Magazin-Artikel
15.05.2018 | Autor/in: Raphael Arnold

Die Welle reiten

zurück

Bunt wie ein Kolibri

Neue Mitarbeiter finden die Firmen und Kanzleien vor allem über Netzwerke an persönlichen Kontakten. Denn der Markt an erfahrenen Juristen ist weitgehend leergefegt, auch unterhalb von zwei Vollbefriedigend im Abschluss. Über Jahre habe das Aufsichtsrecht in Kanzleien als Kolibri gegolten – bunt, schrill und eine Ausnahmeerscheinung – so die Taylor Wessing-Partnerin Dr. Anna Izzo-Wagner. Den Ausnahmestatus ist das Gebiet los: „Heute suchen alle händeringend nach diesen Spezialisten.“ Denn die jungen Firmen brauchen Juristen, die regulatorische Erfahrung mitbringen für den Austausch etwa mit der BaFin, der Bundesbank oder regulierten Kooperationspartnern. „Das Aufsichtsrecht macht im Zweifel mit die meisten Bauchschmerzen“, so die 40-Jährige, die Ende 2017 Exporo, einer Crowdinvestment-Plattform für Anlagen in Immobilien, dabei half, von der BaFin eine Lizenz nach §32 Kreditwesengesetz zu bekommen und damit die möglichen Anlagesummen und den Anlegerkreis deutlich zu erweitern. An mindestens ein bis zwei Jahren Ausbildung im Job führe also kein Weg vorbei, erklärt die Aufsichtsrechtlerin aus Frankfurt. Das kann in ihren Augen jedoch die Rechtsabteilung eines Start-ups nicht leisten: „Bei einer Kanzlei oder einer Bank lässt sich das eher abbilden.“

Aderhold

Selbstversuche inklusive: Um Produkte zu verstehen, probieren Marc Nathmann und Nasim Jenkouk von Aderhold die neuen Apps ihrer Mandanten aus. Surfbretter mussten sie noch nicht testen.

Auch Aderhold ist auf der Suche nach Beratern für die Fintech-Branche, nicht zuletzt weil die Kanzlei 2017 mit Dr. Susanne Grohé ein Büro in Berlin eröffnete. Sie setzt jedoch anders an: Statt nach Spezialisten im Bank- und Bankaufsichtsrecht mit mehreren Jahren im Beruf sucht sie erfahrene Juristen und bildet diese selbst weiter. So stieß etwa Nasim Jenkouk zur Fintech-Beratung bei Aderhold. „Ich hatte zuerst Respekt, welcher Berg da auf mich zukommt“, erinnert sich die 36-Jährige, die in einem ersten Karriereschritt bei Pinsent Masons viel im IT-Recht tätig war: „Es war harte Arbeit, aber mit meinen gut fünf Jahren Berufserfahrung konnte ich mich innerhalb von sechs Monaten in die neuen Themenbereiche gut einarbeiten.“ Auch aufgrund der Hilfe erfahrener Kollegen.

Alles eine Typfrage

Marc Nathmann dagegen kam mit mehr als drei Jahren Berufserfahrung von der Fondsdepot Bank zu Aderhold. Er kennt die Inhousearbeit deshalb aus seiner Zeit bei dem Finanzinstitut in Hof und München. Der 33-Jährige hält es nicht zuletzt für eine Typfrage, ob einem eher die Rolle als Kanzlei- oder als Inhousejurist zusagt. Gestalten lasse sich in beiden Fällen viel. Die Sicht von Inhousejuristen sei aber selbstverständlich eingeschränkter und auf das eigene Unternehmen fokussiert. Jenkouk wie Nathmann schätzen letztlich die externe Beraterfunktion, weil die zu beantwortenden Fragen stärker wechseln: „Man bekommt sehr schnell eine Streubreite an Dingen, die man macht“, berichtet Nathmann aus den vergangenen Monaten im Fintech-Team bei Aderhold.

Viel Arbeit, viel Abwechslung

Marc Roberts von Raisin kennt die Arbeit als Anwalt aus seiner Zeit bei Hengeler Mueller in Berlin. Er unterscheidet zwischen der Rechtsberatung als Inhouse- und als Kanzleijurist auf andere Weise: „Bei einem Start-up braucht man rechtlich ein deutlich breiteres Profil“, unterstreicht der General Counsel. Das gilt auch für die Mitarbeiter seiner kleinen Rechtsabteilung, die bank- und aufsichtsrechtliche Themen beackern, daneben gleichzeitig Angelegenheiten mit Bezug zum Vertrags-, Arbeits-, Datenschutz-, IP/IT-Recht sowie Gesellschaftsrecht auf den Tisch bekommen. Viele Fragen kämen einfach zwischendurch, man stehe mehr im Austausch und sei in die internen Abläufe viel stärker eingebunden. So wachse man schnell in Verantwortung hinein und sammle wichtige Erfahrungen.

Siering_Lea_Maria

Kennt beide Seiten: Lea Siering, Partnerin bei Taylor Wessing in Berlin, kehrte nach einer Inhousestation in die Kanzlei zurück.

Entsprechend hoch ist das Arbeitspensum in den Rechtsabteilungen bei Start-ups. Für Dr. Lea Siering, Partnerin bei Taylor Wessing in Berlin, besteht kaum ein Unterschied zu Kanzleien. Die 35-Jährige leitete vor ihrer Rückkehr in die Kanzlei die Rechtsabteilung des Kreditvermittlers Crosslend: „Lange Arbeitszeiten sind in der Branche durchaus üblich“, berichtet die Anwältin. Die Palette an rechtlichen Themen ist also bunt, die Strukturen bei Start-ups sind häufig sehr offen – manchmal trifft chaotisch und schnelllebig die Realität vielleicht besser. Nicht jedem liegt ein solches Umfeld, wo Berichtslinien vielleicht im Zuruf quer durch das Großraumbüro bestehen und Budgets und Ressourcen gerade in der Anfangsphase eng begrenzt sind. Wenn Juristen eher auf Sicherheit, auf Strukturen und auf klare Zuständigkeiten bedacht sind, mögen solche Arbeitsbedingungen schwierig sein.

zur nächsten Seite

Seiten:  1234