Magazin-Artikel
10.11.2017 | Autor/in: Aled Griffiths

JUVE Insider: In die Isolation – ein Lagebericht zum Brexit

Die britischen Anwälte hoffen auf einen weichen Brexit. Kommt der nicht, wird es ungemütlich. Ein Lagebericht aus London.

Von Aled Griffiths

Einen gewissen Optimismus spürt man in London immer noch: „Die meisten Leute denken, dass man nach dem Brexit irgendwie einen Weg finden wird, wie die Geschäfte hier weiter fortgeführt werden“, sagt ein Partner einer UK-Kanzlei. „Aber es herrscht eine große Unsicherheit, ob wichtige Akteure im Londoner Finanzmarkt bleiben werden.“ Ob diese Sorgen gemildert werden können, hängt davon ab, wie der Brexit ablaufen wird.

Die Euphorie der Austrittsbefürworter führte zu Fantasien über einen harten Brexit, der den Einmischungen der EU ein rasches Ende bereiten würde. Aber im Laufe des vergangenen Jahres wurde immer klarer, dass das Entflechten einer 40-jährigen Gemeinschaft hochkomplex ist und nicht Monate, sondern Jahre dauern wird. Diese Ungewissheit ist für britische Kanzleien eine Bedrohung. Ihre Wettbewerber in Deutschland, Paris, Dublin oder Amsterdam könnten jedoch davon profitieren.

Banken planen für 2019

Chancen ergeben sich etwa, wenn Banken, die derzeit das Geschäft der Londoner Kanzleien treiben, ihr operatives Geschäft und Personal in einen der verbleibenden 27 EU-Staaten verlagern, um in der EU weiterarbeiten zu können. „Die meisten Banken befinden sich derzeit bereits in der Planung für das Geschäftsjahr 2019“, sagt Linklaters-Partner Ulrich Wolff. „Es ist eine sehr lange Vorlaufzeit notwendig, damit die Umsiedlung der betroffenen Geschäfsfelder problemlos ­vonstattengeht. Das heißt, Banken müssen jetzt – lange bevor die Verhandlungsergebnisse zwischen der EU und Großbritannien feststehen – die Entscheidung treffen, welche Geschäftsbereiche und Mitarbeiter London verlassen müssen.“

Wolff bleibt aber optimistisch: „Nach der Brexit-Abstimmung hat der Löwe laut gebrüllt. Aber ich glaube, am Ende des Prozesses kann eine Vereinbarung stehen, die der mit der Schweiz ähnelt.“

Wer profitiert?

Je länger allerdings die Ungewissheit anhält, desto mehr profitieren die Rechtsmärkte in den verbleibenden EU-Staaten. Die Frage ist: Welcher Standort wird den größten Vorteil für sich ziehen? Ersten Anzeichen zufolge sollte die Umsiedlung von Londoner Bankenmitarbeitern Frankfurt am meisten zugutekommen. Die Mainmetropole hat vor allem die örtliche Nähe zur Europäischen Zentralbank zu bieten sowie mit der BaFin eine anerkannte Regulierungsbehörde. Allerdings werden sich die Finanzinstitute bei ihrer Standortwahl nicht allein mit regulatorischen Aspekten beschäftigen. Die Stärke des Londoner Markts basierte stets auf einer kritischen Masse an Bankern, Private-Equity-Spezialisten, Anwälten und IT-Fachleuten, die es aus der ganzen Welt in die Stadt an der Themse zog. Ihre Zusammenarbeit wurde auch durch eine unternehmerische Justiz geprägt, die es im Laufe der Jahre als ihre Aufgabe verstand, sich für London als weltweites Zentrum der Streitbeilegung einzusetzen. Ein Vorteil, der auch nach dem Brexit weiter für London sprechen könnte.

Und die Banken werden auch darauf schauen, wo sie schon Ressourcen haben: Die HSBC hat sich zum Beispiel für Paris entschieden. Für manch eine amerikanische Bank könnte es aufgrund der Sprachproblematik interessant sein, einige Mitarbeiter nach Dublin umzusiedeln „Doch die Erfahrungen, die andere US-Konzerne mit der Umsiedlung von Mitarbeitern aus steuerlichen Gründen nach Irland gemacht haben, waren keine besonders guten“, sagt ein Londoner Anwalt.

Frankfurt mit Vorteilen

Allem Anschein nach werden Frankfurt und Paris den Kampf um die Gunst der Banken unter sich ausmachen. Dr. Robin Fritz, Managing-Partner bei FPS Fritze Wicke Seelig, der bekannt dafür ist, in Frankfurt gute Kontakte zu politischen Kreisen und Führungskräften in Behörden zu haben, zeigt sich besonders optimistisch, was die Perspektiven für die hessische Landeshauptstadt angeht: „Ich glaube, dass Frankfurt stark profitieren wird.“ Er weist außerdem auf die zentrale Lage Frankfurts hin wie auch auf die beträchtlichen logistischen Vorteile des Standorts: „Wo sonst können Sie in 20 Minuten von der Innenstadt am internationalen Flughafen sein?“

Zudem verfügt Frankfurt über einige Infrastrukturvorteile, die weniger bekannt sind. Es wurden erhebliche Investitionen in Datennetzwerke und die dafür nötigen Versorgungsquellen gemacht. „Der digitale Hub ist der größte Europas“, sagt Fritz, „und die Kapazität für Rechenzentren sucht in Europa ihresgleichen. Vor allem gibt es ausreichende, sichere und hochqualitative Stromkapazität, die für alle Finanzdienstleister essenziell sind.“

London bleibt attraktiv

Doch auch London hat etwas zu bieten. Die Führungskräfte in Banken sind zwar „nicht unbedingt wegen der Arbeit an London gekettet“, so ein City-Anwalt. „Man darf aber nicht vergessen, dass es oft einen Lebenspartner gibt, der auch arbeitet. Dann geht es darum, wo beide einen Job finden können.“

Und die Attraktivität von London liegt nicht allein am Arbeitsplatzfaktor. Unter denjenigen, die hier die Heimat ihrer beruflichen Zukunft sehen, herrscht eine bemerkenswerte Unlust, die Stadt zu verlassen, die sie als weltoffenste und kulturell interessanteste Metropole Europas wahrnehmen. Sich all diese Vorzüge und kulturellen Bezugspunkte in einer anderen Stadt Europas wieder aufzubauen, ist eine Aufgabe, die Jahre dauert.

Viele Anwälte in London bleiben derzeit im Wartemodus, da auch sie kaum abschätzen können, welche Auswirkungen der Brexit für sie hat. Falls es zu einer geordneten Abspaltung mit langer Übergangsphase und daraufhin zu einer Beziehung zu der EU ähnlich wie der Norwegens kommt, sieht Linklaters-Partner Wolff kaum Gefahr für die Londoner Anwälte: „Dann ändert sich wenig an den Kanzleistrukturen oder der Rollenverteilung innerhalb internationaler Sozietäten. Englisches Recht bleibt attraktiv und die Stellung Londons als erstrangiger Finanzplatz und Litigation-Standort bleibt fast unberührt.“

Rechtsform als Thema

Sollte Großbritannien allerdings den europäischen Binnenmarkt verlassen, kommen auf Kanzleien sowie Anwaltskammern in der gesamten EU viele Probleme zu: Wie werden britische LLPs dann in der EU reguliert? Was passiert mit den britischen Anwälten in der EU und umgekehrt? Wo gibt es ein Rechtsberatungsmonopol, wo nicht? Und wie wird die Tätigkeit derjenigen Anwälte reguliert, die Partner einer internationalen Sozietät sind, die aber für ein bestimmtes Mandat oder eine Transaktion nach Frankfurt oder Paris einfliegen?

Auf kurze Sicht dürfte sich allerdings die unvermeidbare Talfahrt des englischen Pfunds für die Anwälte am unmittelbarsten auswirken. Verglichen mit dem US-Dollar ist das Pfund um 12 Prozent gefallen, gegenüber dem Euro sogar um 14 Prozent. Das erschwert den britischen Kanzleien zunehmend die Rekrutierung von Quereinsteigern.

Langfristig werden die Herausforderungen, die der Brexit an die Struktur internationaler Sozietäten stellt, die Partnerkultur auf eine harte Probe stellen. Schon in der Beratung von Mandanten nach dem ­Bekanntwerden der Brexit-Abstimmung wurden die sehr unterschiedlichen Sichtweisen von britischen und kontinentaleuropäischen Anwälten deutlich. „Die natürliche Reaktion der Londoner Anwälte war zunächst, Dublin vorzuschlagen, während deutsche Anwälte dazu tendierten, über die künftige Rolle der EZB zu sprechen, sowie die Vorteile der Nähe zu den dortigen Entscheidungsträgern“, sagt ein Partner.

Die Gefahr, dass britische Anwälte in den kommenden Jahren nicht ausreichend ausgelastet sein werden, besteht kaum. Wahrscheinlich ist eher, dass sich die Praxis junger M&A-Anwälte in den nächsten Jahren stark wandeln wird. Die Nachfrage der Mandanten in Gebieten wie dem internationalen Handelsrecht, Zollrecht und in der Regulierungs­beratung abseits der Transaktionsarbeit ist bereits in die Höhe geschnellt. „Wir haben schon Corporate-Associates umgeschult“, sagt der Partner einer führenden Londoner Kanzlei. „Sie werden die nächsten Jahre im Bereich Bankenaufsichtsrecht verbringen.“ <<<

In dieser Rubrik erläutern Autoren der JUVE-Redaktion aktuelle Themen aus dem Anwaltsmarkt. Aled Griffiths ist Chefredakteur des JUVE-Verlags.