© JUVE GmbH Köln
15.05.2018

Moderne Zeiten: Neue Standorte bringen neue Kanzleikultur

AZ01/18

Ein Beitrag aus azur 1/2018.

Führende britische Wirtschaftskanzleien haben preiswerte Büros außerhalb von London eingerichtet. Ursprünglich waren sie als Billigstandorte gedacht, jetzt steuern sie innovative juristische Projekte. Es zeichnet sich eine neue Kultur ab, die auch die deutsche Kanzleilandschaft beeinflussen wird.

Von Aled Griffiths

Wenn so die Zukunft aussieht, brauchen wir alle einen Pelzmantel. Im riesigen Großraumbüro von Baker & McKenzie in Belfast sitzen Hunderte von Leuten. Neben einem einzigen Raum mit immensen Ausmaßen gibt es nur ein oder zwei kleinere Nebenzimmer. In einem davon steht Paul Wilson. Kein Anwalt, sondern gelernter Maschinenbauer und jetzt Prozessmanager. Seine Aufgabe ist es, den Arbeitsfluss von komplexen Mandaten zu analysieren, die bei Baker landen. Hier findet er eine Minute, da zwei, die sich einsparen lassen.

Stühle gibt es nicht im Besprechungsraum. An den Wänden prangen komplizierte Ablaufdiagramme. Meetings sollen im auf frostige 17 Grad temperierten Raum keine Sekunde länger dauern als absolut nötig. Wer nicht schnell genug arbeitet, dem wird kalt. Belfast ist ein Labor für Effizienz. Willkommen in der Anwaltskanzlei der Zukunft.

Nicht nur Baker & McKenzie hat Mitarbeiter wie Wilson angeheuert. Ähnliches spielt sich ab bei Freshfields Bruckhaus Deringer und Latham & Watkins in Manchester, Ashurst in Glasgow und einer ganzen Reihe von Kanzleien im nordirischen Belfast. Eine Handvoll US-amerikanischer Sozietäten hat etwas Ähnliches versucht, etwa White & Case in Florida oder Orrick Herrington & Sutcliffe in West Virginia. Doch es sind die Briten, die nun im großen Stil in das so genannte „Nearsourcing“ investieren. Bei Allen & Overy ist das Büro in Belfast bereits das zweitgrößte im Netzwerk. Vor Kurzem überholte es sogar Amsterdam. Da alle der genannten Sozietäten auch zu den großen Namen hierzulande gehören, betrifft die Entwicklung auch Deutschland unmittelbar.

Vom Support zum Kerngeschäft

Polson_Mike

Neues Berufsbild: Mike Polson, Standortleiter von Ashurst, vermeidet bewusst eine frühzeitige Spezialisierung seiner Mitarbeiter.

Der Trend begann schlicht als Maßnahme zur Kostensenkung. Mieten und Gehälter wuchsen in London in schwindelerregende Höhen, so war es ein logischer Schritt, Sekretariatsarbeiten und weitere unterstützende Tätigkeiten wie Marketing und IT an kostengünstigere Standorte zu verlegen. Diese Rationalisierung war längst fällig, findet Mike Polson, Leiter des Büros von Ashurst in Glasgow. „Wirtschaftskanzleien sind ein großes Geschäft und müssen auch als solches gemanagt werden.“ Polson ist genau der richtige Mann für die Rolle des Leiters des neuen Standorts. Er ist offen, innovativ und hat nicht das geringste Interesse an Hierarchie – für ihn zählt, was unterm Strich herauskommt. Niemand will wirklich sagen, welche Summen konkret im Raum stehen, aber die Londoner Branchenpresse geht von 30 bis 40 Prozent Gehaltseinsparungen aus. Hinzu kommen noch die günstigeren Immobilienpreise.

Wären diese Büros in Großbritannien reine Supportstandorte geblieben, hätte sich niemand für sie interessiert. Sie übernehmen jedoch auch immer mehr juristische Arbeit und ändern allmählich die Art, wie Kanzleien Rechtsberatung anbieten, und zwar auf eine Art und Weise, die nichts mit den traditionellen Prägungen deutscher Kanzleien zu tun hat.

zur nächsten Seite

Seiten: 123