Magazin-Artikel
27.10.2017 | Autor/in: Eva Flick

Once in a Lifetime: Andrea von Drygalski im Porträt

AZ02/17

Ein Beitrag aus azur 2/2017.

Private Equity ist Männersache. Andrea von Drygalski hat das nie gestört. Wie kaum eine andere prägt sie den Münchner ­Private-Equity-Markt. Nur eine Sache versteht die Pöllath-Partnerin nicht: Warum wollen so wenige Frauen in dieses ­spannende Umfeld?

Von Eva Flick

Wenn Dr. Andrea von Drygalski übers Alter spricht, dann nicht über ihr eigenes, sondern über das ihrer Mandanten. Wer 50 wird, gilt in der überaus jungen Private-Equity-Szene als eine Art Methusalem, hört auf, genießt sein Geld oder fängt noch einmal etwas ganz anderes an. Andrea von Drygalski wird nächstes Jahr 60. Zeit aufzuhören?

Auf keinen Fall. Nur eine natürliche Grenze sieht sie: Wenn die Mandanten sagen würden, dass sie mit einer Oma nicht mehr arbeiten wollen. Das passiert aber nicht. Wer über sie spricht, hat vor allem eines: Respekt. „Sie ist die Grande Dame“, meint der eine, „sie hält alles zusammen“, der andere. „Ich habe Bauchgefühl“, sagt sie selbst, „oder besser gesagt: Erfahrung“.

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Andrea von Drygalski, P+P Pöllath + Partners

Kaum jemand hat mehr davon. Vor 30 Jahren gründete sie gemeinsam mit Prof. Dr. Reinhard Pöllath die Kanzlei P+P Pöllath + Partners. Anfangs auf Steuerrecht fokussiert, gewannen die Anwälte schnell Private-Equity-Mandanten. Heute steht die gebürtige Münchnerin an der Seite von namhaften Investoren und berät sie vor allem bei Transaktionen. Von Drygalski führte die Verhandlungen, als der Investor Barclays den Outdoor-Ausrüster Jack Wolfskin verkaufte und den Callcenter-Dienstleister ADM erwarb. Ein ebenso namhaftes Haus ist Equistone.

„Wahnsinn! Da muss ich hin.“

Ihr Weg zur Anwältin verlief keineswegs geradeaus. Sie studierte Jura in München und Passau und absolvierte eine fachspezifische Fremdsprachenausbildung in Englisch, Französisch und Italienisch. Das war es aber auch mit der Internationalität. Von Drygalski studierte weder im Ausland, noch erwarb sie einen LL.M, sondern stieg nach ihrem Studium als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Deutschen Bundestag ein.

Doch der Wunsch, ihre Fremdsprachen einzusetzen, blieb. Der Wendepunkt war eine Stellenanzeige, in einem deutschen Magazin, auf Englisch. „Wahnsinn! Dachte ich“, erinnert sie sich und streicht sich ihre kurzen blonden Haare zurück, die ein wenig so aussehen, als säße sie im Gegenwind. „Da muss ich hin“, war ihr spontaner Impuls. Sie bewarb sich und wurde Associate von Reinhard Pöllath, damals noch unter der Flagge der Steuerrechtskanzlei Rädler Raupach & Partner.

Kanzleigründung für mehr Freiheit

Einige Jahre später ließen sie und ihr Mentor die Großkanzlei hinter sich, um etwas Eigenes zu machen. Ihr Wunsch: mehr Freiheit. „Wir waren alle sehr liberal damals“, betont sie. Am Ende vielleicht zu liberal für eine große Einheit. Bei P+P Pöllath + Partners war das Korsett weniger eng geschnürt. Das begann schon damit, dass die Kanzlei von Anfang an drei Standorte unterhielt. Neben München auch Berlin und Frankfurt. Aber nicht aus strategischen Gründen, sondern weil die entsprechenden Gründungspartner dort ihren Lebensmittelpunkt und schlicht keine Lust hatten, umzuziehen. Über die Jahre erweiterte sich die Mandatsstruktur der Kanzlei. Vermögende Privatkunden kamen beispielsweise hinzu, genauso wie Immobilientransaktionen.

Auch die Private-Equity-Szene hat sich spürbar verändert. Das illustriert schon die Länge der Verträge. Diese hätten früher oft nur etwas mehr als 20 Seiten umfasst, erzählt von Drygalski. „Da stand aber alles drin.“ Heute sind es oft 50 bis 80 Seiten. Alles auf Englisch, sehr angelsächsisch geprägt. „Jeder meint, er kann das“, fügt sie hinzu, und was sie damit noch sagen will, steht ihr ins Gesicht und in die blauen Augen geschrieben.

Allerdings habe man mittlerweile oft mehr Zeit als früher, als Nachtschichten fast zum Alltag gehörten. Auch jetzt muss zwar mitunter alles fix gehen, aber nicht immer. „Ob der Vertrag in sechs oder acht Wochen steht, ist häufig nicht entscheidend“, meint sie. „Alle kennen sich, alle kennen die wichtigen Klauseln. Dann gibt es noch zwei Verhandlungen und fertig.“ Schade eigentlich, denn die Streitkultur fehlt ihr mitunter.

Karrierechance für Frauen

Und mehr weibliche Kollegen hätte sie auch gerne, obwohl sie es gewohnt ist, fast immer die einzige Frau in der Runde zu sein. Gerade angesichts der vielen Männer mit ihrem überbordenden Selbstbewusstsein hätten Frauen nämlich hervorragende Karriereaussichten, betont sie. „Frauen denken anders, und gemischte Teams sind immer am besten.“ Wenn Frauen am Tisch säßen, so bestätigen es ihr Mandanten, sei die Atmosphäre gleich lockerer. Doch signifikant getan hat sich an der Frauenquote nichts.

Dafür gibt es immer wieder neue Schwerpunkte. Zuletzt beschäftigte von Drygalski sich besonders mit dem Protektionismus. Wollen ausländische Investoren in kritische Industrien investieren, brauchen sie die Zustimmung des Bundeswirtschaftsministeriums. „Hier ist noch Musik drin“, meint sie. Allerdings ist das nicht vergleichbar mit der Situation direkt nach der Wende 1989, als sie nach Berlin ging, um dort die Privatisierung des DDR-Vermögens mithilfe der Treuhand auf die Beine zu stellen. „Das war ein rechtsfreier Raum damals“, erinnert sie sich, „ohne ausgetretene Pfade.“ Und damit voll nach ihrem Geschmack. Fünf Jahre später kehrte sie zurück nach München, das Thema Privatisierung war durch. Eine einmalig spannende Zeit, und eine Gelegenheit, die so nie wieder kommen wird. „Once in a lifetime“, wie sie es selbst zusammenfasst. <<<