Magazin-Artikel
15.05.2018 | Autor/in: Aled Griffiths

Moderne Zeiten: Neue Standorte bringen neue Kanzleikultur

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Kollanethu_Anup

Von einer internationalen Bank zu Freshfields: Anup Kollanethu, Manager des Büros in Manchester, hat den Auftrag, effizientere Arbeitsweisen zu finden, die den Qualitätsstandards der Kanzlei nicht widersprechen.

Zunächst wurden Paralegals als Ersatz für Stellen in London eingestellt: Dokumentenprüfung bei Transaktionen („Due Diligence“) und Prozessen („Disclosure“). Der nächste große Schritt ging hin zur organisatorischen Unterstützung bei Transaktionen. In dieser Hinsicht am weitesten fortgeschritten ist das Büro von Freshfields in Manchester. „Der Schritt hin zu Rechtsbereichen war von Anfang an geplant“, sagt Isabel Parker, Leiterin des Bereichs Legal Services. Kein anderes Freshfields-Büro ist ähnlich aufgebaut. Wieder Großraumbüro, aber diesmal keine zugewiesenen Schreibtische, die Atmosphäre gleicht – in den Worten eines Junganwalts an dem Standort – der eines „sexy Start-ups“.

Neues Geschäft für alte Kanzleien

Der Standort wird von Anup Kollanethu mitgeführt, einem Externen mit mehr als zehn Jahren Erfahrung im operativen Management internationaler Banken. Kollanethus Hintergrund ist entscheidend: extrem prozessorientiert, IT-erfahren und ein Außenstehender. Und Manchester ist seine Spielwiese. Seine Aufgabe ist es, effizientere Arbeitsmethoden zu finden und gleichzeitig die Qualitätsmarke Freshfields zu wahren. Es geht um reine Betriebswirtschaft. Jede Art von Arbeit, die nicht unbedingt an höherer Stelle erledigt werden muss, wird aus einer teuren Stadt wie London weg verlegt.

Wenn es nur um Kostenreduzierung ginge, wären die Auswirkungen für die nächste Generation von Anwälten nicht so weitreichend. Tatsächlich geht es um viel mehr. Das neue Schlagwort in den Nearsourcing-Büros lautet „accretive“. Es beschreibt zusätzliches Geschäft, welches die Kanzleien dank der neuen Büros übernehmen können. Anders ausgedrückt sind die niedrigeren Kosten in Belfast, Manchester und Glasgow viel mehr als bloße Reaktionen auf den Preisdruck der Mandanten, damit die Sozietäten ihre Gewinne vergangener Jahre aufrechterhalten können. Die Auswirkungen der neuen Büros und Arbeitsweisen sind so groß, dass Top-Kanzleien sich nun auch für Mandate interessieren, die sie noch vor wenigen Jahren dem mittleren, weniger profitablen Kanzleisegment überlassen hätten.

Belfaster Team mit 100 Juristen

Das beste Beispiel dafür liefert Herbert Smith Freehills in Belfast. Das dort angesiedelte Team für Alternative Legal Services arbeitete zusammen mit den Londoner Partnern und Associates an einem Prozessrechtsmandat für einen Finanzdienstleister. Es ging um nicht weniger als eine der größten Kapitalmarkttransaktionen in der britischen Wirtschaftsgeschichte. Mehr als eine halbe Millionen Dokumente mussten geprüft werden. Das Team in Belfast wuchs folglich von 20 auf knapp 100 Personen an, um den Umfang zu bewältigen und die knappen Fristen einzuhalten. Ohne diese Mitarbeiter wäre Herbert Smith für ein solches Mandat in puncto Kosten und Geschwindigkeit überhaupt nicht konkurrenzfähig gewesen.

 

Nur einige Straßen weiter schreibt Allen & Overy eine ähnliche Geschichte. Jane Townsend, Managing-Partnerin des Büros in Belfast, weist darauf hin, dass die Menge an Dokumenten und Regulierungen massiv zugenommen habe, was an sich bereits zusätzliche Arbeit schaffe. „Darüber hinaus haben wir aber Effizienzgewinne zu bieten, wodurch wir in einem Segment des M&A-Markts wettbewerbsfähig sind, in dem wir zuvor nicht aktiv waren.“

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