Magazin-Artikel
10.11.2017 | Autor/in: Anika Verfürth
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Ob du wirklich richtig stehst: Juristenkarriere und politische Einstellung

AZ02/17

Ein Beitrag aus azur 2/2017.

Schwarz oder gelb. Rot oder grün. Politische Farben gibt es viele. Aber das Interesse des Mandanten steht immer an erster Stelle. Doch was passiert, wenn der eine schwarz und der andere grün denkt? Und welche Rolle spielt die ­politische Einstellung eines Juristen wirklich?

Von Anika Verfürth

Links ein Solarzellenmodul. Auf der Fensterbank ein kleines Windradmodell. Gegenüber ein Zeitschriftenaufsteller mit Umwelt- und Energie­magazinen. Es sieht so aus, als würden in diesem Meetingraum Ingenieure den nächsten Windkraftpark oder eine Photovoltaikanlage planen. Über Erneuerbare-Energie-Konzepte wird tatsächlich viel diskutiert. Allerdings reden hier keine Ingenieure, sondern Anwälte. „Grüne Energie hat Recht“, steht groß auf der Startseite der Kanzleiwebsite. Eine Aussage, die höchst politisch ist und sich auch auf einem Wahlplakat gut macht. Doch wie viel ­politischen Beigeschmack verträgt der Auftritt einer Kanzlei? Gibt es eine Grenze, ab der sich der Zugang zu bestimmten Mandanten verschließt?

Der Meetingraum mit Solarzelle und Miniwindrad ist das Zentrum der Kanzlei von Bredow Valentin Herz (vBVH) in Berlin-Mitte. Doch entgegen der grün anmutenden Aussage auf der Homepage betont Dr. Steffen Herz: „Parteipolitisch sind wir neutral.“ Allerdings – und darauf legt er ebenfalls Wert – wollen sie mit ihrer Arbeit die Energiewende unterstützen und voranbringen. Der 37-Jährige ist seit 2015 Partner der Kanzlei, in der mittlerweile acht Anwälte tätig sind.

Erneuerbare Energien

Er zählt ebenso zum Gründungsteam aus dem Jahr 2012 wie die beiden anderen Namens­partner Dr. Hartwig von Bredow und Dr. Florian Valentin. Das Kanzleiziel war schon damals klar formuliert: Rechtsberatung rund um erneuerbare Energien anbieten. Selbst politisch aktiv, etwa in einer Partei, ist Herz nicht.

Herz_Steffen

Politisch neutral: Steffen Herz berät viel zu erneuerbaren Energien. Ein grünes Parteibuch hat er nicht.

Mit Fragen zum Energie-, Klimaschutz- und Umweltrecht hingegen beschäftigte er sich schon während seiner Promotion. Dass dies eine gute Voraussetzung für eine erfolgreiche Bewerbung bei der spezialisierten Kanzlei ist, verrät ein Blick auf die Stellenanzeigen von vBVH, die Interesse an politischen Entwicklungen und eine Spezialisierung im Recht der erneuerbaren Energien fordern. Doch das erfüllen viele Bewerber, stellt Herz fest: „Wer in der jüngeren Generation findet heutzutage erneuerbare Energien schon schlecht?“

Zum Thema mit Breitenwirkung entwickelte sich nachhaltige Energieerzeugung nicht erst in den vergangenen Jahren und auch nicht nur unter Nachwuchsanwälten. Seit der Atomausstieg beschlossene Sache ist, ist die umweltfreundliche Energieerzeugung kein Thema mehr, mit dem sich nur ein kleiner Personenkreis beschäftigt. Die Politik reguliert das mittlerweile riesige Wirtschaftsfeld stetig mit neuen Gesetzen und befeuert somit die Arbeit der Energierechtler.

„Schon in Brokdorf demonstriert“

Doch es gibt Vorreiter, die sich schon lange, bevor überhaupt nur die Rede von einem Atomausstieg war, auf Umweltrecht fokussierten. „Mein Freund Siederer und ich haben schon 1977 in Brokdorf demonstriert“, erzählt Hartmut Gaßner aus seiner Jugend von den Protesten gegen den Bau des Kernkraftwerks in Schleswig-Holstein. Der 61-Jährige ist Gründungspartner der auf Umweltrecht spezialisierten Kanzlei Gaßner Groth Siederer & Coll (GGSC). Noch als Referendare starteten Gaßner und Wolfgang Siederer 1986 mit der Vision, eine Kanzlei mit Fokus auf umweltrechtliche Themen aufzubauen. „Schon damals sahen wir uns der Umwelt verpflichtet. Bis man allerdings eine gänzlich auf Umweltrecht spezialisierte Kanzlei wird, ist es ein langer Weg“, sagt Gaßner. Heute berät die Kanzlei neben Umwelt-, auch im Bau-, Planungs- und Abfallwirtschaftsrecht.

Dabei ordnet sie sich genau wie vBVH ausdrücklich keiner bestimmten politischen Ausrichtung zu. Allerdings ist in diesen Bereichen häufig automatisch eine gewisse politische Färbung vorhanden – und die Anwälte von GGSC stehen in der Regel auf einer bestimmten Seite: der der öffentlichen Hand. Sie beraten zahlreiche Kommunen und Ministerien. „Umwelt, Nachhaltigkeit und das Gemeinwohl. Diese Dinge stehen über unserer Arbeit, lassen sich aber nicht einem konkreten Parteiprogramm zuordnen“, betont Gaßner. Dabei seien ihre Mandanten etwa in der Kommunalwirtschaft frei von einer konkreten parteipolitischen Zuordnung. „Wir werden durch alle Parteien hinweg mandatiert. Unser Engagement ist hier kommunal orientiert“, ergänzt er.

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