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10.11.2017 | Autor/in: Eva Flick
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Liegen lernen: Großkanzlei ohne Überstunden – kann das sein?

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Mandanten gegenüber sei es normalerweise gar nicht nötig, das Thema überhaupt anzuschneiden. In Deutschland ist die Kommunikation in seiner regulären Arbeitszeit sowieso kein Problem, wenn es Mandanten von der Ostküste der USA sind, ebenfalls nicht. „Bei Mandanten von der US-Westküste ist es mit der Zeitverschiebung schon schwieriger, aber das kriegt man auch hin“, erzählt Scheck. Auf längere Sicht kann er bei Baker zum Counsel aufsteigen. Um Partner zu werden, müsste er auf den regulären Track wechseln. Aber ob er das eines Tages tun wird, weiß er noch nicht. Inzwischen hat er zwei Töchter und die festen ­Arbeitszeiten kommen ihm immer noch zupass.

Keine Zwei-Klassen-Gesellschaft

Dazu trägt auch bei, dass die Zusammenarbeit mit den Kollegen genauso gut funktioniert wie früher. „Natürlich hatte ich Bedenken, auf ein Gleis abgestellt zu sein“, beschreibt er seine Zweifel. Aber das hat sich nicht bestätigt. Im Gegenteil. Die Reaktionen, die ihm entgegenschlugen, war kein ‚Wie kannst Du nur?‘, sondern vielmehr ein ‚Hätte ich genauso gemacht‘. Eine Zwei-Klassen-Gesellschaft unter den Associates – ebenfalls ein Argument, das Kritiker immer wieder gerne anführen – kann er nicht feststellen.

Scheck_Matthias

Auf die Prioritäten kommt es an: Bei Baker & McKenzie arbeitet Matthias Scheck bereits seit drei Jahren auf dem ‚Alternative Track‘.

Bei Pionier Baker & McKenzie konnte sich das Modell trotzdem noch nicht großflächiger durchsetzen: Von den im August 109 Associates in den deutschen Büros arbeiten sieben Associates auf dem alternativen Track, wobei vier von ihnen, wie Matthias Scheck, darauf gewechselt sind und drei sich von Anfang an dafür bewarben. Immerhin hat Baker damit ein Modell erschaffen, das bis zu dem Zeitpunkt bei Großkanzleien als undenkbar galt. „Auch wir hätten das schon vor drei oder vier Jahren einführen können“, gibt Teigelkötter von McDermott zu. Aber die Branche sei eben nicht die schnellste. Er fügt hinzu – und das dürfte der springende Punkt sein: „Dafür musste auch erst ein Umdenken bei manchem Partner stattfinden.“

Das stellte Nicola von Tschirnhaus bei Link­laters vor einigen Jahren ebenfalls fest. „Die Idee dazu ist bei uns über einen längeren Zeitraum gereift“, berichtet sie. Sie vergleicht das mit dem Bedürfnis nach Teilzeit oder der Elternzeit für Väter. „Das hatte vor fünf Jahren auch noch Seltenheitswert“, meint sie. Zumindest die ersten Zahlen der Initiative sind vielversprechend. Die Yourlinks sind bei Linklaters seit dem 1. August am Start – und zwar quer durch die Praxisgruppen: im Kartellrecht genauso wie im Steuerrecht, im Immobilienrecht und im TMT. Und eben Justus Jobski im Gesellschaftsrecht und M&A. In Summe waren es bis zum Redaktionsschluss vier Männer und eine Frau, die direkt auf Grundlage dieses Modells bei Linklaters einstiegen. Ein weiterer Anwalt, der jetzt noch als klassischer Associate unterwegs ist, möchte wechseln.

Suche nach Hochqualifizierten

Warum die Yourlinks sich für diesen Weg entschieden haben, ist unterschiedlich, spielt am Ende – so betont es von Tschirnhaus – aber keine Rolle. Die kritischen Stimmen werden spätestens dann verstummen, wenn die Rechnung aufgeht: Wenn nämlich die hochqualifizierten Associates bei Link­laters anfangen, die sich sonst wegen der ­Arbeitszeiten nie beworben hätten.

Außerdem könnte auch noch das passieren, was die Befürworter der alternativen Arbeitszeitmodelle prognostizieren: „Wer erst einmal bei ­einem richtig interessanten Mandat dabei ist, der will doch sowieso nicht pünktlich nach Hause ­gehen. Der will dabei bleiben und wird früher oder später auf einen klassischen Vertrag wechseln wollen.“

Im Falle von Justus Jobski könnten diese ­Befürworter durchaus richtig liegen. „Ich studiere noch BWL“, erzählt er. Vollzeit. Eigentlich hatte er sich darauf eingestellt, maximal als wissenschaftlicher Mitarbeiter nebenher arbeiten zu können. Wie nach seinem Ersten Staatsexamen, als er ­bereits bei Freshfields Bruckhaus Deringer war. „Umso glücklicher bin ich jetzt über diese ­Möglichkeit. Das kam für mich genau zur ­richtigen Zeit.“ Drei BWL-Semester hat er schon im Kasten, noch weitere drei Semester braucht er bis zum Bachelor. Eines steht für ihn aber jetzt schon fest: „Anschließend bin ich komplett ­verfügbar.“ <<<

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