Magazin-Artikel
08.11.2017 | Autor/in: Konstanze Richter

Jenseits von Oxbridge: Zum LL.M.-Studium nach Großbritannien

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Kern des Studiums sind Seminare in kleinen Gruppen. Unter Leitung eines Tutors werden hier rechtliche Themen diskutiert. Die Betreuung ist sehr persönlich, der Professor mehr ein Moderator der Seminare. Balsam für die an überfüllte Hörsäle und Frontalunterricht gewöhnten Deutschen, die vor allem auch den lockeren Umgang zwischen Lehrpersonal und Studenten positiv bewerten. Gleichzeitig verlangt das System den Studenten aber auch eine größere Eigeninitiative ab. Denn die Tutorials machen nur einen kleinen Teil des wöchentlichen Arbeitspensums aus. „Dafür bekommen die Studenten eine lange Leseliste, die sie abarbeiten müssen“, erzählt Markenrechtlerin Wagner.

Dahlgaard_Jana

Deutschstunde: Jana Dahlgaard, Graf von West­phalen, finanzierte ihr Studium mit Sprachunterricht.

Hinzu kommen Aufgaben wie Essays, Präsentationen oder Gruppenprojekte, die bis zum nächsten Treffen vorbereitet und dann besprochen werden. „Auf den ersten Blick sah der Stundenplan nicht nach viel Arbeit aus. Aber wer sich reinkniet, der ist ganz schön beschäftigt“, erinnert sich Dahlgaard. Am Ende steht die Master-Arbeit. „Das ist echtes wissenschaftliches Arbeiten und eine Herausforderung“, so die GvW-Anwältin. Doch wer in Deutschland die erste juristische Prüfung hinter sich hat, den kann der das nicht mehr schrecken: „Im Vergleich zum deutschen Staatsexamen ist der Master ein Kinderspiel“, sagt Feldhaus.

Vielfältige Spezialisierungen

Die Inhalte der Seminare sind so vielfältig wie die angebotenen Fachrichtungen. Von A wie Administrative Law bis T wie Trusts – alleine die Juristische Fakultät der Oxford University listet 59 mögliche Rechtsgebiete, an der Edinburgh University können Juristen unter mehr als 70 Kursen, unterteilt in zehn Fachbereichen wie Strafrecht, Öffentliches Recht, Europa- oder Handelsrecht wählen. Wer als Anwalt in Deutschland arbeiten will, wird die rechtlichen Inhalte nur begrenzt in der beruflichen Praxis umsetzen können. Dafür unterscheiden sich das deutsche und britische Rechtssystem zu sehr. Lediglich die Inhalte zum internationalen und EU-Recht lassen sich für die Arbeit in Deutschland nutzen. Trotzdem lohnt es, sich Gedanken zu machen, welches Fach für die spätere Karriere von Vorteil sein könnte.

So entschied sich Medienrechtlerin Wagner gezielt für den LL.M. in Intellectual Property and Digital Economy. „Schon im Referendariat habe ich mein Interesse für IP entdeckt“, sagt die Anwältin, die die Zusatzqualifikation nach dem Zweiten Staatsexamen kurz vor dem Einstieg in den Berufsalltag erwarb. „Da Markenrecht in ­Europa harmonisiert ist, kann ich die in Schottland gelernten Inhalte durchaus anwenden.“

Auch Feldhaus, der bereits im Studium einen Schwerpunkt auf Unternehmensrecht gelegt hatte, wählte mit Commercial Law ein verwandtes Thema. Das kommt bei Kanzleien gut an: „Eine Art roten Faden im Lebenslauf fällt positiv auf“, sagt Graf von Westphalen-Recruiter Niestedt. „Das zeigt schließlich das Interesse an einem bestimmten Fachthema. Ausschlaggebend sind letztendlich aber die Sprachkenntnisse und Auslandserfahrungen.“ Seine Kollegin Dahlgard entschied sich jedenfalls dafür, ihrer Neigung zu folgen. Zwar absolvierte sie ihren LL.M. in International Trade Law, die Masterarbeit aber schrieb sie in ,International Financial Crime‘. „Da hat sich meine frühere Vorliebe für Strafrecht durchgesetzt“, sagt sie. Ein bisschen Spaß soll ein Auslandsjahr ja auch bringen.

Brexit wirft seine Schatten voraus

Ein Spaß, der seinen Preis hat – auch jenseits der Eliteuniversitäten Oxford und Cambridge. Je nach Hochschule kann der LL.M. in Großbritannien zwischen 4.500 und 21.500 GBP (rund 5.000 und 23.500 Euro) kosten. Noch. Denn bisher zahlen EU-Ausländer die sogenannten „home fees“ und damit genauso viel wie Briten, wohingegen die Gebühren für Studenten aus Nicht-EU-Ländern um ein Vielfaches höher liegen. Ähnlich verfahren die irischen Hochschulen. Als das Trinity College in Dublin 2010 bestimmte, dass künftig 15 Prozent aller Studienplätze an Studenten aus dem außereuropäischen Ausland vergeben werden, vermuteten Kritiker vor allem finanzielle Gründe hinter der Entscheidung. Dem Vernehmen nach zogen Universitäten im Vereinigten Königreich mit eigenen Quoten nach und beschränkten damit gleichzeitig die Plätze für Studenten aus dem EU-Ausland.

Offiziell bestätigt ist dieses Vorgehen jedoch nicht. „Sollte es eine Quote geben, so wird sie an den einzelnen Universitäten und gegebenenfalls auch in den Fachbereichen unterschiedlich ausfallen“, kommentierte der DAAD. Und vonseiten der HESA heißt es: „Uns ist nichts von einer derartigen Quote bekannt. Diese könnte schließlich als ungesetzlich und diskriminierend eingestuft werden.“ Ob Quote oder nicht: Der Anteil der Postgraduierten aus Drittländern stieg in allen Studienfächern laut HESA seit 2007/08 um über 37 Prozent. Der Anteil der Studenten aus dem EU-Ausland wuchs im gleichen Zeitraum nur um etwas mehr als 17 Prozent. Nach einem Brexit drohen ihnen nun Studiengebühren, wie sie derzeit ihre asiatischen, amerikanischen oder afrikanischen Kommilitonen zahlen.

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