Magazin-Artikel
10.11.2017 | Autor/in: Konstanze Richter

Nur geträumt: Teilzeitmodelle für Associates und für Partner?

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Im Gegensatz zum Transaktionsgeschäft fällt eine konkrete Arbeitszeitplanung im Prozessrecht zwar häufig leichter, weil Termine zur mündlichen Verhandlung und für die Abgabe von Schriftsätzen im Vorfeld feststehen. Pauschalisieren kann man aber auch hier nicht. „Schiedsverfahren beispielsweise können für den Mandanten von großer Bedeutung sein. Da ist es verständlich, wenn Vorstände selbst abends nach 20 Uhr von ihrem Prozessbevollmächtigten eine Rückmeldung erwarten“, erzählt Raue-Partnerin ­Feißel.

Hidalgo_Martina

Flexibilität durch reduzierte Arbeitszeit: CMS-Partnerin Martina Hidalgo hat früher, als ihre zwei Kinder klein waren, 65 Prozent gearbeitet. Heute sind es rund 80 Prozent.

CMS-Arbeitsrechtlerin Hidalgo profitiert hingegen durchaus davon, dass sie viel mit Gewerkschaften und Betriebsräten zu tun hat. „In den Schulferien sind dort viele Entscheider in Urlaub, so dass ich mit meiner Familie normalerweise ebenfalls in Ruhe wegfahren kann.“ Was allerdings nicht bedeutet, dass nicht auch sie ihre Arbeitszeit im Notfall nach den Bedürfnissen des Mandanten ausrichtet.

Aus Partnersicht ein Spagat

Die Vereinbarkeit von Karriere und Familie bleibt also für die Equity-Partner ein Spagat. Während die Kanzleien für ihre Associates bereits verschiedene Konzepte und Programme zur Teilzeit oder alternative Arbeitsmodelle entwickelt haben (▷Liegen lernen, S.90), hapert es vielfach noch an der Akzeptanz, wenn ein Anwalt, der gleichzeitig unternehmerische Verantwortung trägt, die Arbeitszeit reduzieren will.

„Es nutzt den Wirtschaftskanzleien nichts, wenn sie nach außen groß mit Konzepten werben, die nach innen nicht gelebt werden“, warnt Oppenhoff-Partnerin Schilling. Denn wo Partner nicht mit gutem Beispiel vorangeht, trauen sich auch Associates nicht, entsprechende Möglichkeiten in Anspruch zu nehmen. Die Folge: Viele von ihnen entscheiden sich mittlerweile gegen den Partnertrack oder schlagen die Inhousekarriere ein, in der Hoffnung, so wenigstens noch einen Hauch von Work-Life-Balance erhalten zu können. „Es besteht die Gefahr, dass sich vor ­allem junge Frauen aus der Kanzlei verabschieden, wenn sie Familie wollen“, so Schilling. Eine fatale Entwicklung, findet auch Feißel: „Mehr als 50 Prozent der Absolventen am Markt, die ein Doppel-Prädikat haben, sind weiblich. Wir möchten dieses Potenzial nicht ignorieren.“

Um auch in Zukunft gute Juristen in die Partnerriege zu locken, müssen sich die Kanzleien bewegen. Glaubt man den Beteuerungen, tun sie das bereits. Bei Hengeler Mueller beschloss die Partnerversammlung erstmals 2008, Teilzeit auf höchster Partnerebene möglich zu machen. Zuletzt kündigte Beiten Burkhardt im Herbst 2016 an, Teilzeit auch für Equity-Partner anzubieten und CMS hat zu Anfang 2017 mit Dr. Christiane Kappes eine Vollpartnerin in Teilzeit ernannt, die im Umwelt- und Planungsrecht tätig ist.

Mickrige Zahl

„Dass eine Frau in Teilzeit arbeitet und trotzdem Equity-Partnerin wird, wäre früher nicht vorstellbar gewesen“, sagt Hidalgo. Trotz aller positiven Beispiele bleibt der Anteil an Vollpartnern, die ihre Arbeitszeit reduzieren, aber seit Jahren auf konstant niedrigem ­Niveau. Zwar erreicht er in ­einigen Kanzleien durchaus ordentliche Wert von 20 Prozent oder mehr. Da es sich dabei aber meist um Sozietäten mit kleinerer Partnerriege handelt, bleibt die tatsächliche Anzahl der Vollpartner mit reduzierter Arbeitszeit eher mickrig.

Bisher wurde das Thema vor allem von Frauen vorangetrieben, doch mehr und mehr ­wollen auch werdende Väter an der Teilzeit partizipieren. „Für sie ist die Hemmschwelle noch höher, da es noch weniger Vorreiter gibt als bei den Frauen“, sagt Schilling. Das glaubt auch Kolberg: „In der Anwaltswelt herrscht nach wie vor ein sehr konservatives Denken.“

Impulse könnten also eher von außen kommen: Wer internationale Unternehmen berät, trifft häufiger auf mehr Verständnis für den Spagat zwischen Familie und Beruf. Firmen sowie Kanzleien in den USA und Großbritannien beispielsweise gehen häufig viel selbstverständlicher mit dem Thema Teilzeit und flexible Arbeitseinteilung um. Sie sind nicht die einzigen. „Die Skandinavier sind den Deutschen weit voraus – sowohl was die Möglichkeiten, die Arbeitszeit zu reduzieren, als auch die Gleichberechtigung von Mann und Frau in der Kindererziehung angeht“, erläutert Kolberg. Der in Kiel ansässige Anwalt betreut viele Mandanten aus Nordeuropa. Dass seine Teilzeit im Partnerkreis problemlos akzeptiert wurde, führt er ebenfalls zum Teil darauf zurück, dass zwei der drei Senior-Partner von Cornelius + Krage in Skandinavien studiert und längere Zeit dort gelebt haben.

Und so langsam tut sich auch in deutschen Rechtsabteilungen und Führungsetagen etwas. Vor allem in großen Konzernen wird Teilzeit selbst auf der Führungsebene immer mehr zum Thema – bei männlichen wie weiblichen Mitarbeitern. Und häufig ist eine Anfrage nicht wirklich so dringend, dass sie noch spät abends beantwortet werden muss. „Nicht alle Probleme müssen sofort gelöst werden“, weiß Raue-Partnerin Feißel aus Erfahrung. Da dürfe man durchaus mal nachfragen, wie eilig eine Sache tatsächlich sei. „In vielen Fällen reicht es, wenn ich den Mandanten oder auch Kollegen ein Zeichen gebe, dass ich ihre Mail gesehen habe und mich darum kümmere.“

In der Flexibilitätsfalle

Doch in einem Punkt bleiben sich auch Teilzeitpartner einig: Wenn die Hütte brennt, kann auf reduzierte Arbeitszeiten keine Rücksicht genommen werden. Damit scheint allerdings keiner der interviewten Anwälte ein ernsthaftes Problem zu haben. Im Gegenteil: Die meisten sehen den Vorteil ihrer Arbeitszeitmodelle weniger in der tatsächlich geringeren Anzahl der Stunden als in der gewonnenen zeitlichen Flexibilität. Jeder von ihnen arbeitet bei Bedarf aus dem Homeoffice – beispielsweise wenn die Kinder krank sind. Aber das birgt die Gefahr, dass die tatsächliche Arbeitszeit häufig doch wieder 100 Prozent erreicht.

Trotzdem verzichten die Teilzeitpartner lieber auf einen Teil ihres Verdienstes. Je nach System werden die Prozentsätze, die sie offiziell weniger arbeiten, von ihrer Gewinnbeteiligung abgezogen. Andere nehmen, wie Hengeler Mueller-Partnerin Sailer-Coceani, weniger Mandate an. „Ich verzichte auf 25 Prozent meines Gewinnanteils, auch wenn ich oft mehr als 75 Prozent meiner ­früheren Vollzeitstelle erfülle“, sagt Kolberg. „Mein Umsatz ist jedoch in den vergangenen Jahren ­keinesfalls gesunken, sondern überproportional zur Teilzeit gestiegen.“ CMS-Partnerin Hidalgo bringt die vorherrschende Einstellung auf den Punkt: „Dass ich das Büro früher verlassen kann, ohne das schlechte Gewissen, anderen auf der Tasche zu ­liegen, ist mir mehr wert als Geld.“ <<<

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