Magazin-Artikel
15.05.2018 | Autor/in: Aled Griffiths

Moderne Zeiten: Neue Standorte bringen neue Kanzleikultur

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Der Schritt hin zur Rechtsberatung und das Vordringen in Beratungssegmente, die zuvor als unprofitabel galten, unterstreichen den Ehrgeiz der Nearsourcing-Zentren. Polson von Ashurst spricht besonders unumwunden über die weiteren Möglichkeiten: „Es geht nicht allein darum, Arbeit von London oder sonstwo nach Glasgow zu verlegen. Es geht vielmehr um die Neugestaltung von Geschäftsprozessen.“ Mit anderen Worten: Die Büros fernab der Hauptstadt sind ein Testgelände für eine neue Kanzleistruktur, erkunden eine ganz neue Herangehensweise an das Anwaltsgeschäft.

Neue Laufbahnen für Juristen

Im Zuge dessen entsteht auch ein neues Berufsbild für Kanzleimitarbeiter. Die typische Laufbahn junger Juristen in Großbritannien passt nicht mehr zu dem neuen Modell. Polson, der bei der Gestaltung des Ashurst-Büros in Glasgow freie Hand hatte, macht klar, dass die juristischen Mitarbeiter nicht nach bestimmten Praxisgruppen organisiert sind. „Wir wollten sie nicht in eine Schublade stecken. Das ist einer der Schwachpunkte des Aufbaus traditioneller Sozietäten. Die Spezialisierung erfolgt zu früh. Unsere Mitarbeiter haben übertragbare Kompetenzen, sodass sie verschiedene Arten von Arbeit übernehmen können.“ Es ist ein neues Berufsbild: eine Mischform aus juristischem Projektmanagement, juristischer Recherche, Rechtsassistenz und geschmeidigem Legal-Tech-Einsatz.

Die unterschiedliche Kultur an den Standorten fernab von London lässt sich auf einen Blick auch an der Büroarchitektur ablesen. Obwohl es nicht auf den Quadratmeter-Mietpreis ankommt, haben alle Kanzleien riesige Großraumbüros mit langen Schreibtischreihen angelegt, in denen auf jedem Stockwerk hunderte Mitarbeiter arbeiten können. Keiner geht dabei weiter als Freshfields. Mitarbeiter können sich über komplizierte Kaffeekreationen freuen, in einer Kantine gesundes Essen genießen und sich von einem externen Dienstleister ihr Fitnessniveau ermitteln lassen. Einen eigenen Schreibtisch haben sie aber nicht.

Alles wird anders

Das sogenannte „Hot-desking“ ist ein wichtiger Bestandteil der Kultur, so Freshfields-Manager Kollanethu. „Unsere Mitarbeiter arbeiten die ganze Zeit über in unterschiedlichen Teams zusammen und eine flexible Bürogestaltung verhindert die Entstehung isoliert arbeitender Silos.“ Diese Büros spielen eine zentrale Rolle beim Erkunden neuer Arbeitsmodelle: die Verwendung von Technologie, das Entstehen neuer Stellen und Berufsbilder, und vor allem genügend Zeit und Raum, um zu analysieren, wie eine Kanzlei ihr Geschäft bewältigt – alles wird auseinandergenommen und dann neu zusammengesetzt. Alle Anwälte, mit denen azur sprach, sind sich einig, dass nichts von alledem geschehen wäre, wenn die Spielwiese lediglich ein neues Stockwerk in einem Londoner Büro gewesen wäre.

Die Größe der Büros in Belfast, Manchester und Glasgow und die neuen Arbeitsweisen haben das Entstehen einer andersartigen Kultur befördert. Das Kanzleimanagement sieht die Vorteile dieser Entwicklungen und hofft, davon zu profitieren. Viele sehen kooperatives, team- und technologieorientiertes Arbeiten als die Zukunft der Wirtschaftskanzleien. Aber sind die meisten Partner ob solcher Aussichten nicht entsetzt? Freshfields-Anwältin Parker räumt ein, dass „in der Partnerriege viel Überzeugungsarbeit nötig war. Aber heutzutage sind die Partner begeistert, weil es profitabel und erfolgreich ist. Für Associates ist es befreiend. Die Einstellung hat sich geändert von ‚Okay, wir können es ja mal probieren‘, zu ‚so müssen wir es angehen‘.“

Der Virus namens Nearsourcing

Sollte sich das Virus des Nearsourcing ausbreiten, könnten die Auswirkungen auf die Kanzleien enorm sein. Der Sinn und Zweck dieser Büros ist es, neue Arbeitsmodelle zu finden, durch die sich die Dienstleistungen für Mandanten verbessern, neue Marktsegmente erobern und die Profite steigern lassen. Doch die Art der Umsetzung wendet sich entschieden gegen die normale Hierarchie in einer Kanzlei.

James Richards, Managing-Partner von Baker & McKenzie in Belfast, betont: „Wir haben ein sehr offenes Büro, ohne traditionelle Trennung zwischen Anwälten und anderen Mitarbeitern.“ Paul Wilson, sein Kollege im Process Management, der seiner Arbeit in der begehbaren Kühlkammer bei 17 Grad nachgeht, müsse für die Wertschöpfung der Kanzlei kulturell als ebenso wichtig angesehen werden wie ein klassischer Anwalt. Es ist dieser Gedanke, der seine Wirkung entfalten wird. –

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