Magazin-Artikel
12.10.2018 | Autor/in: Astrid Jatzkowski

Goldesel VW

Der Dieselskandal kostet VW Milliarden – ein Teil davon fließt an die Berater.

Ziemlich genau drei Jahre ist es her, dass Volkswagen von den US-Behörden geoutet wurde: Der Konzern hatte, so die US-Ermittler, jahrelang Abgaswerte von Dieselautos manipuliert. Jedenfalls in den Vereinigten Staaten hat VW das irgendwie auch zugegeben, als sich der Konzern mit den US-Ermittlern auf eine Zahlung von gut 15 Milliarden Dollar verständigte. In Kanada zahlte Audi zur Entschädigung von Kunden etwas unter zwei Milliarden Euro, die Braunschweiger Staatsanwaltschaft nahm dem Konzern noch einmal eine Milliarde Euro ab – mehr war nach deutschem Recht auch kaum zu bekommen. Bis Ende 2017 kostete der Skandal den Konzern fast 26 Milliarden Euro.

Erledigt ist die Sache damit allerdings noch lange nicht. Fast pünktlich zum dritten Geburtstag des Skandals begann Anfang September 2018 in Deutschland der erste Prozess von VW-Aktionären. Sie sehen sich dadurch geschädigt, dass das Unternehmen zu spät über die Manipulationen informiert hat, VW sieht das anders. Gestritten wird wieder einmal um Milliarden. Weitere Anleger stehen in den Startlöchern und Tausende Autokäufer in aller Welt hätten auch gerne noch den ein oder anderen Euro.

Von Anfang an steht Freshfields Bruckhaus Deringer an der Seite von VW, die für dieses Mandat längst Millionen kassiert und Heerscharen von Anwälten eingesetzt hat. Für die Kanzlei ist VW so etwas wie der Sechser mit Zusatzzahl. Und auch eine Vielzahl anderer Kanzleien verdient an VWs Problemen ordentlich mit. Die Zahl der beteiligten Kanzleien ist um ein Vielfaches höher als vor zehn Jahren beim Korruptionsskandal bei Siemens. Doch was macht gerade diesen Skandal zu so einem Eldorado für Anwälte?

Anders als bei vielen anderen Wirtschaftsskandalen kommen bei VW eine Reihe von Faktoren zusammen, die aus den Abgasen ein Rechtsproblem globaler Dimension machen: Die Autos wurden in alle Welt verkauft. Außerdem betreibt VW ein Endkundengeschäft, sieht sich also überall auf der Welt mit Zigtausenden verärgerten Kunden konfrontiert, die ihr Heil beim Konzern selbst oder aber bei den nicht minder verärgerten Hunderten Vertragshändlern suchen.

Ein gefundenes Fressen

Hinzu kommt eine Konzernstruktur und -kultur, die die Sache zusätzlich kompliziert macht. Betroffen sind diverse Marken – neben VW unter anderem Audi und Porsche – und die fast schon symbiotische Verbindung der einzelnen Konzerngesellschaften macht die Angelegenheit unübersichtlich. Bei all dem mischt die Politik mit, weil das Land Niedersachsen Minderheitseigner von VW und entsprechend im Aufsichtsrat vertreten ist, und im Hintergrund steht eine Familie, der die Mehrheit gehört.

Und natürlich sind da eine Vielzahl von Behörden, die gerne Antworten hätten. Da wäre zunächst das Kraftfahrtbundesamt, das die ,Reparaturarbeiten‘ an den Dieselautos jeweils genehmigen muss. Da wären aber auch noch immer die Staatsanwälte in Braunschweig, Stuttgart und München. Während Braunschweig ihr Verfahren gegen den Konzern selbst abgeschlossen hat, aber gegen eine Fülle von Mitarbeitern und Managern weiter ermittelt, legen die Münchner in ihrem Verfahren rund um Audi gerade erst los: Erst vor wenigen Wochen hat ihnen das Bundesverfassungsgericht erlaubt, interne Unterlagen, die die Ermittler bei US-Kanzlei Jones Day beschlagnahmt hatten, auch auszuwerten. Und irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass jeder jedem misstraut. Der ideale Nährboden für juristischen Disput und ein gefundenes Fressen für Anwälte. Von vorn: Zunächst verlangten die US-Behörden Aufklärung von VW und installierten Jones Day, die sich flankiert von der WP-Gesellschaft Deloitte an die Arbeit machte. Zwar werden die Anwälte im Auftrag der US-Aufsichtsbehörden tätig, die Rechnung allerdings zahlte und zahlt VW.

Endlose Beraterliste

Der Konzern selbst wiederum holte sich dann Freshfields für die Koordination im Rest der Welt an seine Seite, die mit einem Heer an Projektanwälten untersuchten, befragten und prüften, was Jones Day prüfte. Um aber mit den US-Behörden auf Augenhöhe zu verhandeln, reichte Freshfields nicht. Da musste eine Kanzlei mit einem deutlich besseren Standing her, nämlich Sullivan & Cromwell und für das Strafrecht Steptoe & Johnson. Kirkland & Ellis hatte schon zuvor regulatorische Fragen beantwortet.

In Deutschland liegt die strafrechtliche Beratung bei der hoch angesehenen Berliner Kanzlei Krause & Kollegen. Andere Strafrechtler, unter anderem von White & Case, übernahmen die Aufgabe, den Mitarbeitern, die von Jones Day befragt wurden, zur Seite zu stehen. Audi holte mit Leitner & Kollegen einen Strafrechtler ins Boot, der bei der Münchner Staatsanwaltschaft wohl bekannt ist.

Hinzu kamen für VW – entweder für den Vorstand oder für den Aufsichtsrat, der wiederum prüfen muss, ob er Vorstände haftbar machen kann – noch CMS Hasche Sigle, Gleiss Lutz, Linklaters und Arqis und eine Reihe von Arbeitsrechtskanzleien, die mit den Mitarbeitern und Managern stritten, die im Zuge der Affäre über die Klinge gesprungen waren. SZA Schilling Zutt & Anschütz und die niedersächsische Kanzlei Göhmann kümmern sich derweil um die aktienrechtlichen Streitigkeiten. Last but not least war auch die langjährige VW-Beraterin Clifford Chance mit dabei, wenn auch nur bei der Kreditbeschaffung. Konzernmutter Porsche wiederum setzt auf Hengeler Mueller. Die Liste der externen Berater ist lang, aber mitnichten abschließend.

Das meiste Geld dürfte bislang an Jones Day und Freshfields geflossen sein. Der Grund liegt einerseits in den hohen US-üblichen Stundensätzen, unter denen Jones Day den Job kaum übernommen haben dürfte, und andererseits in der astronomischen Stundenzahl, die üblicherweise bei derartigen internen Untersuchungen anfällt. Freshfields etwa stellte zahlreiche sogenannte Projektjuristen ein – befristete Arbeitskräfte, die sich durch VW-Unterlagen und E-Mails wühlten. Die fest angestellten Associates maulten dennoch vereinzelt, weil sie das Gefühl hatten, über Jahre über ein und demselben Mandat zu sitzen. Ihre Lehrzeit hatten sie sich anders vorgestellt und sahen ihre Karrierechancen schwinden. Zwar wird die Dokumentenauswertung längst durch Tools unterstützt, die anhand von Suchparametern vorsortieren, was relevant und was irrelevant ist, doch übrig bleibt noch immer genug.

Es gibt noch viel zu tun

Gerade das macht interne Untersuchungen für die beteiligten Kanzleien so lukrativ, können sie doch eine Vielzahl junger Anwälte über einen langen Zeitraum auslasten. Und Freshfields wird noch lange davon zehren: Zwar sind die internen Untersuchungen inzwischen weitgehend abgeschlossen – die meisten Projektanwälte sind weitergezogen – doch beginnen jetzt die Gerichtsverfahren. Dafür mutierte die Kanzlei sogar zum Mandatsgeber, denn ihre Stundensätze kann sie bei der Fülle gleichgelagerter Kundenklagen nicht verlangen.

Sie übernimmt zwar die Koordination für VW, untermandatierte aber zahlreiche Kanzleien, die die Prozesse führen werden. Darunter sind personalstarke wie Luther, Taylor Wessing oder Heuking Kühn Lüer Wojtek ebenso wie eher regionale Einheiten wie Esche Schümann Commichau aus Hamburg oder Menold Bezler aus Stuttgart. VW wird noch über Jahre Rechnungen von Anwaltskanzleien zahlen.

In dieser Rubrik erläutern Autoren der JUVE-Redaktion aktuelle Themen aus dem Anwaltsmarkt.
Astrid Jatzkowski ist Co-Leiterin JUVE Handbuch Wirtschaftskanzleien.