Magazin-Artikel
12.10.2018 | Autor/in: Helena Hauser

APPetizer

Kanzleien suchen junge Juristen, die sich mit Legal Tech auskennen. Freshfields versucht mit einem Legal Hackathon, viel versprechenden Nachwuchs für sich zu begeistern. In zwei Tagen entwickeln die Teilnehmer eine Legal-App und knüpfen nebenbei neue Kontakte. Ob die App am Ende bis ins Detail funktioniert, ist Nebensache.

 Aus dem Raum am Ende des Flurs sind Jubelschreie zu hören, ein erleichtertes Lachen, das Abklatschen von High Five. Auf dem großen Tisch hinter der angelehnten Tür im 25. Stock des Frankfurter Büros von Freshfields Bruckhaus Deringer liegen aufgerissene Gummibärchentüten neben Gesetzestexten und aufgeklappten Laptops. Daneben stehen Flipcharts, die mit Notizen, Skizzen und Zahlen vollgeschrieben sind. Überall stecken Referendare, Studenten und Doktoranden ihre Köpfe zusammen. Eine Gruppe drängt sich gemeinsam vor einen Bildschirm. Sie reden aufgeregt auf Englisch durcheinander, sie wollen den Bug, den Fehler, finden. Dringend. Denn ihnen bleiben nur noch wenige Minuten bis zur Präsentation vor der Jury. Dann muss die App laufen. Die Arbeit von zwei Tagen steht auf dem Spiel. Langsam wird es eng.

Beim ersten Legal Hackathon von Freshfields entwickeln 36 junge Juristen in elf Teams innerhalb von zwei Tagen eine Legal-Service-Anwendung, eine App, die komplexe Rechtsfragen beantworten kann. Selbst programmieren müssen die Teilnehmer dabei nicht. Ihnen steht eine Legal-Tech-Software zur Verfügung, mit der sie die App zusammenbauen können. Am Ende präsentiert jedes Team sein Produkt vor einer Jury. Die beste Idee gewinnt.

Ideen-Marathon

Hackathons gibt es bereits seit einigen Jahren in verschiedenen Branchen, etwa im Healthcare-Sektor oder aktuell zur Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO). Das Ziel solcher Veranstaltungen ist es, in einer bestimmten Zeit ein originelles Softwareprodukt zu entwickeln. Der digitale Marathon als Quelle für innovative Ideen etabliert sich nun auch im Rechtsbereich immer mehr. Selbst die Bundesrechtsanwaltskammer hatte Anfang des Jahres beim sogenannten ‚beAthon‘ versucht, Lösungen für das Sicherheitsproblem des besonderen elektronischen Anwaltspostfachs zu finden.

Ein Legal Hackathon unterscheidet sich von einem herkömmlichen Hackathon darin, dass die Programmierer nicht unter sich bleiben, sondern gemeinsam mit Juristen Legal-Tech-Anwendungen entwickeln. Dass Freshfields einen Hackathon für den Legal-Tech-affinen juristischen Nachwuchs veranstaltet, dreht die Idee des kollektiven Hackens sogar noch ein Stück weiter: Der Hackathon wird zum Recruiting-Event, von dem Teilnehmer und Kanzlei gleichermaßen profitieren. Die Teilnehmer können ihre kreativen Ideen umsetzen, sich austauschen und vernetzten und vor allem ein bisschen Kanzleiluft schnuppern. Und für die Kanzlei ist das technische Spektakel gleich in zweierlei Hinsicht wertvoll: Sie knüpft Kontakte zu begehrten Tech-Juristen und profitiert von den Ideen, die der Hackathon an die Oberfläche spült. Für einen kreativen Austausch mit externen Dienstleistern müsste sie sicher tief in die Tasche greifen.

Volle Konzentration im 25. Stock: Im Frankfurter Büro von Freshfields fand der erste Legal Hackathon der Kanzleigeschichte statt. Während des zweitägigen Events entwickelten die Teilnehmer eigene Apps.

Ins Leben gerufen haben den Freshfields-Hackathon Frank Felgenträger (41) und Dr. Felix Netzer (40), zwei erfahrene Associates, die auch Teil der Legal-Tech-Innovationgruppe der Kanzlei sind. „Bei Freshfields entwickeln wir selbst digitale Produkte“, sagt Felgenträger. „Dabei sind wir immer auf der Suche nach technikaffinen Talenten, die unseren Horizont erweitern.“

Endlich ist es soweit. Die Jury nimmt ihre Plätze in der ersten Reihe ein. Die Teilnehmer sitzen in ihren Teams zusammen. Aufgeregtes Flüstern. Neben den Jurastudenten in weißem Hemd und Lederschuhen sitzen auch solche, die eher dem Klischee der Informatiker entsprechen: lange Haare, Kapuzenpulli, Turnschuhe. Leute, die man sonst wohl eher selten bei Freshfields trifft. Heute ist das Aussehen Nebensache. Ein letzter Blick auf die Power-Point-Präsentation, hektisches Gekritzel auf den Karteikarten.

Kartellrechnung auf Knopfdruck

Als das erste Team nach vorne geht, wird es ganz still. Die Präsentation darf gerade einmal fünf Minuten dauern, da muss jeder Satz sitzen. In perfektem Englisch stellen die Teams ihre selbstentwickelte App vor.

Die Ergebnisse sind vielfältig: Während einige Apps dabei helfen herauszufinden, ob eine Joint-Venture-Transaktion nach deutschem Fusionskontrollrecht anmeldepflichtig ist, widmen sich andere Entwicklungen der Frage, ob die Zustimmung zur Sammlung von Daten den Anforderungen der neuen EU-DSGVO entspricht.

Als Sven Störmann (28), Alexander Ulmer (28) und Dirk Hartung (29) von Team 5 vor die Jury treten, bleibt die Leinwand, auf der ihre Präsentation zu sehen sein sollte, erst einmal schwarz. „Ein kleines technisches Problem, so etwas kommt selbst bei einem Hackathon mal vor“, sagt Ulmer lachend, der sein Referendariat am OLG Frankfurt absolviert. Seine Freunde Störmann und Hartung schreiben an ihrer Promotion. Störmann ist Doktorand an der Bucerius Law School in Hamburg und dort für E-Learning zuständig, Hartung promoviert an der Leibniz-Universität Hannover und ist gleichzeitig Executive Director Legal Technology an der Bucerius.

Nach einer kurzen Verzögerung beginnt die Präsentation dann doch: „Mit unserer Anwendung ist es möglich, die Summe für einen Mandanten zu berechnen, die er zahlen muss, wenn er an einem Kartell beteiligt war“, erklärt Hartung. „Das Besondere ist dabei, dass sich unsere Datenbasis, auf der die App aufgebaut ist, aus zwei Quellen zusammensetzt“, führt Ulmer aus. Zum einen hat das Team die Entscheidungen der EU-Kommission der vergangenen Jahre ausgewertet und als Grundlage genommen. Zum anderen hat es die Erfahrungen von einer Vielzahl von Freshfields- Anwälten in die App einfließen lassen: „Wir lassen sie den Sachverhalt einschätzen und nutzen diese Einschätzung dann als Datenbasis“, sagt Ulmer.

Dabeisein ist alles

Die Idee klingt gut – und überzeugt auch die Jury von allen vorgestellten Apps am meisten. Zumindest im Gesamtergebnis. Auszeichnungen für Kreativität, Benutzeroberfläche und die Präsentationstechnik gibt es auch für andere Teams.

Sie haben die Jury mit ihrer Idee am meisten überzeugt: Hackathon-Initiator Frank Felgenträger gratuliert Alexander Ulmer, Sven Störmann und Dirk Hartung (von links) zu ihrer ,Kartell-App‘.

Dass bei einem Hackathon nicht im Vordergrund steht, ob eine einzelne Idee gewinnt, findet auch Störmann: „Es geht vor allem um neue Kontakte und Erfahrungen und darum, neue Ideen zu entwickeln.“ Die Möglichkeit, sich über zwei Tage intensiv und mit professioneller Unterstützung einer Sache zu widmen, habe man nur selten. „Gewinnen ist dann zwar auch schön, aber eben nicht entscheidend“, ergänzt Ulmer.

Team 5 wollte einfach mal bei einem Hackathon dabei sein – und mit ihrem Ergebnis sind die drei durchaus zufrieden. Erwartet hatten sie das nicht unbedingt. „Ich war eher skeptisch und konnte mir nur schwer vorstellen, dass bei einem Hackathon, bei dem keine Entwickler in den Teams sind, am Ende wirklich jedes Team eine funktionsfähige Anwendung vorstellt“, sagt Störmann. Wo die Teilnehmer technische Hilfe benötigten, halfen Mitarbeiter des Softwareentwicklers Neota Logic aus. Dennoch bleiben die so entwickelten Apps nur Entwürfe, eine Art Prototyp. „Die Idee und der Mehrwert eines Hackathons sind nicht zwangsläufig ein fertiges digitales Produkt, das sofort einsatzbereit ist“, sagt Ulmer. Vielmehr erweitere man bei einer solchen Veranstaltung seinen Blickwinkel auf eine Rechtsproblematik.

Kapuzenpullis bei Freshfields

Freshfields wertet ihren ersten Hackathon ebenfalls als Erfolg. „Ich bin unglaublich beeindruckt, was die Teilnehmer geleistet haben und mit welchen Ideen sie die Fragestellungen angegangen sind“, sagt Felgenträger begeistert. Was die Hackathon-Teilnehmer alles geleistet haben, kann er fast noch besser als die Jury einschätzen. Als einer der Team Captains, die es in jeder Gruppe gab, hat er die angehenden Anwälte vor Ort mit seinem Fachwissen unterstützt, Feedback gegeben und so den Entstehungsprozess der App begleitet. „Einige Ideen können wir sicherlich auch als Denkanstoß nutzen und bei Freshfields weiterentwickeln.“

Vielleicht sieht man bei Freshfields ja künftig mehr Anwälte in Kapuzenpulli, mit langen Haaren und Turnschuhen. Auch wenn sie nicht zum klassischen Bild eines Freshfields-Anwalts passen: Mit ihrer Technikaffinität bringen sie eine Qualifikation mit, die für die Zukunft der Kanzlei wichtig ist – wahrscheinlich mindestens genauso wichtig wie herausragende Noten, Doktortitel und LL.M.