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08.11.2017

Großes oder kleines Ö: Die vielfältigen Arbeitgeber im Öffentlichen Recht

AZ02/17

Ein Beitrag aus azur 2/2017.

Öffentliches Recht gleich Öffentlicher Dienst – so denken viele junge Juristen. Doch auch in Kanzleien können sie öffentlich-rechtlich tätig sein. Egal ob Großkanzlei, mittelständische Einheit oder spezialisierte Boutique: Spannende Fälle haben sie alle zu bieten. Entscheidend für Einsteiger ist eher, in welcher Art von Kanzlei sie arbeiten möchten.

Von Laura Bartels

„Wenn Du als Öffentlichrechtler Due Diligences machst, hast Du was falsch gemacht.“ Diesen gut gemeinten Rat gab ein Juraabsolvent kürzlich ­seinen Kollegen in einem Internetforum, in dem sich Rechtsreferendare über Erfahrungen mit ­potenziellen Arbeitgebern austauschen. Due ­Diligence, also die Risikoprüfung eines Käufers im Vorfeld einer Transaktion, sei so etwas wie Panini-Album kleben für Juristen, fügte er erklärend hinzu. Soll heißen: Das kann quasi jeder.

Dr. Markus Appel würde ihm da wahrscheinlich widersprechen. Denn er ist Öffentlichrechtler und regelmäßig in Risikoprüfungen im Zuge von Unternehmens-, Immobilien- oder Windparkkäufen eingebunden. Und das hat so gar nichts mit kleinen Sammelbildchen für Fußballer zu tun, sondern ist hoch anspruchsvoll. „Gerade bei An- und Verkäufen von Industrieunternehmen oder Finanzierungen von Projekten spielen umwelt- und genehmigungsrechtliche Themen häufig eine zentrale Rolle. Würden wir Öffentlichrechtler da nicht ganz genau hinschauen, könnte das für den Mandanten, aber auch für die Kanzlei ernsthafte Konsequenzen nach sich ziehen“, sagt er. Die „Kanzlei“ ist in seinem Fall die internationale Sozietät Linklaters. Dort arbeitet Appel seit Ende 2010, zunächst als Counsel, mittlerweile ist er Partner und verantwortlich für das Umwelt- und Planungsrecht.

Regulierung ist Kerngeschäft

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Mehr als nur Assistent der M&A-Praxis: Bei Linklaters betreut Markus Appel mit seinem Team aktuell eines der größten planungsrechtlichen Mandate in Deutschland.

Internationalen Großkanzleien wie der seinen wird häufig nachgesagt, das Öffentliche Recht habe keinen besonders hohen Stellenwert innerhalb der Gesamtkanzlei. Es handele sich um ein Rechtsgebiet, das primär zur Unterstützung der umsatzstarken Transaktionspraxen wie M&A, Private Equity und teilweise auch Immobilien vorgehalten werde. Dementsprechend verbrächten junge Anwälte auch den Großteil ihrer Zeit im Datenraum, um die öffentlich-rechtlichen Aspekte der Deals abzuklopfen – ähnlich wie ihre Kollegen im M&A-Bereich. Auch hier legt Appel sein Veto ein. „Originäres öffentlich-rechtliches Geschäft ist für uns sehr wichtig, um unseren Mandanten glaubhaft darlegen zu können, dass wir uns mit bestimmten Spezialthemen aus­kennen und ihnen diesbezüglich weiterhelfen können“, sagt er.

Im Gegensatz zu kleinen und mittelständischen Einheiten müssen die Öffentlichrechtler in einer Großkanzlei aber schon darauf achten, welche Art von originärem Geschäft sie bearbeiten. Denn mit Blick auf die Profitabilitätsanforderungen in ihren Kanzleien können sie sich nicht erlauben, Bebauungsplanverfahren am laufenden Band zu bearbeiten oder Städte und Gemeinden bei der Ansiedlung von Shoppingcentern zu beraten. Dabei handelt es sich nicht um minderwertige Arbeit, aber in gewisser Weise um Standardgeschäft, das nicht zwingend hochkomplexe Rechtsfragen von grundsätzlicher Bedeutung aufwirft. Und dementsprechend kann ein Anwalt dafür auch keine besonders hohen Stundensätze verlangen.

Wesentliche Rolle in Transaktionen

Die öffentlich-rechtliche Unterstützung bei Transaktionen ist deshalb, allen Unkenrufe zum Trotz, tatsächlich sehr wichtig. Denn die sind unbestritten das Kerngeschäft von international tätigen Großkanzleien wie Linklaters, Freshfields Bruckhaus Deringer oder Hengeler Mueller. Doch sind die Umwelt- und Planungsrechtler eben nicht bloße Zulieferer. „Bei vielen unserer Mandanten spielen umweltrechtliche Themen im Zuge einer Transaktion eine ganz wesentliche Rolle“, sagt Appel. Nicht selten halten nämlich gerade die Umweltrechtler den „Dealbreaker“ in der Hand, also den Aspekt, der über Zustandekommen oder Scheitern einer Transaktion ­entscheidet. Oft drehe es dabei zum Beispiel um Altlasten, erklärt Appel.

Jenseits des Transaktionsgeschäfts geht es aber nicht nur um Kleinkram. Im Gegenteil: Bankenkrise, Energiewende und zuletzt der Dieselskandal haben dafür gesorgt, dass Regulierungsfragen im deutschen Wirtschaftsrecht eine immer zen­tralere Rolle spielen. Regulierung ist das Kerngeschäft eines Öffentlichrechtlers. Entscheidend für deren Tätigkeit in Großkanzleien ist, dass sie sich mit den anderen Praxisgruppen vernetzen und das Beratungsangebot an den entsprechenden Schnittstellen ergänzen können. Eine Entwicklung, die auch jungen Anwälten zugute kommt, findet Dr. Jacob von Andreae, Partner in der deutschen Großkanzlei Gleiss Lutz (siehe Porträt: Der Vernetzte). „An den deutschen Universitäten bekommen junge Juristen eine tolle Generalistenausbildung, die sie zu Allroundern macht. Das kommt der Tätigkeit eines Öffentlichrechtlers, der einen Blick für Schnittstellen und Verknüpfungen haben sollte, zugute“, sagt er.

Einigen Kanzleien ist es bereits gut gelungen, andere sind noch dabei, ihre öffentlich-rechtliche Beratung neu zu strukturieren. Der Dieselskandal und seine Folgen zeigen, welche Kanzlei den Weg erfolgreich gegangen ist. VW selbst setzt auf ein interdisziplinäres Team von Freshfields Bruckhaus Deringer, für dessen regulatorische Kompetenz Dr. Benedikt Wolfers (siehe Porträt: Qualität hat seinen Preis) verantwortlich ist. Er hat die Zeichen der Zeit früh erkannt und seine Beratung entsprechend der Mandantenbedürfnisse weiterentwickelt.

Entwicklungspotenzial strategisch erkannt

Im Umkehrschluss heißt das aber nicht, dass rein öffentlich-rechtliche Mandate für Großkanzleien per se unattraktiv sind. Linklaters-Partner Appel berät seit 2013 Tennet TSO, einen von vier Übertragungsnetzbetreibern in Deutschland, die für den Ausbau der Stromautobahnen sorgen. Die Suedlink-Trasse ist eine der geplanten Höchstspannungsleitungen von Nord- nach Süddeutschland. Sie ist Teil des Bundesbedarfsplangesetzes, das die Grundlage für den bundesweiten Netzausbauplan zur Energiewende bildet. Solche Mandate waren Teil seiner Strategie, die er nach seinem Wechsel 2010 von Freshfields entwickelte, um die kleine umwelt- und planungsrechtliche Praxis bei Linklaters auszubauen. „Ich habe drei bis vier Themen identifiziert, bei denen ich Entwicklungspotenzial sah und in denen man potenzielle Mandanten ansprechen könnte, die für Linklaters interessant sein könnten“, erklärt er. Eines davon war der Netzausbau, und mit Tennet konnte er ein Mandat an Land ziehen, das die Umwelt- und Planungsrechtler noch bis mindestens 2025 beschäftigen wird. Denn so lange wird der Bau der Trassen voraussichtlich dauern.

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