Magazin-Artikel
15.05.2018 | Autor/in: Anika Verfürth

Wer im Glashaus sitzt

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Vorreiter Rödl

Rödl & Partner

Großraum in Reinform: Rödl in Köln verzichtet schon seit Jahren gänzlich auf Wände – auch für Partner.

Was für Latham einen Riesenschritt und viel Mut bedeutete, ist bei Rödl & Partner seit Jahren Arbeitsalltag. Bereits im Jahr 2009 bezog der Kölner Standort der multidisziplinären Mittelstandskanzlei sein erstes Großraumbüro. Auf der 13. Etage des Kranhauses am Rheinauhafen gibt es kaum Wände – auch nicht aus Glas. Die Arbeitsplätze stehen in Vierergruppen und sind so aufgestellt, dass sie an der Innenseite getrennt durch halbhohe Regale einen offenen Gang bilden.

Am Ende des einen Trakts befindet sich Martin Wambachs Büro. Er ist einer der geschäftsführenden Partner und Gründer des Kölner Standortes. Keine Glaswand, dafür ein offener Durchgang ohne Tür trennt ihn vom Rest des Raumes, der sich über einen guten Teil der gesamten Gebäudelänge zieht. Davor sitzt seine Sekretärin. „Wenn ich von meinen Mitarbeitern erwarte, im offenen Büro zu arbeiten, darf ich mich selber auch nicht abkapseln“, sagt Wambach. „Und heute würde ich auch diese eine Wand noch rausreißen.“

Der Teil des Büros ist mit fast neun Jahren der älteste. Im Laufe der Zeit kamen weitere Flächen in Köln hinzu. Bereits vor fünf Jahren bezog Rödl zusätzlich die sechste Etage im Kranhaus, zuletzt eine weitere im Nachbargebäude. Die anfänglichen Erfahrungen aus der 13. Etage wurden gesammelt und weiterentwickelt. So sind die Arbeitsplätze beispielsweise weiterhin in Vierergruppen angeordnet, nun aber versetzt zueinander. 

Open Space ist das Buzzword. Und es klingt so viel eleganter als Großraumbüro. Doch die Nachteile eines offenen Raumkonzepts liegen für seine Kritiker auf der Hand: fehlende Privatsphäre, kein konzentriertes Arbeiten, ein Gefühl der Kontrolle bei Mitarbeitern und kein Raum für Vertraulichkeit. „Bei einem offenen Raumkonzept sind die Rückzugsmöglichkeiten ein zentrales Element“, sagt Latham-Partner Felsenstein. Dafür gibt es die sogenannten Fokusräume. Mit verschiedener Ausstattung sollen sie jeweils die passende Arbeitsumgebung bieten.

Das reicht von vollumfänglicher Technik mit Platz für mehrere Personen bis hin zu Räumen, in denen nur eine Person Platz hat oder nicht mal eine Steckdose vorhanden ist – da ist nicht mal Ablenkung durch Technik möglich. „Wenn ein Anruf kommt, den man ungestört und ohne Mithörer führen möchte, steht man auf und geht in den nächsten freien Fokusraum“, erklärt Felsenstein. Damit das reibungslos funktioniert, gibt es entsprechend viele solcher Räume. Aber vor allem muss die Technik mitspielen. Die Anwälte haben deshalb alle ein schnurloses und geräuschdämmendes Headset. Damit können sie sich jederzeit frei im Büro bewegen, ohne das Telefonat unterbrechen zu müssen. Gleiches gilt für den Gebrauch von Laptops, die jederzeit in jeden beliebigen Raum mitwandern können. Die Investitionen in neue und moderne Technik machen für Latham auch einen Großteil der Gesamtinvestition für dieses Projekt aus.

Ob nun Open Space, Progressive Space oder Großraum, das Konzept hat auch Vorteile. Einer ist, mehr spontane Kommunikation zwischen den Mitarbeitern zuzulassen. „Die Hemmschwelle, Kollegen anzusprechen, ist geringer geworden, weil man sich auch mal eben ansprechen kann, statt zum Hörer greifen zu müssen“, sagt Christoph Vaske. Der 31-Jährige ist seit Januar 2017 bei Latham tätig. „Früher musste man lange suchen und viele Flure entlanglaufen, bis man die Leute fand, die man konkret sprechen wollte“, ergänzt Felsenstein. „Gerade für Berufseinsteiger ist es nach Jahren in der Bibliothek doch nur förderlich, wenn sie nicht in einem Einzelbüro weggeschlossen werden, sondern mitten im Geschehen sitzen.“

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