässlich“, heißt es zum Beispiel von Skadden-Partner Hofmeister. Und kaum lassen sich diese Kenntnisse überzeugender belegen und verfeinern als bei einer Wahlstation im Ausland. „Die Tätigkeit bei Skadden ist immer geprägt von internationaler Zusammenarbeit, da bei nahezu allen Mandaten mit Kollegen aus Skadden-Büros im Ausland gemeinsam beraten wird. Daher ist für uns die interkulturelle Kompetenz unserer Associates wichtig. Die Partner der Kanzlei haben deshalb verinnerlicht, dass Auslandserfahrungen für künftige Associates wichtig sind.“ Die sprachliche und kulturelle Sensibilisierung ist auch für Armah einer der großen Pluspunkte einer Wahlstation im Ausland: „Englisch im Praxistest heißt auch zu lernen, wie man eine E-Mail an Mandanten oder Partner aus einem anderen Kulturkreis formuliert, damit dieser beispielsweise die Dringlichkeit erkennt und schnell reagiert, ohne sich angegriffen zu fühlen.“

Monika Volmer, Vorstandsmitglied des Vereins der Rechtsreferendare in Bayern, empfiehlt: „Wer an einer Wahlstation im Ausland interessiert ist, sollte sich schon in den ersten Monaten des Referendariats darum kümmern, denn die Stellen sind schnell weg. Die Nachfrage ist groß – viel größer als das Angebot.“ Auf der Webseite refv.de stellt der Verein Erfahrungsberichte für seine Mitglieder zur Verfügung. Auch Referendar Kuhlmann rät: „Möglichst frühzeitig in der Kanzlei den Wunsch kommunizieren – dann ist viel möglich.“

Lernzeit einplanen.

Da im Anschluss an die Wahlstation die mündliche Staatsexamensprüfung folgt, sollten Referendare auch Lernzeit einplanen. Doch auch diesbezüglich unterscheiden sich die Erwartungen und Angebote. Volmer weiß: „Großkanzleien wollen Vollzeit-Einsatz. Sie erwarten in der Regel, dass der Referendar Urlaub nimmt, um sich aufs mündliche Examen vorzubereiten.“ Dem widerspricht Greenberg-Partner Armah: „Damit die Erfahrung im Ausland möglichst viel bringt, erwartet Greenberg selbstverständlich eine Fünf-Tage-Woche – zumal die AG-Verpflichtung wegfällt. Aber wenn es abgesprochen ist, dann lässt es sich sicher einrichten, dass beispielsweise an zwei Wochentagen die Nachmittage zum Lernen reserviert werden.“ Wichtig sei daher vor allem, vorher die gegenseitige Erwartungshaltung zu klären, damit es keine Enttäuschung gibt.

Internationale Großkanzleien mit diversen Auslandsbüros oder nationale Kanzleien mit internationalem Netzwerk sind nicht der einzige Weg, der Referendare ins Ausland bringen kann. Der Deutsche Anwaltverein hält eine Liste mit ausländischen Kanzleien – größeren ebenso wie kleinen – bereit, die grundsätzlich die Möglichkeit einer Wahlstation anbieten. Wer sich auf diese Weise zur Wahlstation jenseits der deutschen Grenzen aufmacht, muss allerdings alles selbst organisieren und sich auch selbst um die Unterkunft kümmern. Dieser Weg ist – ebenso wie eine Stage in Botschaften, Auslandshandelskammern oder Rechtsabteilungen von Unternehmen – mit deutlich mehr Eigeninitiative verbunden.