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23.04.2018 | Autor/in: Norbert Parzinger

Dialog der Generationen: „Positives Feedback gab es früher fast nie“

Früher war nicht alles besser. Und ganz sicher war im Kanzleimarkt nicht alles besser. Vor 20 Jahren war die Beziehung zwischen Partnern und Associates strikt hierarchisch, alle wollten Partner werden und Sabbatical war ein Fremdwort. Seither hat sich vieles verändert. Anlässlich des 20. Jubiläums des JUVE-Verlags, in dem azur erscheint, haben wir vier Juristen aus drei verschiedenen Altersklassen gefragt, wie sich Rollenverständnisse und -verhältnisse entwickelt haben.

Ina Brock

Ina Brock

Im Vergleich zu früher war das Verhältnis zwischen Partnern und Associates viel förmlicher. „Feedback gab es wenig von den Partnern – und Positives sehr selten!“, sagt Ina Brock (49), Partnerin bei Hogan Lovells und Co-Leiterin der Life-Science Industriegruppe der Kanzlei. Zudem sind Associates heute in vielen Fällen früher für den Mandanten sichtbar als damals. „Natürlich bleiben die Partner die ersten Ansprechpartner für unsere Mandanten“, sagt Dr. Daniel Hahn (31), Associate bei Luther, „aber ich werde immer eingebunden, wenn es um meinen Fachbereich geht.“ Bei neuen Anfragen kommt es auch vor, dass Hahn Ansprechpartner ist und das Mandat überwiegend selbst bearbeitet.

Helge Schäfer

Gleichzeitig hat sich auch die Beziehung zwischen den Anwälten und den Mandanten verändert. „Sie sind professioneller geworden, das heißt auch: anspruchsvoller“, sagt Brock. Außerdem sei das Vertrauen nicht mehr so bedingungslos wie früher. Es kann schneller verspielt werden, zum Beispiel durch unerklärte Rechnungen. Vor allem aber müssen Berater heute viel proaktiver sein als früher. Mandanten erwarten heute, dass ihr Anwalt eine Meinung liefert über die globalen Trends, die für seine Branche wichtig sind. Das kann ein Anwalt aber nicht allein. Vielmehr braucht es heute Spezialisten aus verschiedenen Praxisgruppen, die zusammenarbeiten müssen, um die Entwicklungen zu analysieren und zu erklären. Eine Folge: Anwälte haben sich im Laufe der Jahre immer stärker spezialisiert. Das spiegelt auch die Entwicklung der Fachanwaltschaften wieder: Laut Bundesrechtsanwaltskammer konnten 1998 gerade einmal sechs verschiedene Fachanwaltschaften erworben werden, heute sind es 23.

„In den Rechtsabteilungen sitzen Profis, die nicht so naiv sind, zu glauben, dass ein guter Wirtschaftsanwalt alles kann“, ist Dr. Helge Schäfer (58), Partner bei Allen & Overy überzeugt. „Doch trotz allem, was sich verändert hat – Wettbewerb, Größe, Kommodifizierung, Leverage und Technologie: Der rote Faden in diesem komplexen Geschäft bleibt die Anwaltspersönlichkeit.“

Christina Mann

Christina Mann

Wechsel der Perspektiven

„Ich wäre sehr gern mal inhouse gewesen“, sagt Brock rückblickend. „Man sieht, was es den Associates bringt, wenn sie dort ein Secondment verbringen. Das macht sie zu einem runderen Berater.“ Was früher noch Seltenheitswert hatte, ist heute nichts Besonderes mehr: Der Wechsel von Anwalts- auf Mandantenseite und auch umgekehrt. Und auch Auszeiten sind dabei nichts Ungewöhnliches mehr: Christina Mann (35), seit Oktober 2017 M&A-Counsel in der Rechtsabteilung von Schaeffler, hatte ihre Karriere 2012 bei Willkie Farr & Gallagher begonnen. Sie sagt: „Man muss die Entscheidungen treffen, wie man sie in dem Moment für richtig hält. Dann wird alles gut.“ Deshalb nahm sich Mann nach ihrem Ausstieg bei Willkie auch eine Auszeit von vier Monaten in Südostasien. „Ich habe in Sumatra auf dem Boden gecampt und mich im Dschungelwasser gewaschen. Das erdet. Und es ist eine Erfahrung, die ich nie missen möchte“.

„Es ist wichtig, sich immer wieder zu vergegenwärtigen, dass es ein Leben außerhalb des Büros gibt“, meint auch Schäfer. „Wenn man das nicht macht, macht man etwas falsch.“ Dass dies viele Associates von heute bereits verinnerlicht haben, zeigt sich darin, dass immer weniger von ihnen das Ziel haben, Partner zu werden. Das war früher anders. „Damals wollten fast alle Associates Partner werden“, erinnert sich Brock. Auch die Partnerernennung lief damals anders ab, es gab weniger formale Prozesse. „Die Partner saßen zusammen und haben einfach diskutiert, ob sie jemanden in den Partnerkreis aufnehmen wollen“, erzählt Schäfer. „Das war einerseits angenehm und unbürokratisch; andererseits führte es natürlich dazu, dass sich Seilschaften bilden konnten.“

Daniel Hahn

Daniel Hahn

Bei ihren Prognosen für die kommenden 20 Jahre sind sich die Generationen einig: Die Digitalisierung ist unaufhaltsam. Christina Mann hat aber noch einen anderen Punkt im Blick: „Ich bin optimistisch, dass das Verhältnis von Männern und Frauen 50:50 sein wird. Die Vorstellung von der Rabenmutter wird verschwinden, und es wird immer mehr akzeptiert werden, dass Frauen mehr verdienen als Männer“. (Aled Griffiths, Christin Stender)

Welche Schlüsselmomente in den vergangenen 20 Jahren die Entwicklung des deutschen Rechtsmarktes geprägt haben, und wie sich die Welt der Wirtschaftsjuristen seither verändert hat, lesen Sie in der aktuellen JUVE-Jubiläumsausgabe:
20 Jahre JUVE. Was war. Was bleibt. Was kommt.