Magazin-Artikel
15.05.2018 | Autor/in: Anika Verfürth

Wer im Glashaus sitzt

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Was soll ich mit Räumen?

Rödl & Partner

Multidisziplinär: Bei Rödl sitzen Anwälte, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer nach Branchenspezialisierung zusammen.

Mitten drin sitzen die Mitarbeiter auch bei Rödl. Rechtsanwälte, Wirtschaftsprüfer und Steuerberater arbeiten direkt zusammen. Wer mit wem in einer Ecke sitzt, ergibt sich durch die Branche, in der sie tätig sind. Energiewirtschaft, Gesundheitswesen oder Private Clients. „Was soll ich mit Räumen? Wenn ich Teams möglichst flexibel entsprechend der Branche oder des Mandats zusammen stellen möchte, sind feste Wände schlicht im Weg“, erklärt Standortleiter Wambach. Dieser Struktur folgend macht Rödl auch bei der Seniorität der Mitarbeiter keinen Unterschied. Hier gibt es keine extra Glastür für die Partner. Eines ist für Wambach aber wichtig: „Jeder hat seinen festen Platz. Wir wollen nicht, dass die Mitarbeiter jeden Tag mit ihren Rollcontainern einen neuen Platz suchen müssen.“ Das sei wichtig für die Zugehörigkeit zum Unternehmen.

Im Vergleich dazu ist das neue Büro von Latham eher semi-closed als Open Space. Partner haben hier weiterhin ein eigenes Büro. Die Aufteilung, wer wo sitzt, wurde dabei den Praxisgruppen überlassen. Aber es gibt auch weiterhin noch vereinzelte Associatebüros. „Viele müssen vielleicht erst mal ausprobieren wie es ist, nicht mehr in einem geschlossenen Büro alleine zu sitzen“, sagt Felsenstein.

Wenn Ende des Jahres die letzte Bauphase abgeschlossen ist, wird dennoch kein Partner mit an einer Tischgruppe sitzen. Verstärkt das nicht erst recht die Hierarchie? „Die Sichtbarkeit macht einiges aus. Man sieht, ob der andere telefoniert, konzentriert an einer Sache arbeitet oder man mal eben rüberwinken kann, um sich spontan zu besprechen“, sagt Vaske. Für Felsenstein war das halboffene Konzept das höchste der Gefühle. „Alles andere wäre zu radikal gewesen. Da ist die Branche vielleicht in 20 Jahren angekommen.“ Zudem steige mit der Seniorität der Anwälte auch die vertrauliche Arbeit.

Schließfach für Sportklamotten

Dazu zählen zum Beispiel Personalgespräche. Bei vertraulichen Verhandlungen, etwa mit Quereinsteigern, hat die Open-Door-Policy Pause. Eine solche Unterhaltung müsse ja nicht gleich das ganze Büro mitbekommen, meint Felsenstein. Ein Problem, das sich erst im Praxistest herausstellte, waren die Sportklamotten der Anwälte. Was früher nach der Pause im Fitnessstudio einfach hinter der Tür im eigenen Büro verschwand, lag plötzlich mitten im durchgestylten Progressive Space. Schnell wurden Schließfächer nachgerüstet. Auch die Arbeitsplätze sollen ordentlich sein. Die „Clean-Desk-Policy“ oder die „One-Plant-Policy“ sorgen dafür, dass nicht jeder seinen eigenen Urwald züchtet. Aber auch die Partner haben bei der Bürogestaltung nicht freie Hand, schließlich sind die Bürowände aus Glas. Private Bilder an der Wand sind deshalb nicht erlaubt.

Ein großer Kritikpunkt des Großraumbüros ist die mangelnde Privatsphäre. Jeder kann immer sehen, was der andere gerade am Bildschirm macht. Eine Sichtschutzfolie wollten die Associates laut Felsenstein nicht. „Bei so vielen Stunden, die ich hier verbringe, ist es ganz normal, zwischendurch auch mal Privates zu erledigen“, sagt Vaske. „Von mir aus sollen sie gerne bei Zalando bestellen“, sagt sein Chef.

Apropos Zalando: In Rechtsabteilungen ist das Großraumbüro schon weit verbreitete Normalität. Auch beim Onlinehändler kennen die Juristen es nicht anders als direkt neben ihren Kollegen zu sitzen. Doch im September vergangenen Jahres ist die Rechtsabteilung noch einen Schritt weiter vom klassischen Großraum hin zum Open-Space-Büro gegangen. „Spontanes und projektbezogenes Arbeiten wird immer zentraler in unserem Arbeitsalltag“, sagt Michael Menz, General Counsel von Zalando. Neben den klassischen Schreibtischen auf der Fläche bietet das neue Konzept verstärkt Möglichkeiten genau dafür. Ob auf der Couch, an einem Stehtisch, in einem Sessel, umgeben von Grünpflanzen, oder in der Bibliothek: Für jeden und jede Arbeit ist etwas dabei. „Die verschiedenen Umgebungen helfen enorm, die tägliche Arbeitsroutine aufzubrechen“, erklärt Menz. Anders als bei Latham oder Rödl telefonieren die Zalando-Juristen kaum an ihrem Arbeitsplatz. Festnetztelefone sind sowieso Vergangenheit, im Großraumbüro führen sie nur kurze Telefonate. Für alles andere gehen sie in die Telefonzelle – eine Art Glaskabine mit Platz für eine Person, stehend. Open Space ist also schon ein bisschen retro. Zalando verzichtet auch auf den festen Arbeitsplatz für jeden. „Der Großteil von uns arbeitet bereits so viel mobil, da braucht es keinen festen Schreibtisch mehr“, sagt Menz. Die Open-Space-Flächen regen jetzt noch zusätzlich zum Wechsel des Arbeitsortes an.

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