Magazin-Artikel
15.05.2018 | Autor/in: Markus Lembeck

Auf dem Königsweg

Im Referendariat lernen viele Juristen ihren zukünftigen Arbeitgeber kennen. Manchen Kanzleien gelingt es, den Nachwuchs übergangslos an sich zu binden. Doch wo liegt der Vorteil für Bewerber? Eine Analyse.

Von Markus Lembeck

Untreue im strafrechtlichen Sinne kann man den allermeisten Juristen nicht nachsagen. Zum Glück. Aber treu in beruflicher Hinsicht sind die Juristen der aktuellen Generation definitiv nicht. Ein knappes Drittel der Junganwälte, die 2017 an der azur-Associate-Umfrage teilgenommen haben, ist nämlich auf dem Absprung. Die Gründe liegen eher im zwischenmenschlichen Umgang: Wer die Überzeugung gewonnen hat, dass seine Kanzlei oder sein Unternehmen nicht offen und auf Augenhöhe kommuniziert, oder wer mit seinem Vorgesetzten nicht zurechtkommt, lässt sich auch mit einem standesgemäß hohen Gehalt nicht trösten. In der Umfrage beschreibt ein junger Anwalt aus einer mittelgroßen Kanzlei die denkbaren Motive für einen Wechsel des Arbeitgebers: „Bessere Aufstiegschancen, besseres Betriebsklima UND mehr Gehalt.“ Geld ist nicht alles, auch nicht für manche Großverdiener in Großkanzleien. Ein Hamburger Associate aus einer solch großen Sozietät zum Beispiel wünscht sich „eine Stelle, die Kreativität mehr belohnt und selbst­bestimmteres Arbeiten zulässt“.

Die nachgewiesene Juristenuntreue trifft Kanzleien jeder Größenordnung, besonders jedoch die großen Wirtschaftskanzleien. Rund 40 Prozent der dort beschäftigten Associates sagen, dass sie in spätestens fünf Jahren nicht mehr bei ihrer aktuellen Kanzlei arbeiten wollen. Auf der anderen Seite melden die meisten Großen der Anwaltsbranche fantastische Zahlen zu ihrer Attraktivität als Arbeitgeber. 50 Prozent und mehr ihrer Neueinstellungen im vergangenen Jahr kamen nach Referendariat, Praktikum oder wissenschaftlicher Mitarbeit im eigenen Haus zu ihnen (Alte Bekannte, neu eingestellt, Seite 64). Der Werdegang zum Wirtschaftsanwalt scheint also einem fundamentalen Wandel zu unterliegen. Der entscheidende Schritt, so die neue These, ist nicht mehr vom Referendariat oder von einer anderen Ausbildungsstation zum ersten Anwaltsjob, sondern der Übergang vom ersten zum zweiten Arbeitgeber. Diese neue Lage hat natürlich auch damit zu tun, dass die Nachfrage nach hochqualifizierten Juristen dieser Gruppe eine starke Verhandlungsposition beschert. Doch einiges spricht dafür, dass die Kanzleien beim kurzen Honeymoon mit ihren Berufseinsteigern einiges falsch machen – vielleicht mehr als im Referendariat.

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