Magazin-Artikel
12.10.2018 | Autor/in: Markus Lembeck

Einfach mal raus

In allen Rechtsgebieten vernetzen sich Juristen. Es geht um Geselligkeit, um Wissensvermittlung und ganz schnöde um Mandate. Doch die meisten Netzwerke haben auch höhere Ziele. Und die erfolgreichen Netzwerker einen langen Atem.

Gleich ist Spanien am Telefon, und Dr. Benjamin Lissner (39), Partner von CMS Hasche Sigle in Köln, schaut diskret auf die Uhr. Heute sind es keine Mandanten, die seine Zeit beanspruchen, sondern die spanischen Kollegen von einer der europäischen „Below 40“-Gruppen im Schiedsrecht. Nichts Besonderes, eigentlich, aber erwähnenswert, wenn anderswo auf politischen Ebenen die europäische Integration infrage gestellt wird. Nicht von den jungen Schiedsrechtlern: Das deutsche DIS40-Netzwerk baut zwar auf Regionalgruppen auf, ist aber insgesamt so international aufgestellt wie seine Dachorganisation. „Die Mutter der DIS40 ist gewissermaßen die DIS, aber man muss dort nicht Mitglied sein, um an DIS40-Veranstaltungen teilzunehmen“, erklärt Lissner das Konzept. „Die Hürden für eine Mitgliedschaft in der DIS40 sind ganz bewusst niedrig gehalten, damit auch Studenten, Referendare oder Habilitanden kommen.“

DIS ist die einflussreiche Deutsche Institution für Schiedsgerichtsbarkeit. Lissner ist einer von vier Bundeskoordinatoren der DIS40. Sein Engagement in der 1.200 Mitglieder starken Nachwuchsorganisation reicht bald zehn Jahre zurück. Es passt inhaltlich voll zu seiner Arbeit – Konfliktlösung mit den Schwerpunkten Schiedsverfahren und alternative Streitbeilegung -, und die Arbeit passt zu diesem Netzwerk. Eine perfekte Mischung. „Das ist für viele Schiedsrechtler eine klassische Karriere: Erst agiert man als Parteivertreter, später kommt man auch für andere Rollen infrage. Und dabei sind Netzwerke wie die DIS40 eine große Hilfe.“ Doch nicht nur für die Karriere als Anwalt brauchte Lissner einen langen Atem. Auch das Networking zeigt seine Effekte nicht über Nacht, hat er festgestellt: „Es ist eher ein Marathonlauf, nicht kurzfristig orientiert und eher nichts für schnelle Erfolge. Ich bin immer drangeblieben und habe mich regelmäßig engagiert, etwa mit Vorträgen oder der Organisation von Veranstaltungen.“

Zwei auf gleichem Weg: Jennifer Bryant und Benjamin Lissner gehören zu den DIS40-Bundeskoordinatoren.

Eine Kollegin in der mit zwei Frauen und zwei Männern ausgewogen besetzten Vier-Personen-Riege der DIS40-Bundeskoordinatoren ist Dr. Jennifer Bryant (34). Sie hat als Studentin an dem renommierten Willem C. Vis Moot Court teilgenommen, einem der ältesten internationalen Wettbewerbe auf dem Feld der Schiedsgerichtsbarkeit: „So bin ich zu den Schiedsverfahren gekommen und immer mit dem Thema in Berührung geblieben. Ich habe mich in der DIS40 engagiert, zum Beispiel regionale Veranstaltungen zunächst nur besucht und hinterher auch mitveranstaltet.“ Auch im Referendariat habe sich das fortgesetzt – sie habe eigentlich die Stationen so ausgewählt, dass es immer einen Bezug zur Prozessführung gab. Trotz einer Dissertation im Gesellschaftsrecht ist sie über Umwege wieder in der Schiedsgerichtsbarkeit angekommen, seit 2012 bei Noerr in Düsseldorf, als Assoziierte Partnerin.

Erheblicher Aufwand

Wer sich in einem großen Moot-Court-Wettbewerb bewährt hat, scheut offensichtlich vor viel Arbeit und Doppelbelastungen nicht zurück. Besonders viel Aufwand, so Bryant, betreiben die Koordinatoren der DIS40 mit der Veranstaltungsvorbereitung: „Es ist schon phasenweise ein erheblicher Aufwand. Für die Herbsttagung 2017 habe ich mich mit meinem Co-Bundeskoordinator darum gekümmert, dass wir Politiker auf dem Podium haben, das war ungewöhnlich und spannend. Wir planen aber nicht nur die Events und suchen Themen und Sprecher, sondern wir moderieren auch.“ Die Bundeskoordinatoren unterhalten enge Kontakte zu den U40-Schwesterorganisationen etwa in der Schweiz oder in Österreich, Italien und Spanien. Auch mit denen gibt es jährliche Treffen, die gemeinsam geplant werden, und die mitunter schnell auch an die Kernfragen des anwaltlichen Geschäfts gehen. So wurde zum Beispiel neulich gefragt: Wenn sich alle Schiedsrechtler auf Wirtschaftssektoren spezialisieren, welchen Sektor sollte man als junger Schiedsrechtler wählen?

Frauen-Netzwerk in der Insolvenzszene

Auch weil es am Beginn der Karrieren um ganz existenzielle Fragen geht, fließt in die Jahresevents viel Arbeit. Doch in der Gründungsphase von Netzwerken kommt die Arbeit ohnehin von allen Seiten, haben zum Beispiel die Gründerinnen von „Distressed Ladies – Women in Restructuring“ festgestellt. Dieser nicht auf Juristinnen beschränkte Zusammenschluss von Insolvenzexpertinnen vieler Disziplinen besteht in fester Rechtsform seit 2016.

Netzwerkthema Restrukturierung: Katharina Gerdes von BRL und ihre Mitstreiterinnen bringen Frauen aus der Sanierungsbranche zusammen.

Die Macherinnen setzen mehr auf Exklusivität als andere Netzwerke, aber trotz einer überschaubaren Größe von knapp 50 Frauen gibt es viel zu tun. Katharina Gerdes (38), Partnerin von BRL Boege Rohde Luebbehuesen in Hamburg, denkt zum Beispiel an den Planungsaufwand für die Internetpräsenz: „Die Entwicklung der Website war eine Herausforderung, denn in diesem Zuge mussten wir uns noch einmal intensiv damit auseinandersetzen, wer wir sind und wofür die Distressed Ladies stehen wollen. Das Ganze war dann noch graphisch und digital umzusetzen.“ Seit Mitte 2018 sind die Distressed Ladies online. „Wir arbeiten nun noch daran den Mitgliederbereich so aufzusetzen, dass er die Ziele des Vereins optimal unterstützt, das heißt insbesondere das Geschäft und die Präsenz der Mitglieder am Markt zu fördern.“

Für Mitgründerin Anne Schwall (45) zählt die gegenseitige Unterstützung in der Startphase: „Es ist sehr hilfreich, die Arbeit auf drei Schultern verteilen zu können. Wir ergänzen einander sehr gut und können zeitliche Engpässe bei Bedarf wechselseitig auffangen.“ Die erste Idee zu dem Ladies-Projekt entstand 2013, somit sind schon fünf Jahre Arbeit hineingeflossen. Als Dritte im Bunde ist Sylwia Bea (43), die wie Schwall kürzlich von der Insolvenzkanzlei Wellensiek zu White & Case gewechselt ist, seit Beginn dabei. Networking macht man nicht einfach so, ist ihre Meinung: „Beim Netzwerken geht es nicht darum, möglichst viele Kontakte zu haben. Meiner Erfahrung nach ist es wichtig, dieselben Wertvorstellungen zu teilen und diesen mehr Gewicht zu geben.“ Auf diese Gewichtung setzen die Distressed Ladies ganz gezielt: Neuaufnahmen gibt es nur auf persönliche Empfehlung. Denn ihr Anspruch ist es, über ein loses Netzwerk hinauszukommen – eben das Beratungsgeschäft der Mitglieder in den Vordergrund zu stellen. Wenig Larifari, und weit mehr als nur demonstrative Diversity. Bea: „Wir schätzen nicht nur den fachlichen Austausch, sondern auch die wechselseitige Unterstützung im täglichen Geschäft, beim Business Development. Aus Empfehlungen haben sich zahlreiche Mandatsbeziehungen entwickelt – und so manche Freundschaft.“

Handfeste Erfolge

Es sieht so aus, als wäre ihr Verein allmählich aus der unmittelbaren Gründungsphase hinaus. Gerdes sieht handfeste Erfolge: „Das Zusammenwachsen und Kennenlernen im Netzwerk braucht natürlich etwas Zeit. Aber die Interaktion unter unseren Mitgliedern ist deutlich angestiegen und der Austausch nach unserer Wahrnehmung kontinuierlich und nachhaltig. Das Netzwerk Distressed Ladies lebt.“

Von wegen Lückenbüßer: Oliver Kipper hat die Wistev vor zehn mitgegründet. Heute ist sie das wichtigste Netzwerk der Wirtschaftsstrafrechtler.

Eine noch steilere Erfolgsgeschichte hat die Wistev hingelegt. Die wirtschaftsstrafrechtliche Vereinigung hat zehn Jahre nach der Gründung mehr als 400 Mitglieder. Als die Wistev an den Start ging, füllte sie eine Lücke, erzählt Mitgründer Dr. Oliver Kipper (48). „In kleineren Strafrechtskanzleien tut der Partner oft nur wenig dafür, dass die Associates in das ganze Mandatssystem hineinkommen. Die Jungen werden von den Chefs nicht involviert bei den wichtigen Gesprächen. Das ist keine gute Grundlage für Eigenständigkeit.“ Die Lösung lautete Vernetzung. Erst einmal an einem Stammtisch junger Verteidiger in Frankfurt, dann als Verein mit sieben Gründungsmitgliedern. Dr. Hanno Durth (50): „Ein festes Netzwerk zu bilden, kam uns logisch vor. Das Thema lag in der Luft, und zu unserem Frankfurter Stammtisch kamen Anwälte aus Stuttgart und Hamburg, später aus ganz Deutschland angereist. Also haben wir ganz bewusst eine Struktur geschaffen, nämlich eine Satzung geschrieben, den Verein gegründet und die Zwecke definiert.“ Zehn Jahre später kann man feststellen: Im Wirtschaftsstrafrecht geht an der Wistev kein Weg vorbei, sie ist das Netzwerk mit der größten Reichweite und Bedeutung.

Für die Gründungsmitglieder, die meisten von ihnen damals im Alter von Ende 30, Anfang 40, eine Erfolgsgeschichte. Für die Anwälte Kipper und Durth auch in eigener Sache, wie Hanno Durth beschreibt: „Wir haben in der Gründungsphase von Wistev auch unsere Kanzlei gegründet. Es ist kein Geheimnis, dass sich beide Projekte gegenseitig befruchtet haben. Wir haben beides parallel nach vorne gebracht.“ Das tat dem Geschäft von Kipper und Durth gut, die in Darmstadt ansässig sind, aber auch den anderen jungen Kollegen. Und schließlich ist es auch aus rechtsstaatlicher Perspektive gar nicht so schlecht, dass die Strafverteidiger eine starke Rolle spielen können. Laut Durth leben die Verteidiger stark von der Zusammenarbeit, speziell im Wirtschaftsstrafrecht: „Eine erfolgreiche Verteidigung klappt nur mit einem guten Team. Da gibt es einen Kreis von Kollegen, die ähnlich ticken und einen ähnlichen Stil haben wie wir, auf die können wir setzen und umgekehrt.“

Die richtigen Personen zu finden, braucht seine Zeit. Man findet sie eher nicht auf dem Smartphone. LinkedIn oder Xing sind natürlich auch Netzwerke, aber sie werden von Anwälten eher als Vermarktungsplattform gesehen. Anwaltsmarketing auf kleiner Flamme, die richtigen Connections gibt es aber woanders. Denn das einzige „soziale Netzwerk“, das trägt, sind die persönlichen Kontakte, findet zum Beispiel Lissner. „Der persönliche Eindruck zählt. LinkedIn ersetzt nicht das Persönliche. Aber natürlich kann man dort zum Beispiel Einladungen zu den Veranstaltungen der DIS40 veröffentlichen.“

Netzwerken zum Karrierestart

Die Affinität von Nachwuchsjuristen zu Social Media muss insofern noch in das wirkliche Leben umgelenkt werden. Richtiges Netzwerken, sagen die Profis, geht ohnehin nur von Mensch zu Mensch. Damit kann man gar nicht früh genug anfangen, findet Katharina Gerdes: „Wenn Berufseinsteiger sehr frühzeitig beginnen, sich ein eigenes Netzwerk aufzubauen, ist das ein echtes Asset. Dazu sollten sie nicht nur Fachseminare besuchen, sondern auch auf Branchentreffen gehen. Auch regelmäßiger Kontakt zu Professionals aus ihrer Altersgruppe kann sich auszahlen – man wird zusammen ‚groß‘ und kann sich gegenseitig unterstützen.“

Durth, mittlerweile nicht mehr im Vorstand der Wirtschaftsstrafrechtler aktiv, macht weiterhin Werbung für die Wistev – schon vor dem Berufseinstieg: „Ich mache die Referendare immer auf den Verein aufmerksam und sage: ‚Die Wistev ist eine gute Grundlage, wenn man sich als Strafverteidiger freischwimmen und eigenständig arbeiten will.‘“

DIS40-Koordinator Lissner empfiehlt eine kluge Auswahl der Verbindungen, die man knüpft, auch im Hinblick auf das Alter der neuen Kontakte: „Man sollte nicht wahllos ‚networken‘, und auch nicht rein taktisch vorgehen, das funktioniert nicht. Die persönliche Sympathie ist wichtig. Und es ist gut, sich in der eigenen Altersgruppe beziehungsweise auf der eigenen Senioritätsebene zu vernetzen.“

 

Netzwerken heißt…

Es klingt zunächst wie ein Widerspruch, aber die kontinuierliche Vernetzung im Beruf fördert die Eigenständigkeit – ohne Netzwerk keine Selbstständigkeit, egal ob als angestellter Anwalt oder als Unternehmer in eigener Sache.

Netzwerken bedeutet zudem …

  • einen langen Atem zu haben und erst einmal Zeit zu investieren.
  • den Laptop zuzuklappen und die Menschen persönlich zu treffen.
  • sich für andere zu engagieren, damit Vorteile für alle geschaffen werden.
  • sich in der eigenen Altersgruppe zu orientieren, um gemeinsam Karriere zu machen.