Magazin-Artikel
15.05.2018 | Autor/in: Raphael Arnold

Die Welle reiten

Die Finanzbranche schlägt mit hohem Tempo digitale Wege ein, und junge, darauf spezialisierte Firmen nehmen rasant Fahrt auf. Gleichzeitig schiebt der Wandel althergebrachte Geschäftsmodelle aufs Abstellgleis. Die Branche bietet zurzeit beste Chancen für junge Juristen – egal, ob in Start-ups, Banken, Behörden oder Kanzleien.

Von Raphael Arnold

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Baut die Rechtsabteilung aus: Marc Roberts ist seit April 2017 General Counsel beim Festgeldvermittler Raisin.

Ende 2017 suchte Raisin einen Legal Counsel. Gefordert unter anderem: ein Schwerpunkt im Bank- und Kapitalmarktrecht und mindestens zwei Jahre Berufserfahrung. Denn der neue Jurist sollte unter anderem die Verträge der Firma mit den Partnerbanken aus ganz Europa aushandeln. Raisin ist eine Plattform, die Verbrauchern Anlagen mit festen Zinssätzen vermittelt. „Einen guten oder gar idealen Bewerber zu finden, war schwierig“, berichtet Dr. Marc Roberts, der General Counsel des Start-ups. „Wir stellen hohe Anforderungen an Bewerber, was Ausbildung und Fähigkeiten angeht, aber auch hinsichtlich Auftreten und Einstellung. Als noch junges Unternehmen konkurrieren wir mit den großen Namen aus der Juristenbranche“, beschreibt der 36-Jährige die Situation: „Das ist nicht leicht, da unser Bekanntheitsgrad natürlich nicht mit dem einer internationalen Großkanzlei zu vergleichen ist.“

Einen ordentlichen Schub an Aufmerksamkeit brachte schließlich ein großer Name: Der US-Zahlungsdienstleister Paypal stieg im Dezember bei den Berlinern ein. Das sorgte für Schlagzeilen und machte das Unternehmen bekannter, das 2013 entstand und inzwischen Anlagen bei knapp 40 europäischen Banken vermittelt. Für Raisin bot das Vorteile im Recruiting. „Sobald wir mit Kandidaten ins Gespräch kommen, können wir diese besser überzeugen. Denn dann sehen sie die spannenden Aufgaben, die unser Unternehmen bietet“, erklärt Roberts.

Dass neuen Firmen ein bekannter, für Bewerber attraktiver Name fehlt, ist ein normales Hemmnis. Dass das Geschäftsmodell sich oft nicht selbst erklärt, ein weiteres: „Da muss man im Bewerbungsgespräch tiefer einsteigen“, weiß Roberts aus Erfahrung. Denn als er im April 2017 bei Raisin anfing, war er der einzige Jurist und übernahm den Job von Dr. Daniel Halmer. Der machte sich damals mit einem eigenen Start-up selbständig und gründete die Gesellschaft hinter ‚wenigermiete.de‘.

Alte und neue Welten

Die Digitalisierung sorgt jedoch nicht nur bei den Jungunternehmen für Bedarf an Juristen. Bezahlsysteme für Verbraucher, virtuelle Währungen, beschleunigte Zahlungssysteme zwischen Finanzinstituten oder Crowd Funding – diese neuen Dienste und Angebote beschäftigen auch Anwälte bei Kanzleien, Inhouse-Counsel bei Banken und Fachleute in Aufsichtsbehörden wie der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), der Europäischen Zentralbank (EZB) und der Bundesbank. „Die alte und die neue Welt kommen zusammen“, fasst Frank Müller (40), Partner bei Aderhold in München, zusammen: „Banken können mittels der Lösung des Anbieters Ripple, die auf der sogenannten ‚Distributed Ledger‘-Technologie basiert, grenzüberschreitende Zahlungen inklusive Währungsumrechnung nahezu in Echtzeit abwickeln, während das in die Jahre gekommene Swift-System hierzu mehrere Tage benötigt. Das ist ein Paradigmenwechsel im internationalen Zahlungsverkehr“ (Raketenwissenschaft, Seite 96).

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