Magazin-Artikel
12.10.2018 | Autor/in: Eva Flick

Globales (Düssel-)Dorf

Düsseldorf gilt als Schreibtisch des Ruhrgebiets. Im Zentrum: das Dreischeibenhaus. Das Prestigeobjekt bietet gleich fünf Kanzleien einen sehr repräsentativen Standort. Bis zur Konkurrenz auf der Kö ist es nur ein Katzensprung. Sie alle erobern von hier aus Nordrhein-Westfalen – und gerne auch den Rest der Welt.

Die feuerrote und mehrere Meter hohe Tony-Cragg-Skulptur im lichtdurchfluteten Foyer des Dreischeibenhauses beachtet kein Mensch. Es ist Mittagszeit, über den schwarz glänzenden Marmorboden hetzen Büromenschen mit hungrigen Mägen Richtung Ausgang. Wer sich mit Geschäftspartnern oder Mandanten zum Essen trifft, biegt hinter dem Fahrstuhl ab. Ebenerdig geht es hinter den Aufzügen ins ‚Phoenix‘, einem gehobenen Restaurant, das genauso Geschichte atmet wie das denkmalgeschützte Foyer. Anders als in Frankfurt gibt es in Düsseldorf nur wenige Hochhäuser. Das Dreischeibenhaus nimmt unter ihnen eine Sonderposition ein: Der ehemalige Hauptsitz von Thyssenkrupp gilt – genau wie Düsseldorf als solches – seit dem Zweiten Weltkrieg als Schreibtisch des Ruhrgebiets. Einen Schreibtisch, den auch mehrere Kanzleien gerne für sich nutzen.

Seit der großen Sanierung des Gebäudes 2015 haben sich im Dreischeibenhaus Gleiss Lutz, Latham & Watkins, Allen & Overy, Clyde & Co und seit Jahresbeginn auch Flick Gocke Schaumburg eingemietet. Und sie alle wissen die Qualitäten des Kanzleimarktes in Düsseldorf zu schätzen, der bekannt ist für Patentrechtsprozesse, für Beratung im Kartellrecht und – für viele Kanzleien dort besonders interessant – für Höchstleistungen im Gesellschaftsrecht.

„Die Corporate-Szene ist hier fest verwurzelt“, erklärt der 57-jährige Corporate- und Kapitalmarktexperte Dr. Hans Diekmann. Er ist Partner bei Allen & Overy, die zum sogenannten Magic Circle, also zum Kreis der umsatzstärksten britischen Kanzleien, gehört, zu denen auch Clifford Chance, Freshfields Bruckhaus Deringer und Linklaters zählen. Jede von ihnen unterhält ein Büro in Nordrhein-Westfalens Hauptstadt.

Fest verwurzelt in der Corporate-Szene: Hans Diekmann von Allen & Overy schätzt die vielen Gesellschaftsrechtler in Düsseldorf.

Diekmann begann seine Karriere bei der Deutschen Bank, kam 1999 zur US-Kanzlei Shearman & Sterling in Frankfurt und wechselte schließlich ins Düsseldorfer Büro. Seitdem hat sich die Kanzleiwelt am Rhein massiv gewandelt. „Erst vergrößerten sich die deutschen Einheiten“, erzählt er, „dann kamen die Fusionen, anschließend eröffneten hauptsächlich internationale Kanzleien.“ Allen & Overy agiert von der 16. Etage des Dreischeibenhauses genauso international wie von ihren anderen deutschen Standorten aus. Aber warum spielen Standorte in Zeiten der Globalisierung und standortübergreifenden Zusammenarbeit überhaupt noch eine Rolle?

Köln den Rang abgelaufen

Dass Frankfurt mit seiner Vielzahl an Finanzinstituten die Heimat der bank- und finanzrechtlichen Beratung ist, liegt auf der Hand, ebenso die Rolle von Berlin mit dem Fokus auf öffentlich-rechtlicher Beratung, bedingt durch die Nähe zur Politik. Die meisten Dax-Konzerne unterhalten ihren Hauptstandort in Süddeutschland, vor allem in und um München, was schon seit Jahren den dortigen Rechtsmarkt beflügelt. Gewonnen hat Düsseldorf sicherlich gegenüber der Dauerrivalin Köln, nur knapp 40 Kilometer südlich gelegen. Die Kanzleimärkte der beiden rheinischen Städte lagen jahrelang mindestens gleichauf, Köln verlor aber mit dem Weggang von Linklaters 2007 und letztlich mit der Schließung des Kölner Büros von Freshfields 2016 massiv an Relevanz. Insofern hat sich für Kanzleien nicht bewahrheitet, was die Zeitschrift ‚Capital‘ im Jahre 1954 vorhersagte: „Obwohl die Entwicklung im Dienstleistungsbereich weiterhin günstig verläuft, wird in Zukunft Stadt und Region Düsseldorf hinter den Kölner Raum mit seinen größeren Entwicklungsmöglichkeiten zurückfallen“, hieß es damals. Das Gegenteil ist passiert.

Dr. Harald Selzner (54) ist Partner bei Latham & Watkins, im Dreischeibenhaus in der elften Etage. Er sieht den Hauptgrund für die gute Position Düsseldorfs in der „Dichte der Anwaltspersönlichkeiten“, wie er es nennt. „Dazu gehören bekannte Namen wie Michael Hoffmann-Becking, Georg Thoma und Maximilian Schiessl. Alles Düsseldorfer und Lehrmeister“, sagt er. Prof. Michael Hoffmann-Becking hat sich zwar mittlerweile zur Ruhe gesetzt, galt aber jahrelang als eines der prägenden Gesichter der Vorzeigekanzlei Hengeler Mueller, Dr. Maximilian Schiessl – ebenfalls bei Hengeler Mueller – ist ebenso bekannt, Georg Thoma verkörpert Shearman & Sterling in Deutschland wie kein anderer.

Erkennt Entscheidungsmuster: Nach Meinung von Harald Selzner, Latham & Watkins, sollten Bewerber darauf achten, welche Chancen eine Stadt bietet.

Ebenfalls in diese Kategorie gehört Dr. Ralph Wollburg: Er war bei Freshfields einer der prominentesten Partner mit allerbesten Kontakten in die Industrie und sorgte 2007 mit seinem Wechsel zur direkten Konkurrentin Linklaters für eine Art Erdbeben. Mit ihm und M&A-Partner Achim Kirchfeld eröffnete Linklaters in Düsseldorf und gab den Standort Köln vollends auf – ein Schritt, der dafür sorgte, dass sich die NRW-Hauptstadt noch stärker zum Hotspot neben Frankfurt und München entwickelte. Das hat sich auch bis Asien herumgesprochen. Düsseldorf beheimatet mit 6.500 Japanern eine der größten japanischen Gemeinschaften außerhalb Japans und ist somit oft der Dreh- und Angelpunkt für asiatische Firmen, die in Europa Fuß fassen wollen.

Und so bietet sich reichlich geschäftliches Potenzial für Juristen, die Liste an Kanzleien ist hier lang. Dazu gehören außer den bereits genannten beispielsweise internationale Einheiten wie Hogan Lovells, Baker & McKenzie, Taylor Wessing, Bird & Bird, Orrick Herrington & Sutcliffe, Simmons & Simmons, Jones Day und White & Case, genauso wie Kanzleien mit deutschen Wurzeln wie Heuking Kühn Lüer Wojtek, Noerr und Beiten Burkhardt – und das ist nur ein Ausschnitt. Hinzu kommt eine Reihe von Boutiquen, also kleineren Einheiten, die sich auf einzelne Rechtsgebiete fokussieren.

Eine Full-Service-Kanzlei mit deutschen – genauer gesagt südwestdeutschen – Wurzeln ist Gleiss Lutz, die in diesem Jahr ihr zehnjähriges Bestehen in Düsseldorf feiert und 2015 zu den ersten Mietern im Dreischeibenhaus zählte. Sie sicherte sich direkt die Etagen 17, 18 und 19 im Prestige-Objekt. Zum vierköpfigen Startteam gehörte der Transaktionsspezialist Dr. Alexander Schwarz. Die gesellschaftsrechtliche Beratung war auch für Gleiss Lutz einer der Gründe für die Eröffnung am Rhein und aus heutiger Sicht genau die richtige Entscheidung. „Die Nachwuchsgewinnung ist ein Riesenthema“, sagt Schwarz. Damit spricht der 50-Jährige einen Punkt an, der auch seinen Dreischeibenhaus-Nachbarn Diekmann und Selzner auf der Seele brennt: Jede Kanzlei weiß, dass sie künftig nur dann im Markt bestehen kann, wenn sie es heute schafft, vielversprechenden Nachwuchs für sich zu gewinnen. Das klingt einfacher, als es ist.

Kampf mit harten Bandagen.

Denn eines sagen alle, unisono: Der Wettbewerb in Düsseldorf ist hart. Es gibt viele Bewerber, aber ebenso viele Kanzleien, die sich gegenseitig überbieten. „Uns ist früher der Top-Nachwuchs aus der Region teilweise durch die Lappen gegangen, weil wir kein Büro im Rheinland hatten“, sagt Gleiss Lutz-Partner Schwarz. Das habe sich geändert, die Düsseldorfer profitieren von den zahlreichen Universitäten, die zum Einzugsgebiet gehören. Neben Düsseldorf gehören dazu die Hochschulen in Bonn, Köln, Münster und Bochum. Aber auch Osnabrück und Bielefeld gehören zum Einzugsgebiet.

Jubiläum: Alexander Schwarz eröffnete vor zehn Jahren für Gleiss Lutz den Standort Düsseldorf.

Studenten aus diesen Städten haben es nicht weit bis hierher. Und Düsseldorf ist aus Bewerbersicht ein interessanter Standort, der durch die dynamische Entwicklung der vergangenen Jahre an Attraktivität deutlich gewonnen hat. Dabei richten sich die Berufspläne vieler junger Juristen, nach Meinung Selzners, aber häufig nach persönlichen Vorlieben. Und das regt ihn auf. „Gewisse Entscheidungsmuster sind unverkennbar“, meint er. „Hamburg und München sind bei Bewerbern immer beliebt, Frankfurt steht bei einem enormen Bedarf an Talenten eher hinten an. Berlin ist im Hinblick auf Industriemandate problematisch, aber bei Bewerbern ebenfalls angesagt.“ Am Rhein jedenfalls habe man keinerlei Probleme, ambitionierten Nachwuchs zu gewinnen.

Und das ist auch wichtig, denn die vielen Konzerne in der Umgebung wie Metro, Henkel, RWE, Bayer und Thyssenkrupp sorgen kontinuierlich für Arbeit. Das gilt immer noch, obwohl die Dominanz in der Corporate-Beratung immer stärker durch den Boom in München ins Wanken gerät: Denn zum Geschäft der Corporate-Praxen zählt auch die Beratung der Private-Equity-Mandanten. Und gerade die fand zuletzt immer stärker in München statt. Doch der Düsseldorfer Markt bleibt eine Macht, hochkarätige Deals finden dort weiterhin statt. Bestes Beispiel war zuletzt der Verkauf der RWE-Tochter Innogy. Ihn steuern bundesweit vertretene Kanzleien wie Freshfields, Hengeler Mueller und Linklaters – alle aus dem Düsseldorfer Büro.

Aber es ist keinesfalls so, dass Hochreck-Mandate immer und automatisch bei den großen Einheiten landen. Die Aufspaltung von Daimler, ein Mandat, nachdem sich eine Reihe von Kanzleien die Finger geleckt hatte, steuert ebenfalls eine Düsseldorfer Kanzlei: Glade Michel Wirtz. Die 2007 gegründete Boutique konzentriert sich neben der Corporate-Beratung auf das Kartellrecht. Und mit Letzterem auf einen Bereich, der ebenfalls in der NRW-Hauptstadt fest verankert ist. „Für Kartellrecht ist Düsseldorf die Nummer Eins. Auch nach Brüssel zieht es einige, wenngleich die Leute oft dorthin beordert werden“, berichtet Dr. Christian Karbaum (38), Partner und Kartellrechtler bei Glade, die ihr Büro unweit der Kö unterhält. „Hier haben alle Kanzleien ihre Kartellrechtspraxen, Unternehmen ihre Kartellrechtsabteilung, und das Bundeskartellamt ist nicht weit entfernt.“

Mit Kusshand genommen

Glade hat sich mit ihren Spezialgebieten längst im Markt etabliert. Allerdings muss sie sich auf dem hart umkämpften Nachwuchsmarkt gegen die großen Einheiten behaupten – zumal sie als Hardliner hinsichtlich der Noten gilt. „In beiden Examen mindestens ein Vollbefriedigend muss sein“, betont Karbaum, der in Osnabrück studiert hat. „Davon rücken wir nicht ab.“ Und wer das vorweisen kann, wird üblicherweise auch von den Großkanzleien mit Kusshand genommen. Glade hat deswegen in den vergangenen Jahren massiv in die Ausbildung des Nachwuchses investiert und zurzeit so viele Referendare wie noch nie.

Dass Boutiquen wie Glade zu einer ernst zu nehmenden Konkurrenz geworden sind, bestätigt auch Dr. Ulrich Reese. Der 54-Jährige leitet den Standort Düsseldorf von Clifford Chance – unweit von Glade mitten auf der Kö präsent und nur wenige Häuser von Linklaters entfernt. Clifford musste im vergangenen Jahr selbst erfahren, wie es ist, wenn sich eine kleine Einheit abspaltet. Mit Novacos machten sich drei Associates aus der Lifesciences-Praxis selbstständig (Dr. trifft Dr., Seite 132). „Natürlich sind Boutiquen in gewisser Weise Wettbewerber“, gibt Reese zu. Der Nachwuchsgewinnung aber steht der Wettbewerb nicht im Weg, denn Clifford Chance kann in Düsseldorf regelmäßig Recruitment-Erfolge vorweisen.

Und dann sind da auch noch – und keiner der hier Genannten vergisst das zu erwähnen – die Vorzüge, die Düsseldorf ansonsten bietet: Der Rhein mit seiner Promenade, die insgesamt gut funktionierende Infrastruktur mit einem Flughafen, der mit seinen vergleichsweise kurzen Wegen im Vergleich zu Frankfurt „reichlich Lebenszeit spart“, wie Diekmann es ausdrückt. Die Rheinländer, die „etwas schaffen, aber gleichzeitig entspannt bleiben“, wie sein A&O-Kollege Dr. Jan Schröder ergänzt. Und natürlich der Karneval. Ein Düsseldorfer Anwalt gesteht dann aber doch ein, dass „Karneval in Köln natürlich besser ist“. Deswegen feiert er die fünfte Jahreszeit grundsätzlich in der Nachbarstadt. azur hat versprochen, seinen Namen nicht zu verraten.