Magazin-Artikel
15.05.2018 | Autor/in: Laura Bartels

JUVE Insider: Mut zur Lücke

Lesen lernt man in der Schule, Schnelllesen im Examen. Das zumindest versprechen zahlreiche Anbieter auf dem Weiterbildungsmarkt. Mit etwas Training könne man das Lesetempo auf 600 bis 1.000 Wörter pro Minute steigern. Die Normalgeschwindigkeit liegt zwischen 100 und 400 Wörtern pro Minute.

Ein Kommentar von Laura Bartels

Klingt gut. Doch das Aber lässt nicht lange auf sich warten. Im zweiten Satz weisen zumindest manche Anbieter netterweise darauf hin, dass ein hohes Lesetempo nur bei leichten bis mittelschwer verständlichen Texten sinnvoll ist. Doch die sind in der Examensvorbereitung von Juristen leider Mangelware.
Wer „Krieg und Frieden“ in 20 Minuten liest, wie der große Woody Allen, mag im Freundeskreis und unter Hobbyliteraten zu Ruhm und Ehre gelangen. Bei der Lektüre von Fachaufsätzen oder der Kommentierung im Palandt – der schon aufgrund seines Abkürzungskauderwelschs keinen Lesefluss zulässt – sieht es eher düster aus mit dem Textverständnis. Was also bringen besondere Techniken wie Speed Reading und Gedächtnistraining wirklich bei der Vorbereitung auf die Staatsprüfungen? Nicht viel! Letztlich sind sie nur ein Tropfen auf den heißen Stein, die den Examenskandidaten an wenigen Stellen das Leben, oder besser das Lernen, erleichtern. Selbst Top-Absolventen, die diese Techniken selbst genutzt haben, schwören letztlich auf Struktur, Struktur, Struktur – und den guten alten Gutachtenstil. Und den trainiert man am besten durch das regelmäßige Schreiben von Übungsklausuren. Sorry! Aber letztlich wäre wohl ein Kurs im Schnellschreiben für Juristen die größere Hilfe.

In dieser Rubrik kommentieren und erläutern Autoren der JUVE-Redaktion aktuelle Themen aus dem Anwaltsmarkt. Laura Bartels ist Redakteurin im JUVE-Verlag.