Magazin-Artikel
15.05.2018 | Autor/in: Laura Bartels

Die Gretchenfrage

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Und welche Notariatsform ist die bessere? Das ist die Gretchenfrage. Die Argumente sind stets dieselben: Befürworter des Anwaltsnotariats finden, dass gerade die vorherige Tätigkeit als Anwalt ein Vorteil ist, weil der Anwaltsnotar auch schon als Parteivertreter tätig war und beide Seiten kennt. Nur-Notare führen ihre große Erfahrung an und werten gerade die Tatsache, dass sie sich ausschließlich mit notariellem Geschäft befassen als klaren Vorteil. Letztlich ist an den Argumenten beider Seiten etwas Wahres dran. Clemens Just jedenfalls gehört zu den Verfechtern des Anwaltsnotariats. „Ich weiß es sehr zu schätzen, bereits einige Jahre Erfahrung als Anwalt gesammelt zu haben. Das werde ich auch in meine notarielle Tätigkeit einfließen lassen“, sagt er. Bestellt ist Just noch nicht. Das dürfte aber nur eine Frage der Zeit sein. Zwar gehörte er zum ersten Jahrgang in Frankfurt, bei dem für die Bestellung zum Notar tatsächlich auch die Note in der Fachprüfung ausschlaggebend sein wird. Sein Ergebnis war aber nach eigener Aussage so gut, dass er seiner Bestellung entspannt entgegen sieht.

Bis vor Kurzem war die Situation in Frankfurt für Bewerber auf das Anwaltsnotariat sehr günstig. Denn in der hessischen Metropole ist der Generationswechsel unter den Notaren im vollen Gang. Zwischen 2018 und 2027 werden dort 116 Stellen neu besetzt, weil amtierende Notare die Altersgrenze erreichen werden. Das hieß bisher: Wer die Prüfung besteht, wird auch bestellt. Doch das ist jetzt vorbei. Ab sofort greift auch in Frankfurt das Prinzip der Bestenauslese. Die Verschärfung der Zulassungsbedingungen hat dazu geführt, dass schon im Herbst 2017 deutlich weniger Kandidaten zur Prüfung angetreten sind als in den Durchgängen zuvor. Das wiederum könnte bedeuten, dass die Chancen der Bewerber für 2019 wieder steigen, weil es weniger Konkurrenz um die ausgeschriebenen Stellen gibt.

Jeder nach seiner Façon

Jedes Bundesland regelt die Zulassung zum Amt des Notars nach eigenem Geschmack. Entsprechend sind Modus und Stellensituation in jedem Land anders. So auch in Berlin: Als die Treuhandanstalten in der Nachwendezeit das DDR-Vermögen privatisierten, brauchte die Stadt viele Notare und bestellte entsprechend viele. Der Bedarf war lange Zeit gedeckt. Um eine homogene Altersstruktur unter den Notaren zu erhalten, werden heutzutage neben den klassischen „Bedarfsstellen“ in Berlin auch „Altersstrukturstellen“ ausgeschrieben.

Internationale Großkanzleien wie Clifford Chance und Freshfields Bruckhaus Deringer pflegen ihre Notariate seit vielen Jahren. Kanzleien wie Flick Gocke Schaumburg oder Greenberg Traurig haben – teils durch Quereinsteiger, teils durch den eigenen Nachwuchs – ebenfalls Notariate aufgebaut. Zum einen, weil es ein lukratives Geschäft ist. Zum anderen bietet es jungen Anwälten eine attraktive Karrierealternative, die ihre Zukunft nicht als Equity-Partner sehen, also als Gesellschafter einer Kanzlei. So können Kanzleien verhindern, gute Juristen ohne Partnerambitionen an die Konkurrenz zu verlieren.

Statusproblem

Die Fachprüfung stellt manche Sozietäten allerdings zugleich vor ein strategisches Problem: Das Notarexamen hat den Nebeneffekt, dass die angehenden Amtsträger immer jünger werden. Denn die Lernphase vor der Prüfung ist zwar zeitintensiv und anstrengend; vor allem aber ist sie wesentlich kürzer als das Punktesammeln, das bis Herbst 2010 vorgeschrieben war. Allerdings hat so mancher Absolvent der notariellen Fachprüfung noch nicht das entsprechende Geschäft, um mit der Bestellung zum Notar auch Partner zu werden. Und gerade deshalb hat der neue Modus für manche Einheiten einen Haken: Denn Notare müssen als Träger eines öffentlichen Amtes weisungsunabhängig arbeiten, was auf einen Associate oder Salary-Partner, also einen angestellten Anwalt, in der Regel nicht zutrifft. Meist sind es nur die Equity-Partner, die wie ein selbstständiger Anwalt agieren, aber mit anderen Partnern in denselben Kanzleitopf wirtschaften.

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