Magazin-Artikel
08.11.2017 | Autor/in: Laura Bartels

Examen to go: Nur wenige lernen mit einer App

AZ02/17

Ein Beitrag aus azur 2/2017.

Ein Leben ohne Smartphone: Für viele heutzutage der blanke Horror. Doch warum das Handy nicht auch zum Lernen nutzen? Die Mehrheit der jungen Juristen hält ­davon bisher nicht viel. Nur wenige nutzen die vorhandenen digitalen Angebote zur Vorbereitung aufs Examen.

Von Laura Bartels

Wie lerne ich am besten fürs Examen? Eine Frage, die wohl jedem Jurastudenten schlaflose Nächte bereitet. Auch Thomas Kahn hat 2011 lange sinniert, wie er die Erste Staatsprüfung angehen soll. „Kommerzielles Repetitorium ja oder nein“, ist meist die erste Entscheidung, die die Studenten treffen müssen. Kahn entschied sich nicht nur gegen ein Rep, sondern auch gegen Lernmaterial in Papierform. Zwar beschloss auch er, den Lernstoff auf den bei Juristen so beliebten Karteikarten festzuhalten.

Doch statt in mühevoller Kleinarbeit Karteikarten mit Definitionen und Meinungsstreits vollzuschreiben, wählte er die digitale Variante. Das war zwar auch jede Menge Arbeit, hatte aber auch Vorteile. Denn verwendet hat er dafür ‚Anki‘, ein sogenanntes Space-Repetition-Programm. Dabei handelt es sich um ein Karteikartenprogramm, das Informationen in regelmäßigen Zeitabständen immer wieder abfragt. „Die regelmäßige Wiederholung der Lerninhalte ist essenziel“, sagt Kahn. Dafür sollten Nutzer jeden Tag eine gewisse Zeit einplanen.

Grundlagen in die digitale Kartei

Kahn_Thomas

Digital zum Erfolg: Thomas Kahn hat sich auf beide Staatsexamina mithilfe eines sogenannten Space-Repetition-Programms vorbereitet.

Bei der Auswahl der Lerninhalte hat er sich – im bewussten Kontrast zu vielen Lehrbüchern – nicht auf Sonderprobleme versteift, sondern den Fokus auf die Basics wie Definitionen und die Gesetzessystematik gelegt. „Es ist quasi unmöglich, den gesamten Lernstoff im Kopf zu behalten. Aber hinter all den Sonderproblemen stehen in der Regel dieselben Grundstrukturen“, sagt der 29-Jährige. „Wer das Basiswissen sicher beherrscht, kommt auch mit unbekannten Konstellationen zurecht.“

Mit diesem juristischen Grundwissen hat er Anki bestückt und zur eigenen Examensvorbereitung genutzt. Mission geglückt, könnte man ­sagen: Kahn hat das Erste Examen mit einem „gut“ bestanden. Logisch, dass er die „Basiskarten“, wie er sein Produkt genannt hat, auch für die Vorbereitung auf die Zweite Staatsprüfung nutzte. Als sich seine Lernmethode unter Studienkollegen herumsprach, beschloss er, die Basiskarten auch anderen angehenden Juristen zur Verfügung zu stellen und vertreibt sie seitdem über seine Website.

Und so funktioniert‘s: Die Jura Basiskarten gibt es für Straf-, Zivil- und Öffentliches Recht. Das Prinzip ist simpel: Eine Karte fragt nur wenige Informationen ab, sodass das Wissen in kleine Portionen aufgeteilt wird. Ein Beispiel aus dem allgemeinen Zivilrecht – erste Frage: „Wie wirkt eine Anfechtung?“, zweite Frage: „Wo ist das gesetzlich geregelt?“, dritte Frage: „Wo könnte es in einer Klausur abgefragt werden?“ Nach diesem Schema behandeln die Karten den gesamten Stoff.

Das Programm stellt die Fragen

Wann der Nutzer eine Frage erneut vorgelegt bekommt, entscheidet das Programm. „Nach der Beantwortung jeder Frage gibt man eine Einschätzung ab, wie leicht oder schwer die Beantwortung war. Anhand dieser Einschätzung berechnet der Algorithmus, wann das Programm die Frage erneut stellt“, erklärt Kahn. Fragen, deren Beantwortung der Nutzer eher als schwierig empfand, muss er schneller wieder beantworten als solche, die er als einfach eingestuft hat. In der Regel wachsen die Abfrageintervalle dann exponentiell.

Ein Vorteil des Programms ist, dass Nutzer gar nicht erst der Versuchung widerstehen müssen, Fragen, deren Beantwortung leicht fällt, häufiger zu wiederholen. Dieser Ansicht ist auch Prof. Dr. Lutz Lammers (39), Juniorprofessor für Öffentliches Recht und Steuerrecht an der Universität Potsdam. „Der Vorteil von elektronischen Systemen liegt darin, dass sie die Wiederholung strukturieren und die Möglichkeit zur Selbsttäuschung minimieren“, sagt er. „Die Karteikarten, die der Nutzer noch nicht verinnerlicht hat, muss er häufiger wiederholen als die Karteikarten, die er schon beherrscht. Das Lernen bleibt daher anstrengend und wird damit erfolgreicher.“

Ein bisschen Prüfungsstress

Er befürwortet den Einsatz elektronischer Hilfsmittel beim Lernen. „Die elektronische Variante schafft ein technisches Abbild einer Prüfungssituation: Der Nutzer wird mit Inhalten konfrontiert, die er nicht beeinflussen kann und die ihn maximal fordern“, sagt Lammers. Seinen Beobachtungen zufolge nutzen bisher aber nur wenige Studenten digitale Lerntools. Viele greifen nach wie vor zum klassischen Lehrbuch oder anderen Unterlagen im Papierformat. Allerdings glaubt er zu beobachten, dass die Nutzungsintensität von E-Learning-Angeboten mit dem Fortschritt in der Ausbildung zunimmt. Online-Repetitorien zum Beispiel seien daher bei Referendaren bekannter als bei Studenten.

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