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10.11.2017 | Autor/in: Eva Flick
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Liegen lernen: Großkanzlei ohne Überstunden – kann das sein?

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Eine gewagte Ansage, bei der mancher Arbeitsrechtler schon die Aufsichtsbehörden vor der Tür stehen sieht. Schließlich trete man mit der Aussage an die Öffentlichkeit, dass die Kanzlei mit einem Modell wirbt, das für 40 Stunden ein Drittel weniger bezahlt als üblich, eine Art Teilzeit also. Da könne sich jeder mit einfachem Dreisatz ausrechnen, wie viele Stunden ein klassischer Associate im Einsatz ist.

Modell mit fixen Stunden

Wenn Volker Teigelkötter, Partner im Arbeitsrecht bei McDermott Will & Emery, dieses Argument hört, wird er energisch. „Das ist komplett falsch“, sagt der 49-Jährige mit Nachdruck. Seine Kanzlei bietet seit diesem Jahr ebenfalls ein Arbeitsmodell mit fixer Stundenzahl an. Zwischen 35 und 38,5 Stunden können Associates, ähnlich wie bei Linklaters, vertraglich verein­baren. Das Gehalt liegt zwischen 68.000 und 75.000 Euro pro Jahr, während Associates mit klassischen Verträgen zwischen 115.000 und 125.000 Euro pro Jahr kassieren.

Teigelkötter_Volker

Zwei Vollzeit-Varianten: Volker Teigelkötter, Partner bei McDermott Will & Emery, widerspricht energisch, wenn das neue Arbeitsmodell der Kanzlei als Teilzeitprogramm titutliert wird.

„Das ist aber keine Teilzeit“, betont Teigelkötter. „Wir bieten zwei Vollzeit-Arbeitsverhältnisse an.“ Das eine ist klassisch und basiert auf einer Vertrauensarbeitszeit, für die selbstverständlich ebenfalls das Arbeitszeitgesetz gelte, nach dem jeder Arbeitnehmer von montags bis samstags bis zu zehn Stunden arbeiten darf. Im neuen Modell dagegen wird innerhalb festgelegter Zeiten gearbeitet. „Natürlich wollen wir attraktiver sein als der öffentliche Dienst und bezahlen entsprechend mehr“, erklärt Teigelkötter. „Aber wir bezahlen keine Flexibilität, die das klassische Modell voraussetzt und letztlich finanziell honoriert.“

Stundenzahl ist in Stein gemeißelt

Wie bei Linklaters soll auch bei McDermott die geleistete Wochenstundenzahl in Stein gemeißelt sein. Im M&A stellt sich Teigelkötter eine Art Schichtbetrieb vor. Dass die Hälfte der Associates eines Teams mit festen Arbeitszeiten ausgestattet ist, hält er durchaus für organisierbar. In der Praxis bewiesen hat es sich aber noch nicht. Am 1. Oktober begann die erste Associate im Arbeitsrecht mit diesem für die Kanzlei neuen Stundenmodell. „In der arbeitsrechtlichen Praxis ist eine gewisse Planbarkeit durchaus gegeben“, betont er. Seiner Meinung nach spräche doch nichts dagegen, dass ein Associate eben keine zehn Dinge am Tag erledige, sondern nur fünf. Ein Mandant müsse im Idealfall gar nicht bemerken, dass jemand nicht rund um die Uhr verfügbar sei. Im Wesentlichen sei das vor allem Organisationsaufwand.

Wie man den in der Praxis hinkriegen kann, zeigt Dr. Matthias Scheck. Er ist Associate der ersten Stunde auf dem sogenannten ‚Alternative Track‘ bei Baker & McKenzie, der diesen Sommer bereits seit drei Jahren bestand. Der heute 35-Jährige stieg im Juni 2012 bei Baker in der IT-Praxis ein. Damals noch – wie alle – mit einem klassischen Vertrag in der Tasche. Ins Grübeln kam er erst, als im Frühjahr 2014 seine Tochter auf die Welt kam und er feststellen musste, dass Kanzlei- und Familienleben nicht immer leicht unter einen Hut zu bringen sind.

„Volles Spektrum an Mandanten“

Als Baker nahezu zeitgleich den Alternative Track aus der Taufe hob, war Scheck schnell überzeugt von dem Modell und wechselte den Vertrag. Überzeugt davon ist er bis heute. „Von der eigent­lichen Arbeit her merke ich keinen großen Unterschied“, betont er. „Mir war es wichtig, dass ich weiter das volle Spektrum an Mandanten bearbeite.“ Das ist ihm gelungen, auch, weil er seine Arbeit anders organisiert als früher. Es sei eine Frage der Prioritäten. „Ich muss mich fragen, welche Deadline realistisch ist, ich muss Erwartungen steuern.“

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