Magazin-Artikel
12.10.2018 | Autor/in: Astrid Jatzkowski

Der Weltenverbinder

Kommunikation ist sein Metier – Brücken bauen zwischen Recht, Wirtschaft und Politik. Seit 15 Jahren ist der Jurist Heiko Willems beim BDI, seit März nun als Geschäftsführer der ,German Business Representation‘ in Brüssel und damit das Gesicht der deutschen Wirtschaftsverbände im Zentrum der europäischen Politik.

Eigentlich wollte er mal Richter werden. Als Heiko Willems – damals noch ohne Dr. – in den 1990er-Jahren in Bochum studierte, sprach wenig dafür, dass er einmal die deutsche Wirtschaft in Brüssel repräsentieren würde. Erst im Referendariat, als ihm auffiel, dass „nicht jeder Richterjob auch Spaß macht“, dachte er um. Er promovierte über Rechtsfragen der Mittelstandsförderung und wurde 2003 Referent beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) in Berlin – in der Abteilung Außenwirtschafts-, Handels- und Entwicklungspolitik.

„Ich wollte immer moderierend und vermittelnd arbeiten“, sagt der 48-Jährige. Tatsächlich ist er natürlich Interessenvertreter, doch als Kern seiner Aufgabe sieht er es, „Welten zu verbinden“. Es geht darum, Positionen zu erklären, um Verständnis zu werben, Wissen zu vermitteln. Und seit März sind die Welten, zwischen denen er manövriert, noch ein bisschen bunter geworden. „Ich lerne immer noch dazu, weil ständig neue Themen und Konstellationen auftauchen“, sagt Willems. Bis Herbst 2017 hatte er beim BDI in Berlin seine fachlichen Zuständigkeiten, als Büroleiter in Brüssel ist sein Spektrum deutlich breiter und extrem anspruchsvoll. Die Schlagzeilen der Zeitungen sind auch seine Themen.

Entsprechend überlegt Willems sehr sorgfältig, was er selbst bewältigen kann, und wofür er das Wissen von Fachleuten braucht. „Ich muss als Büroleiter alle Themen vertreten, auch wenn ich die fachliche Kompetenz gar nicht bis ins Detail mitbringen kann“, sagt er. Wenn der Generaldirektor Steuern und Zölle der Kommission ihm eine Audienz gewährt, dann muss er hin – aber nicht ohne den Steuerreferenten des BDI.

Immer direkt betroffen.

In Brüssel unterhalten der BDI und die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) ein gemeinsames Büro mit etwa 20 Mitarbeitern. Das sind, so Willems, relativ viele, aber aus gutem Grund: „Es gibt nahezu kein Thema in der EU-Gesetzgebung, das die deutsche Wirtschaft nicht auch tangiert.“ Und so ist jede BDI-Fachabteilung mit einem Referenten in Brüssel gespiegelt.

Schon innerhalb jedes Verbands ist Fingerspitzengefühl gefragt. Noch relativ einfach ist es bei Themen wie Zoll, Frauenquote oder Sammelklage. Da gesetzliche Regulierung unternehmerische Gestaltungsspielräume immer einschränkt, ist innerhalb des BDI schnell Einigkeit herzustellen: Man ist dagegen. Bei der Handels- und Energiepolitik klaffen die Vorstellungen der einzelnen im BDI vertretenen Branchen weit auseinander. Und die Arbeit in Brüssel setzt jetzt noch einen drauf: „Die Unterschiede in den nationalen Interessen sind manchmal deutlich in den Diskussionen zu spüren“, sagt Willems – ganz diplomatisch.

Er profitiert davon, dass er schon seit Jahren bei BusinessEurope mitarbeitet, dem Dachverband europäischer Wirtschaftsverbände. Aktuell leitet er dort den Rechtsausschuss. Sich in anderen Vereinigungen zu engagieren, gehört dazu, sagt er. Vor allem BusinessEurope sei eine gute Vorbereitung gewesen für seine jetzigen Aufgaben. Jura spielt für ihn in seiner jetzigen Funktion bestenfalls noch eine untergeordnete Rolle.

Doch es war genau die Arbeit zwischen allen Stühlen, die ihn von Anfang an gereizt hat.Dass er sich für einen Verband entschieden hat, hat er nie bereut. „Ein guter juristischer Abschluss schadet nicht“, sagt Willems nach eineinhalb Jahrzehnten. Ein gutes Gespür, hohe soziale Kompetenz und die Fähigkeit, mit Menschen ganz unterschiedlicher Couleur und unterschiedlichem beruflichen Hintergrund umgehen zu können – all das war aber schon immer wichtiger als die Examensnote. Fragt man ihn heute nach einem Highlight seiner Laufbahn, so muss er ein wenig in die Vergangenheit zurück: 2005 war er einer aus einer kleinen Runde von ,Young Leaders‘, die zum Gespräch mit dem damaligen US-Präsidenten George W. Bush und Bundeskanzler Gerhard Schröder geladen wurden. „Bush hat auf viele unserer Fragen sehr überzeugend und kompetent geantwortet. Das entsprach so gar nicht dem Eindruck, der in Deutschland weit verbreitet war“, erinnert sich Willems. Außerdem zeigten sich beide Staatslenker humorvoll und locker.

Zugang zu allen.

Es sind vielleicht auch solche Erlebnisse, die dazu führten, dass sich Willems nie vorstellen konnte, Interessenvertretung für ein einzelnes Unternehmen zu betreiben, ihm ging es immer um das große Ganze. Und auch deshalb zögerte er nicht, von Berlin nach Brüssel umzuziehen, denn viel größer als EU geht es derzeit nicht. Schon zu dem Zeitpunkt stand außerdem fest, dass er wenige Monate später die Büroleitung übernehmen wird, weil sein Vorgänger sich in den Ruhestand verabschiedete. Er hat Willems genug große Themen hinterlassen: die derzeit unberechenbare Handelspolitik der USA, der immer näher rückende Brexit und die rasch voranschreitende Digitalisierung. Und gerade Letzteres hat dann auch wieder viel mit Jura zu tun – Willems und seine Mitstreiter versuchen dafür zu sorgen, dass der rechtliche Rahmen ein solcher bleibt und kein Korsett wird.