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12.10.2018 | Autor/in: Ludger Steckelbach

Fischen für Fortgeschrittene

Der LL.M. gehört in vielen Kanzleien mittlerweile zum guten Ton. Doch was bringt das zusätzliche Studium neben Sprachkenntnissen im beruflichen Alltag?

azur hat nachgefragt.

Heute ist das Meer ganz weit weg. Die Luft steht an diesem Augusttag über dem vertrockneten Rasen des Frankfurter Rothschild-Parks. Die Fenster der ringsum gelegenen Büros der internationalen Großkanzleien gleißen in der Nachmittagssonne. Während sich an der Taunusanlage Teenager am Springbrunnen die Füße kühlen, klackern auf der anderen Straßenseite die Absätze der Krawattenträger auf dem Asphalt. In seinem Büro bei Freshfields Bruckhaus Deringer entspricht Dr. Michael Josenhans allerdings nicht dem Klischee des Anwalts einer konservativen britischen Top-Kanzlei. Mit Leinenhose und legerem Hemd tut er was für sein Wohlbefinden und damit seine Arbeitskraft. „Bei uns gibt es ein offizielles Hitze-Dress-down“, erklärt der 43-Jährige, der zu den Partnern der Bank- und Finanzrechtspraxis zählt.

Ähnlich heiß war es in Aix-en-Provence und in New York, wo er seinen Maître en droit und seinen LL.M. gemacht hat. Trotzdem denkt er gerne an diese Zeiten zurück. Die sommerlichen Temperaturen waren allerdings nicht der Grund für die berufliche Weiterbildung. Auslöser für sein LL.M.-Studium an der New Yorker Columbia University war vielmehr die Empfehlung eines Professors, der ihn unter anderem auf das Netzwerk hinwies, das sich aus einem solchen Auslandsstudium ergeben kann (Ein Freund, ein guter Freund). Josenhans erinnert sich: „Als ich Student war, hat ein Professor in Tübingen in einem Vortrag gerade den Netzwerkgedanken eines LL.M.-Studiums im Ausland hochgehalten. Er wollte damals allerdings vor allem auf die Möglichkeit hinweisen, für seine Kanzlei Verbindungen in den USA und in anderen wichtigen Wirtschaftsräumen

Die richtige Entscheidung: Der Aufbau eines Netzwerkes war für Freshfields-Partner Michael Josenhans eine wichtige Motivation für sein LL.M.-Studium an der Columbia University in New York.

zu etablieren.“ Das war vor rund 20 Jahren, also zu einer Zeit, in der viele deutsche Kanzleien gerade anfingen, ihre internationalen Ambitionen umzusetzen. Darauf wartet eine international professionell verdrahtete Großkanzlei wie Freshfields natürlich nicht mehr. Solche Erfahrungen machen heute allenfalls Anwälte, die in mittelgroßen und kleinen Kanzleien den Ausbau des internationalen Geschäfts mit voranbringen wollen.

Wie etwa Dr. Dietmar Penzlin (47), Namenspartner der Hamburger Insolvenzkanzlei Schmidt-Jortzig Petersen Penzlin, der damit eigentlich gar nicht gerechnet hatte: „Ich war damals zunächst interessiert an einer guten Ausbildung und habe mir auch einige Zeit dafür genommen. Begeisterung ist eine wichtige Komponente für Erfolg.

Die Zeit in London war eine tolle Erfahrung.“ An seinem LL.M., den er an der London University absolvierte, gefiel ihm besonders, dass er aus vielen Fächern auswählen konnte. Auch heute bietet die Uni verschieden ausgerichtete Programme an, bei denen eine bestimmte Fachrichtung vertieft wird, etwa See- oder Wettbewerbsrecht. Penzlin zählt heute zu den bekanntesten Insolvenzverwaltern in Deutschland. Vom Dachgeschoss des Bürohauses aus sieht man die Binnenalster und ahnt die Verbindung über Fleete und Elbe zum Meer und zur großen weiten Welt. Vor elf Jahren gründete er mit seinen Partnern die Kanzlei.

Langer Atem lohnt sich.

Doch als Insolvenzverwalter mit geographisch überschaubaren Fällen an norddeutschen Amtsgerichten konnte er sein Englisch, sein Finanz-, Handels- und Seerecht sowie seine internationalen Kontakte aus dem LL.M.-Studium in London zunächst wenig nutzen. Dennoch hat er sich auch in dieser Zeit aktiv um seine Kontakte gekümmert. Und das zahlte sich irgendwann aus: Spätestens seit dem Fall Prokon im Jahr 2014 nämlich führt Penzlin auch wieder englische Dienstgespräche. Die Insolvenz des Ökoenergieanbieters Prokon, der bei 75.000 Anlegern rund 1,4 Milliarden Euro über Genussscheine eingesammelt hatte, war eine der spektakulärsten in Deutschland. Zahlreiche maritime Insolvenzen und größere Verfahren mit Auslandsbezug führen dazu, dass Penzlin heute Kontakte und Kenntnisse aus der LL.M.-Zeit sogar regelmäßig nutzt. Bei der Insolvenz der Denmar Chartering gibt es Prozesse mit diversen ausländischen Geschäftspartnern, bei einer anderen Restrukturierung sieht er sich einem französischen Käuferkonsortium gegenüber.

Bildungsfan mit Ausdauer: Dietmar Penzlin hat sein LL.M.-Netzwerk lange gepflegt, bevor sich die Mühe auszahlte.

Obwohl Freshfields-Partner Josenhans und Penzlin ihre Auslandserfahrung in völlig unterschiedliche Kanzleien eingebracht haben, kann man doch allgemeingültige Rückschlüsse ziehen: Zwar lässt sich der individuelle Berufsweg nicht detailliert planen. Investitionen in eine gute Ausbildung und in die Entwicklung eigener Fertigkeiten lohnen sich aber trotzdem. Josenhans nutzt sein Netzwerk anders als es seiner ursprünglichen Motivation, dem Aufbau eines internationalen Netzwerks für eine Kanzlei, entsprach. Penzlin zeigte viel Ausdauer bei der Pflege seiner Kontakte, ohne dass er eine direkte Belohnung dafür vor Augen hatte.

Alles Zufall? Eher nicht.

Das deckt sich mit den Erkenntnissen des Erfolgsforschers Malcolm Gladwell. Der arbeitete vor zehn Jahren in seinem Buch ‚Outliers: The Story of Success‘ Gemeinsamkeiten erfolgreicher Leistungsträger heraus. Er fand heraus, dass vier Faktoren für herausragende Leistungen bestimmend sind: Talent, Kultur, Zufall und Fleiß. Der unbeeinflussbare Faktor Zufall bewirkte, dass Josenhans in eine jüngere Zeit geboren wurde als sein Professor. Was wiederum zur Folge hatte, dass er in eine deutlich internationaler ausgerichtete Kanzleilandschaft eintrat. Zufall war auch, dass Penzlin nach Jahren in anderen Gefilden wieder die Möglichkeit bekam, seine lange gepflegten Kontakte aus den Londoner Zeiten ins Spiel zu bringen.

Kein Zufall war dagegen, dass beide gelernt haben, Kontakte zu knüpfen und sie mit der nötigen Ausdauer zu pflegen. Sie haben, wenn man im Bild der Erfolgsfaktoren bleibt, aus eigener Kraft ihre kulturelle Basis verbessert. Dass sie damit Erfolg haben, ist eine Ermutigung für diejenigen, die aus dem Netzwerk bisher wenig Honig saugen konnten.

Bei der 30-jährigen Loschelder-Associate Kathrin Schiller etwa hat zwar der Titel seinen Wert in der Vita, denn die meisten Anwälte der Kanzlei haben sich mit Promotion oder Master weiterqualifiziert. Ihr Netzwerk aus dem Studiengang dagegen kam seltener zum Tragen – bisher. Kein Wunder, schließlich ist sie erst seit einem Jahr als Anwältin tätig. Die Immobilienrechtlerin absolvierte einen Doppelstudiengang mit deutschen und französischen Kommilitonen in Köln und Paris. Daher hat sie sowohl einen Maître en droit als auch einen LL.M. und kennt sich neben dem deutschen auch im französischen Recht aus.

Nicht jeder wird dort angenommen, Abiturnote und Sprachkenntnisse müssen stimmen. „Für mich war besonders interessant, eine andere Unistruktur und das Leben in einem anderen Umfeld kennenzulernen”, sagt Schiller. Die jährlich etwa 50 Teilnehmer des Programms, die zu gleichen Teilen aus Deutschland und Frankreich kommen, hätten sich außerhalb des Hörsaals allerdings nur teilweise durchmischt. Das lag vor allem daran, dass viele Studenten hauptsächlich den Austausch mit ihren muttersprachlichen Kommilitonen suchten. Im Vergleich zu Schillers binationalem Studiengang erlebten Josenhans und Penzlin New York und London als Schmelztiegel. Bei Josenhans stammten die rund 200 Studenten aus etwa 50 Nationen, und auch Penzlin tummelte sich nicht zuletzt wegen Kommilitonen aus allen Teilen des Commonwealth in einer komplett internationalen Gemeinschaft. Doch die Möglichkeiten der Kontaktpflege erschöpfen sich nicht mit der Abschlussprüfung: Um die inzwischen knapp 800 Absolventen aus Schillers deutsch-französischem Magisterstudiengang kümmern sich auch zwei Alumnivereine.

Der Faktor Glück.

Auch die IP-Rechtlerin Britta Lissner (36) konnte in ihrem Rechtsgebiet bisher ein paar Kontakte aus ihrer LL.M.-Zeit in Stockholm verfestigen. Mit einigen ehemaligen Kommiltonen pflegt sie weiterhin regelmäßigen Austausch und nutzte diesen auch bereits. Das sieht die Associate der Kölner Kanzlei CBH Rechtsanwälte allerdings nicht als entscheidend an: „Ein Netzwerk ist keine statische Sache, die einmal aufgebaut wird. Ich hatte in allen Stationen Glück, dass ich gute Kontakte, sogar Freunde gefunden habe.“ Da ist er wieder – der Faktor Glück. In ihren Auslandsstationen – neben Schweden war sie auch in Spanien und Argentinien – hat Lissner aber auch die Fertigkeit entwickelt, auf Neues zuzugehen, sich auf Veränderungen einzulassen, den Wert von Netzwerken zu erkennen. Schon während ihres Studiums war sie an der Universidad Autónoma de Madrid und danach im Referendariat für eine Station in Buenos Aires.

Doppelt hält besser: In Köln und Paris erwarb Kathrin Schiller von Loschelder im Doppelstudiengang internationale Kenntnisse im Immobilienrecht.

Sie interessierte sich nach ihrem zweiten Staatsexamen für IP-Recht. Einer der Punkte, die ihr bei der Wahl ihres LL.M.-Studienganges wichtig erschienen, war deshalb das englischsprachige Stockholmer Programm im European Intellectual Property Law. Sie hat so für die Vertiefung ihres Rechtsgebiets auch inhaltlich einiges mitnehmen können. Ein institutionalisiertes Netzwerk gab es an der Stockholmer Uni nicht. Mittlerweile findet die Hochschule dies offenbar wichtiger: Sie errichtete in diesem Jahr eine Alumni-Netzwerkgruppe. Hier sollen Kontakte zu ehemaligen Studenten wieder hergestellt und sorgfältiger gepflegt werden. Mit ehemaligen Mitstreitern hat auch Freshfields-Anwalt Josenhans gute Erfahrungen gemacht. Als er bei Freshfields anfing, verfügte die Kanzlei bereits über ein sehr gut ausgebautes Auslandsnetzwerk. „Doch der Netzwerkgedanke ist beim LL.M. ein wichtiger Aspekt, der häufig unterschätzt wird“, meint er. Nach mehreren Berufsjahren in den USA, Frankreich und London arbeitet er heute an Transaktionen, die fast alle Auslandsberührung haben. Dabei trifft er immer wieder auf Alumni. Die gemeinsamen Erfahrungen erleichtern den Einstieg, denn er kann bei seinem Gegenüber eher auf eine ähnliche Einstellung hoffen.

Bei der Kontaktpflege helfen natürlich die modernen Kommunikationsmittel sehr. Diese Erfahrung macht er immer wieder. Josenhans findet zudem Alumni-Organisationen wichtig – ein Punkt, den man als Student üblicherweise zunächst nicht so sehr im Auge hat. Bei der Auswahl der LL.M.-Uni achteten viele erst einmal darauf, wie gut der Studiengang im Ranking stehe, wie attraktiv die Stadt sei oder was das Programm insgesamt koste.

Internationalität, die sich bezahlt macht: Britta Lissner vertiefte in Stockholm ihre IP-Kenntnisse.

Inwiefern sich die Uni hinterher um die Absolventen kümmert, wird seltener beachtet. Bei „seiner“ Universität, der Columbia, lobt er die professionelle Arbeit dieser institutionalisierten Netzwerkpflege. Dazu zählen unter anderem eine gute Website, Clubs, eine Alumnizeitung und die Organisation von Treffen.

Zugehen auf Unbekanntes.

Unterschiede in den Studiengängen, Studienländern, Rechtsgebieten, Kanzleien, Karrierestufen – welche gemeinsamen Aspekte bietet nun dieses Kaleidoskop zum LL.M.-Netzwerk? Gemeinsam ist den unterschiedlichen Wegen, dass junge Juristen dabei ihre Fähigkeit, Kontakte zu knüpfen, verbessern. Der erfolgreiche Schritt in eine neue Umgebung erhöht die Selbstsicherheit im Zugehen auf Unbekannte und das Geschick, in neuen Situationen ein Netzwerk zu knüpfen. Gemeinsam ist den LL.M.-Universitäten auch, dass sie Möglichkeiten schaffen, langfristige Kontakte aufzubauen. In der institutionellen Unterstützung dabei bieten sie aber unterschiedliche Qualitäten: Wesentlich sind die Internationalität der Kontakte, die Größe des Studienganges und die Pflege des Alumninetzwerkes.

Doch gerade das Alumni-Netzwerk ist kein Selbstläufer: Wer denkt, dass hier die ohnehin schon Privilegierten viel Geld bezahlen, um unter sich zu bleiben, denkt zu kurz und kommt beruflich letztlich nicht weit. Zwar ist das Studium, gerade in den USA, tatsächlich für viele Familien ein finanzieller Kraftakt. Aber ob davon etwas zurückfließt, ob die beruflich bereits erfolgreichen Alumni einen jungen deutschen Juristen als gleichberechtigten neuen Netzwerkpartner auf Augenhöhe akzeptieren, hängt vom persönlichen Einsatz und der eigenen Pflege dieser Netzwerkmöglichkeiten ab.

Es war kein Zufall, dass beide gelernt haben, Kontakte zu knüpfen und mit der nötigen Ausdauer zu pflegen.