Magazin-Artikel
15.05.2018 | Autor/in: Eva Flick

Zugkraft Brüssel

Als einzige Wirtschaftsprüfungsgesellschaft unter den Big Four leistet sich Deloitte eine eigene Universität. In Brüssel treffen sich Teilnehmer aus 77 Ländern, um gemeinsam zu lernen. Der Erfolg bringt den Campus aber schon jetzt an seine Grenzen. Deshalb hat der Dekan neue, große Pläne.

von Eva Flick

Bahnhof Bruxelles-Midi, unterhalb der Bahnsteige. Dort, wo mehrere Gänge aufeinander zulaufen, ist Sam’s Café der zentrale Treffpunkt. Hinter der Glasfront gibt’s den Kaffee auf die Hand, in Frischhaltefolie eingewickelte Brötchen, und vor dem Café stehen Fahrer in Reih und Glied, alle mit einem Schild in der Hand. Jeder von ihnen wartet auf seinen Gast für den Shuttle-Service. 30 Minuten dauert die Fahrt durch Europas Hauptstadt, um zur Deloitte University zu gelangen. Die Häuser werden villenartiger, es geht vorbei an Botschaftsgebäuden und irgendwann mitten hinein in den Sonienwald, ein knapp 4.500 Hektar großes Waldstück in Brüssels Süden.

Schließlich hält der Wagen vor dem Hotel Dolce La Hulpe, der Heimat des Deloitte-Campus. Hier hat sich Deloitte auf 4.600 Quadratmetern Fläche neben dem regulären Hotelbetrieb ein Paralleluniversum geschaffen, ein zentrales Ausbildungszentrum. Sie ist die einzige der Big Four, die sich so ein Zentrum für den Wirtschaftsraum EMEA (Europa/Mittlerer Osten/Asien) leistet.

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Herbergsvater: Jorrit Volkers plante die Deloitte-Uni.

Jorrit Volkers eilt mit langen Schritten durch die Flure entlang der riesigen Fensterfronten und grüßt rechts wie links. Der 58-jährige Holländer ist hier Dekan und irgendwie auch Herbergsvater. „Überall soll Tageslicht sein“, erklärt der Deloitte-Partner mit einem Zungenschlag, der ein bisschen an Rudi Carrell erinnert, und führt stolz durch das lichtdurchflutete Gebäude, in dem der Wald durch die Fensterfronten fast greifbar ist. Draußen in der Parkanlage stehen Tische und Stühle aus Holz, im Sommer finden hier die Seminare im Schatten der Rotbuchen, Eichen und Kastanien statt. Und drinnen haben alle Seminarräume zumindest Baumnamen. Cherry ist an der einen Tür zu lesen, an den anderen etwa Ginkgo, Mangrove oder Palissandre. Das Auditorium mit Platz für 500 Zuschauer ist einer der wenigen fensterlosen Räume, der dafür aber mit einer Reihe Glaskabinen oberhalb der höchsten Stuhlreihen ausgestattet ist. Ein Relikt aus alter Zeit. „In den Kabinen saßen damals die Simultanübersetzer“, erzählt Volkers. „Heute ist Englisch die einzige verwendete Sprache.“

Geld spielte keine Rolle

Die alte Zeit gehörte IBM. Als der Computerspezialist noch der unangefochtene Marktführer war und Geld keine Rolle spielte, griff er tief in die Unternehmenskasse und setzte das hochmoderne Gebäude in den Sonienwald. 1970 war das. Von da an bildete IBM hier seine Programmierer aus, mehr als 30 Jahre lang, bis 2002. Später übernahm die Hotelkette Dolce, 2013 stieß schließlich Deloitte hinzu.

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