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10.11.2017

Aus der Vogelperspektive: Neue Berufe durch Digitalisierung in Kanzleien

AZ02/17

Ein Beitrag aus azur 2/2017.

Die Zeiten, in denen ein guter Ruf und hohe juristische Qualität automatisch Mandate in die Kanzleien spülten, sind endgültig vorbei. Mandate sind heute zu Projekten geworden, die es zu managen gilt. Das schafft Platz für neue Berufe: Es schlägt die Stunde der Projektmanager und Strategieexperten.

Von Eva Lienemann

Mindestens einmal pro Woche ist Marie Bernard (34), Dentons, bei einem Rechtsabteilungsleiter zu Gast. Dann hört sie sich dessen Zukunftssorgen an. Wie können Mandate effizient bearbeitet werden? Was bedeutet die Digitalisierung für meine Arbeit? Arne Gärtner (31), Linklaters, schickt täglich To-do-Listen an Anwälte, die an einem großen Mandat mitarbeiten. Hariolf Wenzler (49), Baker & McKenzie, sucht eine Antwort auf die Frage, wie man Mandate über den reinen Schriftsatz hinaus weiterentwickelt und stärker visualisieren kann.

Blick von außen

Dies alles sind keine Aufgaben für Anwälte, und deshalb werden sie auch nicht von Anwälten erledigt: Bernard, Gärtner und Wenzler sind Wirtschaftswissenschaftler. Sie nennen sich Innovation oder Strategy Officer und sind die Neuen in der Kanzlei, die einen unbefangenen Blick von außen auf das Beratungsgeschäft mitbringen sollen. „Wir halten Anwälten den Rücken frei, damit sie ihre eigentliche juristische Arbeit machen können.“ So sieht es Baker & McKenzie-Chefstratege Wenzler. Die neuen Kollegen verdanken ihre Jobs der Erkenntnis, dass juristische Beratung ein in seine einzelnen Bestandteile ­zerlegbarer Prozess ist, an dem auch andere Disziplinen mitarbeiten können. Optimierung der ­juristischen Beratung durch betriebswissenschaftliche Methoden – das kommt einem Kulturwandel in Kanzleien gleich.

Wenzler_Hariolf

Setzt auf Visualisierung: Hariolf Wenzler, Chief Strategy Officer von Baker & McKenzie, gestaltet Präsentationen mit Videos.

Die neuen Berufe sind allerdings keine ganz neue Erfindung, sondern kommen derzeit mit einigen Jahren Verspätung im deutschen Rechtsmarkt an. Bislang ist die Szene in Deutschland noch überschaubar, doch dass sich das ändern wird, ist wohl nur eine Frage der Zeit. Treiber dieser Entwicklung ist, wenig überraschend, zum einen die Digitalisierung der Branche, zum anderen der Kostendruck seitens der Mandanten. Vorreiter bei diesem Modell sind Sozietäten mit internationaler Anbindung, wie Dentons, Link­laters oder Baker & McKenzie. Sie haben oft Kollegen in den US-Büros oder in London, von denen sie lernen können.

Strategien für die Zukunft zu entwickeln, das war einst eine Aufgabe, die Partner innerhalb der Kanzlei lösen sollten. Nun scheint sich mehr und mehr die Erkenntnis durchzusetzen, dass es für Strategie und Innovation nicht ausschließlich ­Juristen braucht. Viel eher sind Marketing- und Managementkenntnisse, wie sie Bernard, Gärtner oder Wenzler besitzen, gepaart mit einer guten Kenntnis der Branche, von Vorteil. Einige der neuen Strategen sollen nichts weniger leisten, als die Kanzlei dank einer innovativen Strategie in die digitale Zukunft zu führen. Bei anderen ist der Job bodenständiger definiert, weil sie vor allem als Legal Project Manager darauf achten sollen, dass die Kosten bei einem Mandat nicht aus dem Ruder laufen.

Hoher Bedarf an Experten

Dies ist vor allem Arne Gärtners Aufgabe bei Linklaters. Die Hälfte seiner Arbeitszeit verbringt der Diplom-Kaufmann mit der Arbeit an großen Transaktionen und Verfahren. „Es geht dabei um Projektmanagement und Prozessoptimierung“, sagt er, „auch um das Automatisieren von Abläufen. Aber nicht nur im Sinne von Legal Tech, dem Einsatz digitaler Technik in der Rechtsberatung. Manchmal hilft auch eine Excel-Anwendung.“

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Arne Gärtner, Linklaters

In der Kanzlei hat er viele Freiheiten, die für die Branche völlig neuen Strategien zum Projektmanagement auszuprobieren. Und er ist nicht der einzige. Seit Dezember hat Linklaters allein drei neue Stellen in diesem Bereich besetzt, eine weitere für Legal Tech Manager ist noch ausgeschrieben. Infrage kommen dabei in erster Linie Wirtschaftswissenschaftler, aber auch Diplomjuristen.

Gärtners Arbeitsauftrag ist sehr konkret, er lautet: Spare Beraterstunden bei gleichbleibend hoher Qualität ein. Was Gärtners Projekt­management bringt, erzählt er anhand des Beispiels eines großen Compliance-Mandats. Erstmals tauchte dort auf der Rechnung an die Mandanten der Posten „Projektmanagement“ auf. Sowohl die anwaltliche Arbeit als auch Gärtners Leistung werden nach Stunden abgerechnet, allerdings zu unterschiedlichen Sätzen. 200 Stunden arbeitete Gärtner, 2.000 Stunden die Anwälte. „Wir haben für einen Teilbereich des Projekts nur Drittel der Zeit im Vergleich zu früher gebraucht“, sagt Gärtner. „Die Ersparnis für den Mandanten betrug insgesamt 70.000 Euro.“

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