Magazin-Artikel
15.05.2018 | Autor/in: Anika Verfürth

… und dann fiel die Mauer: Wirtschaftkanzleien in Berlin

AZ01/18

Ein Beitrag aus azur 1/2018.

In Berlin echte Berliner zu finden, ist gar nicht so einfach. Die meisten hat es erst nach dem Studium dorthin verschlagen. Das prägt den Anwaltsmarkt der Hauptstadt: In kaum einer anderen deutschen Metropole gibt es derart unterschiedliche Kanzleitypen.

Von Anika Verfürth

Bezzenberger, Finkelnburg, Quack. Welcher Jurist unter 40 kennt diese Namen? Nur wenige. Vor etwa 30 Jahren sah das noch anders aus. Im Berliner Anwaltsmarkt zählten diese Kanzleien zu den prominentesten Namen der Rechtsberatung. Heute haben andere das Zepter in der Hand. Denn seitdem hat sich viel verändert. In der Stadt selbst, aber auch im Kanzleimarkt der Hauptstadt.

Hegemann_Jan

Planänderung: Das Referendariat in Berlin sollte für Raue-Partner Jan Hegemann ursprünglich nur eine Station sein.

Eine Zeitreise: Es ist Mai 1989. Jan Hegemann hat gerade sein erstes Staatsexamen in der Tasche. Sein Interesse am Urheberrecht zog ihn vom Studium in München in das isolierte West-Berlin. Schon damals versammelte die Berliner Kammer für Urheberrecht dort alles, was Rang und Namen hatte. Dank des fliegenden Gerichtsstandes im Urheberrecht war das kein Problem. Damals, vor der Wende, residierten die Kanzleien vor allem am Ku’damm. Dahin verschlug es auch Hegemann, zur Kanzlei Raue Braeuer Kuhla. Mit drei Partnern und vier angestellten Anwälten zählte die Kanzlei im provinziellen Berliner Markt damals zu den größten. Für den gebürtigen Rheinländer, heute 54 Jahre alt, war der Ausflug ins eingemauerte und etwas verstaubte West-Berlin am Anfang nur ein Experiment: „Ich hatte ganz klar das Vorhaben, wieder zurück zu gehen. Doch dann, fünf Monate später, fiel die Mauer.“

Alle Kanzleien fusionieren

Das änderte von einen Tag auf den anderen alles. Für die Anwälte der designierten Hauptstadt bedeutete dies vor allem eines: Treuhandgeschäft. Die gesamte DDR-Wirtschaft musste mit der Wiedervereinigung nach den Grundsätzen der sozialen Marktwirtschaft privatisiert werden. „Das war ein wüstes Geschäft für einen jungen Anwalt. Wir mussten alles machen, denn es gab in Berlin kaum Anwälte für die Masse“, erinnert sich Hegemann. „Das hatte ein bisschen was vom wilden Westen.“

Nicht einmal zwei Monate vor dem Mauerfall sorgte aber noch eine ganz andere Revolution für Schlagzeilen. Manche bezeichnen es sogar als den Urknall im deutschen Rechtsmarkt: das BGH-Urteil im September 1989, wonach Rechtsanwälte sich als überörtliche Sozietäten organisieren dürfen. Bis dato – heute kaum vorstellbar – durften Anwälte ausschließlich an ihrem zugelassenen Standort praktizieren.

Das und der Mauerfall waren der Startschuss für eine Welle von Fusionen in den Berliner Markt hinein. Mit den Zusammenschlüssen entstanden die ersten Wortungetüme auf den Briefköpfen der Kanzleien. Rädler Raupach Bezzenberger etwa oder Schön Nolte Finkelnburg & Clemm und Gaedertz Vieregge Quack Kreile sind nur ein paar Beispiele von denen, die sich damals zusammentaten. „Alle alteingesessenen Berliner Kanzleien sind früher oder später durch die Merger-Maschine gelaufen“, sagt Markus Hartung, geschäftsführender Direktor des Bucerius Center on the Legal Profession an der Bucerius Law School in Hamburg. Bis Ende 2007 war er Managing-Partner von Linklaters Deutschland am Berliner Standort. Auch Hegemann kennt diese Merger-Maschine nur zu gut: „Ich habe fünf Mal den Namen, aber nie die Sozietät gewechselt.“

Boom in Berlin

Die Fusionen und die Wiedervereinigung sorgten für Boomzeiten. Alle wollten nach Berlin, der neuen Hauptstadt, dem Immobilienmarkt Nummer eins, dem künftigen Sitz aller Regierungsarbeit. Dass große Konzerne hier fehlten, tat der Begeisterung keinen Abbruch. Nach den ersten innerdeutschen Zusammenschlüssen zogen kurze Zeit später die britischen und amerikanischen Kanzleien nach. Hegemann war gerade Equity-Partner, als seine Kanzlei 2001 mit einer Washingtoner Kanzlei fusionierte und fortan Hogan & Hartson Raue hieß.

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