Magazin-Artikel
05.10.2018 | Autor/in: Laura Bartels

Ein Freund, ein guter Freund

Alumni-Netzwerke gibt es wie Sand am Meer. Jede Großkanzlei gönnt sich eins, auch Mittelständler ziehen nach und stellen ihr Netzwerk auf immer professionellere Beine. Aber was bringt es überhaupt, den Kontakt zum Ex-Kollegen zu halten?

„Niemals geht man so ganz, irgendwas von Dir bleibt hier“, sangen schon 1987 die Kölner Schlagersängerin Trude Herr und der Kölschrocker Wolfgang Niedecken. Junge Juristen können davon mittlerweile auch jenseits der Domstadt ein Lied singen. Denn Kontakt zum Ex-Arbeitgeber zu halten, ist in den vergangenen Jahren immer mehr in Mode gekommen. Nicht nur über soziale Netzwerke wie Xing oder LinkedIn. Und nicht nur bei Juristen. Wohl auch deshalb fand das Wort „netzwerken“, das es so in der deutschen Sprache eigentlich nicht gibt, vor wenigen Jahren den Weg in den Duden.

Mit etwas Abstand erinnern sich viele Anwälte scheinbar gerne an ihre ehemalige Kanzlei – wenn schon nicht an den Chef, dann doch zumindest an den ein oder anderen Kollegen. Und der könnte sich im Laufe der Karriere noch als hilfreich erweisen. Denn selbst wenn in den meisten Alumni-Netzwerken der persönliche Kontakt und das soziale Miteinander tatsächlich im Vordergrund stehen, nutzen viele Juristen ihre Kontakte aus einem früheren (Berufs-)Leben zunehmend für ihre tägliche Arbeit.

Einer von ihnen ist Dr. André Uhlmann (43), Head of Compliance bei Thyssenkrupp. Begonnen hat er seine berufliche Laufbahn in der US-Kanzlei Cleary Gottlieb Steen & Hamilton, die ein sehr großes, gut funktionierendes und vor allem internationales Alumni-Netzwerk pflegt. Erstmalig hat Uhlmann diese Kontakte genutzt, als er selbst noch bei Cleary war, sich aber beruflich neu orientieren wollte. „Mein Vorgänger bei Thyssenkrupp war ebenfalls bei Cleary und hat damals für mich den Kontakt zum Unternehmen hergestellt – für mich ein Glücksfall“, sagt Uhlmann. Heute nutzt er das Netzwerk in seiner täglichen Arbeit vor allem zum fachlichen Austausch oder für Empfehlungen. Zurückhaltend ist er, wenn es um konkrete Mandate geht. „Bei Thyssenkrupp steht die Qualität an erster Stelle. Daher gilt immer die Maßgabe, die Kanzlei und den Anwalt zu mandatieren, der fachlich am besten geeignet ist. Da kann man keine Rücksicht auf alte Kontakte aus dem Netzwerk nehmen“, sagt Uhlmann. Sonst bekommen solche Verbindungen schnell ein Geschmäckle.

Georgetown statt Tübingen

Internationale Kontakte sind Gold wert: André Uhlmann, Head of Compliance bei Thyssenkrupp, nutzt die Verbindungen, die er zu anderen LL.M.-Absolventen der US-Universität Georgetown aufgebaut hat.

Alumni-Netzwerke sind in der deutschen Wirtschaft mittlerweile weit verbreitet. Erfunden haben sie – angeblich – große Unternehmensberatungen wie McKinsey & Company. Hochschulen bemühen sich ebenfalls immer intensiver, Alumni-Netzwerke aufzubauen. Vorreiter sind hier wie so häufig die Amerikaner: An US-Universitäten, insbesondere an elitären Hochschulen wie Yale, Harvard oder Stanford, ist die Bindung von Studenten über das Studium hinaus seit vielen Jahren ein erfolgreiches Modell. Neben den Kontakten zwischen Ehemaligen untereinander pflegen die Hochschulen den Kontakt zu ihren Zöglingen. Aus dieser Konstellation ergeben sich für beide Seiten Vorteile: Die Alumni können die Beziehungen zur beruflichen Weiterentwicklung nutzen, und die Hochschulen verschaffen sich Kontakte in die Wirtschaft, von denen sie nicht nur in Form von Spenden profitieren.

So ausgeprägt wie in den USA ist das Alumniwesen an deutschen Universitäten noch lange nicht. Und es ist bei Juristen auch nicht so beliebt, weil die Netzwerke in der Regel alle Studenten ansprechen und nicht speziell auf künftige Anwälte gemünzt sind. André Uhlmann hat in Tübingen studiert und ist Mitglied des dortigen Alumnivereins. Aber eher aus nostalgischen Gründen, wie er selbst sagt. Allerdings zapft er regelmäßig seine Kontakte zu ehemaligen Kommilitonen aus seinem LL.M.-Studium an der Georgetown University in Washington D.C. an, zum Beispiel, wenn er rechtlichen Rat für ein bestimmtes Land benötigt. „Gerade wenn man so global arbeitet wie ich, sind gute internationale Kontakte Gold wert. Dass man einfach mal zum Hörer greifen kann, um sich bei einem ehemaligen Kollegen oder Kommilitonen Rat zu holen, kann sehr hilfreich sein“, sagt er. Wenn auch nicht über die Uni, sondern über seinen ehemaligen Arbeitgeber tauscht er sich auf nationaler Ebene mit ehemaligen Cleary-Mitstreitern aus. Einer von ihnen ist Klaus Cannivé (43), heute Leiter der Rechtsabteilung bei Haribo. „Viele meiner ehemaligen Kollegen haben ihren Weg in der Rechts- oder Complianceabteilung eines Unternehmens gemacht. Selbst wenn wir in unterschiedlichen Branchen tätig sind, stehen wir strukturell häufig vor denselben Problemen und beschäftigen uns mit denselben Themen“, sagt Cannivé.

Zuverlässige Empfehlungen aus dem Netzwerk: Klaus Cannivé, Rechtsabteilungsleiter bei Haribo.

Bei der Suche nach externen Rechtsberatern unterstützen sich die Alumni ebenfalls. „Wenn ich einen Anwalt in einem Land suche, in dem ich bisher selbst keine Kontakte habe, helfen oft enge Netzwerkkontakte. Innerhalb von 24 Stunden erhalte ich regelmäßig Empfehlungen und wertvolle Hinweise”, erklärt Cannivé. Da sie alle dieselbe Schule durchlaufen hätten, legten sie ähnliche Qualitätsstandards an und setzten vergleichbare Prioritäten. „Ich kann mich guten Gewissens auf eine solche Netzwerkempfehlung verlassen“, sagt er. Zurückhaltender ist er, wenn es darum geht, den ehemaligen Arbeitgeber in ein konkretes Mandat zu holen. Cannivé arbeitet heute noch mit seiner ehemaligen Kanzlei zusammen, hat das ebenso in seinen vorherigen Unternehmensstationen getan. Aber eben nur dort, wo es fachlich genau passt. Einen Bonus verschafft das Alumni-Netzwerk der Ex-Kanzlei nicht.

Talent-Management 4.0

Darüber machen sich die Kanzleien selbst keine Illusionen. Zu sensibel ist das Thema, zu groß die Gefahr, sich daraus einen Strick zu drehen. Die Zeiten, in denen man seinen alten Kumpel für alles, was so anfällt, mandatiert, sind lange vorbei. Zu präsent ist das Thema Compliance in den Unternehmen – nicht nur Konzerne, auch Mittelständler beschäftigen sich mehr und mehr mit formalisierter Regeltreue.

Und trotzdem erweisen sich Alumni-Netzwerke für Kanzleien an anderer Stelle als überaus nützlich, nämlich beim Recruiting. Der Wettbewerb um die besten Talente ist härter denn je, und einige wenige haben inzwischen erkannt, dass einzig das Drehen an der Gehaltsschraube nicht des Rätsels Lösung sein kann. Deshalb haben Einheiten wie die britische Kanzlei Clifford Chance damit begonnen, ihre Alumni-Netzwerke zu formalisieren. Weg von einer losen Adressensammlung hin zu einem online basierten Netzwerk. Bei Clifford soll die Plattform helfen, ehemalige Praktikanten, Referendare und wissenschaftliche Mitarbeiter stärker an die Kanzlei zu binden.

Neben den üblichen Newslettern und Veranstaltungshinweisen, die Kanzleien seit Jahr und Tag an ihre Ehemaligen versenden, ohne die Resonanz gut messen zu können, bietet die Plattform mehr und soll damit gleichzeitig der Kanzlei nutzen. „Talent Management, Retention und Active Sourcing sind die drei Eckpfeiler der Plattform“, erklärt Nicola von Tschirnhaus, zuständig für Nachwuchsgewinnung bei Clifford Chance. Das Tool soll also dazu beitragen, Talente zu identifizieren, den Kontakt zu pflegen und letztlich auch dafür sorgen, dass aus Referendaren und wissenschaftlichen Mitarbeitern Clifford-Associates werden. Aktuelle Kontaktdaten, Lebensläufe und Ausbildungsstationen der Alumni sind in einer Datenbank zusammengefasst. Letztlich will Clifford anhand der Datenauswertung einen Alumni ganz konkret ansprechen können, wenn er sich für eine Weiterbeschäftigung in der Kanzlei eignet. „Aktuell sind etwa 60 Prozent unserer Berufseinsteiger ehemalige Referendare oder Praktikanten. Mein Wunsch wäre, die Quote mithilfe der neuen Plattform auf 80 Prozent zu treiben“, sagt von Tschirnhaus.

Positive Resonanz bei Mandanten: Nicola von Tschirnhaus, bei Clifford Chance zuständig für die Nachwuchsgewinnung, verfolgt eine ausgefeilte Alumnistrategie.

Immer mehr Kanzleien bauen solche Netzwerke auf, professionalisieren ihre Prozesse und nutzen die vorhandenen Informationen strategischer. Internationale Großkanzleien sind in Deutschland tendenziell einen Schritt weiter als kleinere und mittelgroße nationale Sozietäten. Sie profitieren von bereits vorhandenen Strukturen ihres weltweiten Netzwerks. Auch die britische Kanzlei Allen & Overy hat ein solches Alumni-Netzwerk. Neben den obligatorischen Jahrestreffen und der Verbreitung von Kanzleineuigkeiten per Newsletter gibt es zum Beispiel ein Mentorenprogramm und sogenannte Alumni-Offices in Antwerpen, Brüssel, Hongkong und London. Diese Büros überlässt die Kanzlei ihren ehemaligen Mitarbeitern zur temporären Nutzung – etwa für ein konkretes Mandat. Außerdem verweist eine Jobbörse auf Karrierechancen außerhalb der Sozietät. A&O behält so den Überblick über Beschäftigungsmöglichkeiten für Anwälte, mit denen die Kanzlei nicht unbedingt langfristig plant und kann diesen Juristen bei der Suche nach einem neuen Job behilflich sein.

Kreative Bewerbersuche

Das ist nicht unüblich. Freshfields Bruckhaus Deringer und CMS Hasche Sigle pflegen solche Jobbörsen. Haribo-Chefjurist Cannivé hat auch schon versucht, sich solche Plattformen zunutze zu machen. „Wenn ich eine Stelle neu zu besetzen hatte, habe ich bei meiner ehemaligen Kanzlei und bei Sozietäten, mit denen ich regelmäßig zusammenarbeite, nachgefragt. Eingestellt habe ich auf dieser Grundlage noch niemand. Trotzdem halte ich das nach wie vor für einen sinnvollen Weg der Rekrutierung“, sagt er.

Kanzleien, die derartige Netzwerke mit zum Teil hohem Aufwand pflegen, tun das allerdings nicht aus rein altruistischen Motiven. Vielmehr profitieren sie sehr konkret davon. „Ein Alumni ist immer eine positive Referenz bei einem potenziellen Mandanten“, sagt Nicola von Tschirnhaus von Clifford. Selbst wenn sie – wie Uhlmann und Cannivé – nicht der Ansicht ist, dass ein Alumni zwingend zum Akquiseerfolg beiträgt, kann er doch einen positiven Eindruck im Unternehmen hinterlassen und damit seine ehemalige Kanzlei zumindest indirekt empfehlen.

Alumni auf Zeit

Wie Kanzleien dieses Reservoir an ehemaligen Mitarbeitern noch nutzen, zeigt das von A&O aufgesetztes Projekt ,Peerpoint‘. Dabei handelt es sich um eine globale Plattform erfahrener selbstständiger Rechtsanwälte, die der Kanzlei und ihren Mandanten je nach Bedarf flexibel zur Verfügung stehen. Weltweit gehören dem Programm derzeit rund 175 Juristen an. Bei Weitem nicht alle, aber zumindest knapp die Hälfte dieser Juristen sind ehemalige Associates und Counsel der Kanzlei. Im Mai 2017 hat die Kanzlei das Modell in Deutschland auch für erfahrene Partner fortgeschrittenen Alters geöffnet. Rund drei Viertel dieser Anwälte verfügen außerdem über Inhouse-Erfahrung. Zum Einsatz kommen sie immer dann, wenn A&O für ein bestimmtes Mandat oder Projekt kurzfristig mehr Personal benötigt, oder sie steuern ihr Spezialwissen in einem bestimmten Mandat bei.

Immer mehr Kanzleien suchen nach Lösungen, wie sie ihren Personalbedarf in Spitzenzeiten decken können. Um zu vermeiden, dass ihre Associates wochen- oder sogar vielleicht monatelang Nachtschichten einlegen müssen, greifen viele Sozietäten – nicht nur die internationalen – auf Projektjuristen zurück. Eine Maßnahme, für die die US-Kanzlei Debevoise & Plimpton vor rund zehn Jahren noch Kopfschütteln erntete, als sie die Aufklärung des Korruptionsskandals bei Siemens verantwortete und dafür jede Menge juristisches Personal benötigte. Doch heute ist klar, dass die temporäre Beschäftigung für beide Seiten ein Gewinn sein kann: Mit ihren befristeten Verträgen stellen die Projektanwälte keine vergleichbaren Ansprüche an Ausbildung und Karrieremöglichkeiten. Und viele Nachwuchsanwälte sehen sich keineswegs als Lückenbüßer, sondern betrachten die Arbeit als einen angemessen bezahlten Job, der sich im Lebenslauf gut macht. Die Ochsentour Richtung Partnerschaft in einer Kanzlei ist für viele Top-Absolventen ohnehin kein erstrebenswertes Ziel mehr.

Auch die Mittelstandskanzlei GvW Graf von Westphalen hat zuletzt mehrere Projektjuristen eingestellt, um für Spitzenzeiten gerüstet zu sein. „Unser Alumni-Netzwerk ist noch recht frisch, hat aber bei der Suche nach Projektjuristen bereits sehr geholfen“, sagt Partner Marian Niestedt (46), verantwortlich für Personal. Seine Kanzlei engagiert sich vor allem in der Examensvorbereitung für ihre Referendare und Praktikanten und versucht, den Kontakt über die Dauer der Beschäftigung hinaus zu halten. Die Motive sind bekannt.

Referendare als bevorzugte Bewerber

Bei GvW ist die Beschäftigung als Projektjurist allerdings nicht zwangsläufig das Ende der Fahnenstange. Wer sich bewährt, hat die Chance, in die reguläre Associatelaufbahn zu wechseln. Das trifft dann theoretisch auch auf Juristen zu, die zuvor nicht bei der Kanzlei tätig waren und im Zuge eines bestimmten Mandats zunächst befristet eingestellt wurden. Generell sind Alumni für Kanzleien aber immer die bevorzugten Berufseinsteiger. „Referendare stellen wir natürlich gerne ein, weil wir sie während der Stage schon ziemlich gut kennenlernen können – und sie uns im Gegenzug ebenso“, sagt Niestedt.

Selbst wenn Alumni-Netzwerke und die Akquise eines Mandats eher nicht in unmittelbarem Zusammenhang stehen, sind die meisten Juristen doch vom Nutzen solcher Vereinigungen überzeugt, aus ganz unterschiedlichen Gründen. Doch es gibt auch kritische Stimmen. „Ich bin Mitglied in einem Netzwerk meiner ehemaligen Kanzlei und bekomme regelmäßig Einladungen zu Veranstaltungen, aber das nehme ich eigentlich nie wahr”, sagt ein junger Partner einer Mittelstandskanzlei. „Der persönliche Kontakt zu meinen ehemaligen Kollegen ist mir aber schon sehr wichtig. Mit ihnen tausche ich mich regelmäßig aus. Das muss man aber selbst in die Hand nehmen. Ein Alumni-Netzwerk, womöglich gesteuert durch die Marketing-Abteilung, kann sowas nicht wirklich leisten“, sagt er.