Magazin-Artikel
08.11.2017 | Autor/in: Konstanze Richter

Jenseits von Oxbridge: Zum LL.M.-Studium nach Großbritannien

AZ02/17

Ein Beitrag aus azur 2/2017.

Ein LL.M. im Juristen-Lebenslauf wird von deutschen Wirtschaftskanzleien gerne gesehen. Vor allem auf die fundierten ­Englischkenntnisse kommt es ­ihnen dabei an. So liegt es für viele Jurastudenten nahe, ­diese Zusatzqualifikation in Groß­britannien zu erwerben. Doch was bringt der Magister im Arbeitsleben?

Von Konstanze Richter

Wer an ein Studium im Vereinigten Königreich denkt, denkt automatisch an Oxford oder Cambridge. Traditionsreich, tough und teuer. Doch auch jenseits der Eliteuniversitäten können deutsche Jurastudenten eine Menge lernen. Allen voran die notwendigen Englischkenntnisse erwerben, an denen – egal ob in der Rechtsabteilung eines Konzerns, in deutschen oder internationalen, kleinen, mittleren oder großen Kanzleien – heute kein Wirtschaftsanwalt mehr vorbei kommt. „Rund die Hälfte meiner Arbeit läuft auf Englisch“, sagt Dr. Heiner Feldhaus. Der 33-Jährige berät bei DLA Piper in Köln viele internationale Mandanten aus der Immobilienbranche. Noch ausgeprägter ist der Bedarf bei Kristina Wagner von Harmsen Utescher in Hamburg. Die 30-Jährige arbeitet vor allem im Marken- und Wettbewerbsrecht. „Durch die vielen Kontakte mit ausländischen Unternehmen arbeite ich bis zu 70 Prozent in englischer Sprache.“ Beide ­Associates haben einen LL.M. erworben.

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Heiner Feldhaus, DLA Piper

Die Qualifikation gilt vielen Kanzleien als Nachweis für fundierte Sprachkenntnisse – vor allem, wenn sie im angloamerikanischen Sprachraum erworben wurde. Kein Wunder also, dass von den rund 150 Jurastudenten, die sich pro Jahr beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) um eine Förderung ihres LL.M. bewerben, etwa 70 nach Großbritannien und 70 in die USA streben.

So entschied sich auch Feldhaus 2010 für das Zusatzstudium in Edinburgh – und damit bewusst gegen Frankreich, wo er bereits im Rahmen des Erasmus-Programms ein Jahr verbracht hatte. „Englisch ist im juristischen Alltag einfach viel wichtiger und das Studium in Großbritannien vermittelt ein gutes Grundverständnis sowohl für die juristische als auch die Alltagssprache.“ Zwar werden die Inhalte des LL.M. auch anderwo auf Englisch gelehrt. „Dort kann man aber nicht immer davon ausgehen, dass die Sprache auch im privaten Umfeld gleichermaßen intensiv genutzt wird“, so Marian Niestedt, ­Recruiting Partner bei Graf von Westphalen (GvW).

Multikulti an den Universitäten

Englisch im Alltag ist aber selbst an englischen Hochschulen nicht immer selbstverständlich. Die Universitäten in Großbritannien ziehen Studenten aus der ganzen Welt an. Von den insgesamt 13.230 Postgraduierten, die der Higher Education Statistics Agency (HESA) zufolge im akademischen Jahr 2015/16 an den juristischen Fakultäten des Landes eingeschrieben waren, stammten mehr als die Hälfte nicht von den britischen Inseln. Der größte Anteil der ausländischen Studenten kommt aus sogenannten Drittländern außerhalb der EU wie China und Indien, gefolgt von den USA. Unter den EU-Ausländern stammen die meisten aus Deutschland.

Da muss man nach Einheimischen schon mal gezielt suchen. „An der Uni habe ich verhältnismäßig wenig mit Engländern oder Schotten zu tun gehabt“, erzählt IP-Rechtlerin Wagner, die ihren LL.M. 2014/15 in Glasgow absolvierte. Ähnliche Erfahrungen machte Jana Dahlgaard 2010/11 an der University of the West of England (UWE) in Bristol: „Wegen einer damals bestehenden Zusammenarbeit mit der WWU Münster studierten hier regelmäßig auch deutsche Juristen“, sagt die Anwältin für Handels- und Gesellschaftsrecht bei Graf von Westphalen.

Bewusst mied die heute 31-Jährige deshalb die von der Universität angebotenen Unterkünfte. „Dort läuft man Gefahr, dass man wieder nur mit anderen deutschen Studenten zusammen wohnt.“ Diese Erfahrung hatte sie bereits während eines Erasmus-Semesters in Sheffield gemacht. „Das fördert natürlich nicht die Sprachkenntnisse.“ So suchte sie sich auf eigene Faust privat eine Unterkunft und landete in einer WG – mit zwei Litauern.

Persönliche Betreuung

Doch der LL.M. in England bietet weit mehr als Sprachkenntnisse. „Das Studium ist völlig anders aufgebaut als in Deutschland“, erläutert Dahl­gaard. „Steht an deutschen Universitäten die konkrete Falllösung im Mittelpunkt, pflegen englische Hochschulen einen wissenschaftlicheren Ansatz mit Rechtsfragen, die auch losgelöst von konkreten Sachverhalten besprochen werden.“

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