Magazin-Artikel
12.10.2018 | Autor/in: Norbert Parzinger

Der Einer-Fahrer

Dass Hengeler-Anwälte ihre eigene Kanzlei eröffnen, war vor ein paar Jahren noch ein echter Ausnahmefall. Mit Konventionen hat sich Jan-Henning Wyen allerdings noch nie lange aufgehalten. Er macht einfach sein Ding.

Weinberge, Streuobstwiesen, Fachwerkhäuser, eine alte Burg und 30 dunkle SUVs vor dem Tagungshotel – im beschaulichen Seeheim in Südhessen prägen die Associate-Fortbildungen von Hengeler Mueller gelegentlich das Ortsbild. Zwischen all den nagelneuen Luxuskarossen fiel der alte VW-Bus von Dr. Jan-Henning Wyen – sprich Wien – immer ein bisschen aus dem Rahmen, als der heute 38-Jährige noch bei der angesehenen Großkanzlei arbeitete.

Nach innen superkonform, nach außen arrogant und jeden Tag bis Mitternacht im Büro – so lautet ein gängiges Vorurteil von Konkurrenten, wenn sie über Hengeler-Anwälte sprechen. „Du passt da doch gar nicht rein“, hieß es auch in Wyens Freundeskreis, als der breitschultrige Sportler nach dem Referendariat und einem LL.M.-Jahr in New York bei Hengeler anheuerte. Dass an den Vorurteilen nicht viel dran ist, betont der gebürtige Bonner allerdings energisch. „Ich habe mich dort immer sehr wohl gefühlt. Und wer wollte, bekam auch reichlich Freiraum, rechtzeitige Planung vorausgesetzt“, berichtet er. Damals etwa, als die US-Nationalparkverwaltung ihm seinen ausgelosten Zeitslot für eine Wild­wasserfahrt durch den Grand Canyon auf dem Colorado River mitteilte. Der Termin fiel mitten in die Schlussphase eines milliardenschweren Private-Equity-Deals – Wyen gehörte zu dem Hengeler-Team, das den Finanzinvestor CVC zum Verkauf des Druckfarbenproduzenten Flint beriet. Seinen Urlaub konnte er trotzdem antreten.

Risikobewusstsein

Ein Anwalt, der immer mal zwischendrin seinen Einer-Kajak in den Bulli packt, wäre sicher in den meisten Kanzleien ein Exot. Und schwierige Flusspassagen sind Wyens große Leidenschaft. Gerade kommt er von einer zweiwöchigen Kajaktour auf dem Zanskar im indischen Teil der Himalayaregion Kaschmir zurück – ein strapaziöser Ausflug in einem zerbrechlichen Kanu zwischen Felswänden und Wasserfällen auf über 4.000 Metern über dem Meer. Nicht nur auf einer solchen Tour, sondern auch in den Wildbächen von Eifel und Westerwald, auf denen Wyen als Jugendlicher paddeln lernte, kann eine Menge schiefgehen. Wenn das Boot eingekeilt wird und der Kajakfahrer mit dem Kopf unter Wasser feststeckt, entscheiden manchmal Sekunden über Leben oder Tod.

Im Lauf der Jahre hat Wyen schon einige Dramen miterlebt. Wenn er von Rettungsaktionen mit glücklichem oder unglücklichem Ausgang erzählt, sieht man ihm die Betroffenheit immer noch an, auch wenn er seine Gefühle sonst nicht gerade vor sich herträgt. „Zu sehen, dass etwas richtig schiefgehen kann, das nimmt einen schon mit“, sagt er. „Aber letzten Endes ist es eine wichtige Erkenntnis, die in vielen risikobehafteten Situationen helfen kann.“

Weniger existenziell, aber auch nicht ganz ohne Risiko war die Gründung der eigenen Kanzlei im Herbst 2015. Anwälte aus diversen Büros von Freshfields Bruckhaus Deringer hatten schon seit der Jahrtausendwende ein Kanzlei-Spin-off nach dem anderen gegründet. Bei Hengeler dagegen ging die erste Ausgründung 2011 an den Start: Wendelstein in Frankfurt, die inzwischen mit 20 Berufsträgern längst auf eigenen Beinen steht. 2014 starteten mit jeweils einer kleinen Handvoll Partnern Berner Fleck Wettich in Düsseldorf und Held Jaguttis in Köln. Wer Hengeler-Associates bis dahin für vergeistigte Rechtsgelehrte hielt, sah dort plötzlich einen ungeahnten Drang zum Unternehmertum um sich greifen.

Zukunft selbst in die Hand genommen

Wyen und seine beiden Mitgründer Dr. Alexander Ego und Dr. Henrik Humrich wagten ein Jahr später den Sprung ins kalte Wasser. Humrich war aus privaten Gründen von Düsseldorf nach München gekommen und hatte die Idee für eine eigene Sozietät schon eine Weile vorher gemeinsam mit Wyen entwickelt. „Ich versprach Henrik in die Hand, dass er auf mich zählen kann. Als ich dann nach Hause ging, war ich richtig happy – damit war entschieden, dass wir unseren Plan tatsächlich umsetzen und unsere Zukunft selbst in die Hand nehmen würden“, erinnert sich Wyen an das entscheidende Abendessen in München. In den ersten Jahren nach der Gründung lief zwar längst nicht alles wie geplant, aber das brachte die drei Partner nicht aus dem Takt. „Wir hatten zum Beispiel gar nicht damit gerechnet, dass wir so viele Transaktionen und Beratungsmandate auf Unternehmensseite auf den Tisch bekommen würden“, berichtet Wyen. „Entsprechend mussten wir strategisch etwas umsteuern. Aber das Wichtigste ist, dass man sich vertraut und die Route im Bedarfsfall gemeinsam anpassen kann.“

Augen auf und durch

Heute arbeitet Wyen zu einem beträchtlichen Teil an kleinen bis mittelgroßen Private-Equity- und M&A-Deals für Mandanten wie die Münchner Beteiligungsgesellschaften Aurelius und Maxburg. Bedeutender noch sind allerdings Mandate, in denen er und seine Partnerkollegen Gesellschafter oder Manager von Unternehmen beraten, etwa wegen möglicher Pflichtverletzungen, in Auseinandersetzungen oder schlicht in strategischen Fragen. Dort stehen Wyen und seine Partner regelmäßig weit bekannteren Namen gegenüber. Bei dem Streit mehrerer Familienzweige um den Odenwälder Gelatineproduzenten Gelita etwa kämpfen die involvierten Kanzleien, auch Hengeler, mit harten Bandagen. Ego Humrich Wyen agiert hier für den Besonderen Vertreter – eine Art Vormund für börsennotierte Firmen – der Gelita-Tochter RPS.

Von schwierigen Passagen darf man sich da nicht schrecken lassen. „Es ist ein wenig wie beim Paddeln: Sicherer wäre es manchmal, gar nicht erst loszufahren“, meint Wyen. „Aber darum geht es ja gar nicht, wenn der Mandant eine bestimmte Strecke hinter sich bringen will. Also sieht man zu, dass man die relevanten Techniken beherrscht und alle im Team wissen, worauf sie sich einlassen und was zu tun ist.“ Die härtesten Abschnitte schafft man dann manchmal sogar besser im kleinen Team.