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19.02.2018

Arbeitszeiten: Knapp elf Stunden täglich sind für Associates normal

Das durchschnittliche Arbeitspensum der Vollzeit-Associates in Wirtschaftskanzleien ist im vergangenen Jahr nahezu konstant geblieben. Laut azur-Associate-Umfrage 2017 arbeiteten die Anwälte im Schnitt 54 Stunden pro Woche, marginal weniger als 2016 (54,1 Wochenstunden). Sie kommen durchschnittlich auf 10-12 Arbeitsstunden pro Tag. Um die Arbeitslast erträglicher zu machen, setzen immer mehr Kanzleien auf technische Hilfsmittel.

Nachdem seit Herbst 2016 zahlreiche Wirtschaftskanzleien die Associate-Gehälter kräftig angehoben hatten, rechneten manche Beobachter damit, dass längere Arbeitszeiten die Folge sein würden. Für den Markt insgesamt hat sich diese Befürchtung nicht bewahrheitet, wie die neueste azur-Associate-Umfrage zeigt. Von einer gestiegenen Arbeitslast berichten nur die Umfrage-Teilnehmer aus Inhouse-Abteilungen: Dort waren demnach zuletzt 47,1 Wochenstunden üblich, im Jahr zuvor waren es noch 45,6 Stunden. An der Umfrage nahmen zwischen Mai und Juli 2017 insgesamt 3.000 junge Juristen aus Kanzleien, Rechtsabteilungen, Behörden, Beratungsgesellschaften und Verbänden teil.

Erste Kanzlei führt Panik-Button ein

Wie die azur-Umfrage zeigt, gibt es allerdings nach wie vor massive Unterschiede bei der Auslastung. So arbeiteten etwa die Umfrageteilnehmer, die zu M&A-Transaktionen beraten, im Durchschnitt fast fünf Wochenstunden mehr als beispielsweise ihre Kollegen aus den IT-Praxen. Auch innerhalb ein- und desselben Fachbereichs schwankt das Arbeitspensum in vielen Sozietäten von Team zu Team. Immer mehr Kanzleien versuchen darum, eine gleichmäßigere Auslastung zu gewährleisten, indem einzelne Partner oder Support-Mitarbeiter als ‚Zuteilungsmanager‘ agieren und die anfallende Arbeit mindestens im Wochenturnus individuell zuordnen.

Einige Praxen setzen zur Ressourcensteuerung zunehmend technische Mittel ein. Schon seit mehreren Jahren misst etwa Gleiss Lutz die Auslastung der Corporate-Teams mit einem Ampelsystem, in dem die Anwälte ihre aktuelle Auslastung farblich kennzeichnen. Die Arbeitsrechtsboutique Pusch Wahlig startete zuletzt ein ähnliches System, zu dem zusätzlich ein ‚Panic Button‘ gehört: Bei absehbarer Überlastung können die Anwälte per Knopfdruck Verstärkung anfordern. Der Notruf wird umgehend an alle Kollegen verschickt, die dann gemeinsam für Abhilfe sorgen. Nach Angaben der Kanzlei wurde der im Dezember 2017 freigeschaltete Notrufknopf bisher zwei Mal genutzt.

40-Stunden-Woche als Alternative

Andere Kanzleien bieten inzwischen grundsätzlich anders angelegte Alternativen zur klassischen Anwaltskarriere an. Bei Baker & McKenzie, Linklaters und McDermott Will & Emery etwa können Associates fest begrenzte Arbeitszeiten, etwa eine 40-Stunden-Woche, mit pünktlichem Feierabend vereinbaren. Voraussetzung ist, dass sie bereit sind, auf einen bedeutenden Teil des Gehalts zu verzichten und eingeschränkte Aufstiegschancen zu akzeptieren. Im Gegensatz zu klassischen Teilzeitmodellen ist dieser alternative Karriereweg als eigenständige Parallellösung gedacht. (Norbert Parzinger)