Magazin-Artikel
27.10.2017 | Autor/in: Christin Nünemann

„Nah dran am operativen Geschäft“: Interview mit dem Chefjuristen von ProSiebenSat.1

< Zurück zum Interview Seite 1

azur: Welche Anforderungen haben Sie an ­Juristen, die sich schwerpunktmäßig mit der neuen digitalen Sparte des Konzerns beschäftigen wollen?

Alexander von Voß: Wer bei uns im Bereich E-Commerce arbeiten möchte, sollte eine Affinität zu diesen Geschäftsmodellen mitbringen. Im Idealfall hat der Bewerber selbst schon einmal in einem Start-up gearbeitet oder weist ein Netzwerk in der digitalen Gründerszene auf. Auf jeden Fall muss er offen sein für diese dynamische Industrie, die von der stetigen Veränderung lebt.

Sie verlangen viel von Ihren Mitarbeitern. Was bieten Sie ihnen im Gegenzug?

Gerade erst haben wir die Entwicklungsmöglichkeiten in der Rechtsabteilung neu aufgestellt. Wir haben einen fairen, systematischen und transparenten Karriereweg namens ‚Fachkarriere Legal Counsel‘ für den gesamten Bereich eingeführt. Zudem haben wir eine neue Position geschaffen: den Legal Director.

Was zeichnet den Legal Director aus?

Die Position des Legal Directors stellt eine gleichwertige Alternative zur Führungskräfte-Laufbahn in der Rechtsabteilung dar. Der Legal ­Director besitzt eine besondere fachliche Fähigkeit und trägt als Top-Experte die Verantwortung für einen bestimmten Fachbereich. Das kann zum Beispiel Datenschutz oder Lizenzrecht sein. Allerdings hat er keine disziplinarische Verantwortung, was ihn von der klassischen Führungskraft unterscheidet.

Wonach wird entschieden, welchem Mitarbeiter welche Position zusteht?

Wir entscheiden anhand klarer Kriterien. Dafür haben wir genau überlegt, welche fachlichen und persönlichen Voraussetzungen die Juristen für die einzelnen Karrierestufen mitbringen müssen und welche Weiterbildungsmöglichkeiten geeignet wären. Wir haben also einen sehr genauen Kriterienkatalog entwickelt und diesen in ein Konzept übertragen, mit dem wir jeden Mitarbeiter einstufen können. Was uns hierbei wichtig ist: Wir sind gegenüber unseren Mitarbeitern völlig transparent und offen.

Wie werden die Mitarbeiter konkret ­gefördert?

Jede einzelne Stufe der Fachkarriere bietet einen eigenen Entwicklungsplan. Einmal im Jahr setzen wir uns mit dem Mitarbeiter zusammen und besprechen, welche Voraussetzungen der Kollege für den nächsten Karriereschritt mitbringen muss. Wir klären aber auch, wie wir ihn dabei ganz konkret unterstützen können. Wir bieten etwa zahlreiche Weiterbildungsmöglichkeiten zum Thema Präsentations- und Kommunikationstechnik in unserer ProSiebenSat.1 Academy an. Hier lernen die Kollegen beispielsweise, wie sie komplexe Sachverhalte in verständlicher Art und Weise ausdrücken können.

Vor eineinhalb Jahren ist ProSiebenSat.1 in den Dax aufgestiegen. Dies war für die Rechtsabteilung neben der Einführung des neuen Karrierekonzepts die größte Zäsur innerhalb der vergangenen zwei Jahre. Was hat sich damit für Ihr Team verändert?

Ein starkes Bewusstsein für den Bereich Compliance gibt es bei uns zwar schon immer – aber seit wir in den Dax aufgestiegen sind, ist das Thema noch relevanter geworden. Wir waren ja einige Jahre in der Hand von Private-Equity-Investoren, deshalb sind wir regelmäßige Reportings gewöhnt. Nach dem Dax-Aufstieg haben wir uns noch einmal intensiver mit den Regularien auseinander gesetzt, die jetzt für uns gelten, da wir noch schneller auf aktuelle Rechtsentwicklungen reagieren müssen.

Was hat sich noch verändert?

Seit dem Aufstieg in den Dax stehen wir viel mehr im Fokus der Öffentlichkeit. Die Rechtsabteilung bekommt daher vermehrt Rückfragen aus anderen Fachbereichen. Häufig handelt es sich dabei um Fragen zum Thema Vertraulichkeit, aber auch
zu kapitalmarktrechtlichen Anfor­derungen.

Welche weiteren Veränderungen stehen bevor?

Nachdem wir in den vergangenen Jahren so stark gewachsen sind – auch durch Akquisitionen – fokussieren wir uns jetzt darauf, die verschiedenen Unternehmen und Geschäftsbereiche noch stärker miteinander zu vernetzen. Zudem wollen wir TV-Werbung für die Konsumenten noch relevanter gestalten. Eine Möglichkeit ist Addressable TV: Mit dieser neuen Werbeform können Unternehmen ihre Kunden über Internet-fähige Fernseher nicht nur schnell und effektiv, sondern auch zielgruppengenauer erreichen. In Zukunft wird auch der gesamte AdTech-Bereich immer wichtiger, da uns diese Techniken helfen, Werbung automatisiert und passgenauer einzubinden. In diese innovativen Bereiche wird ProSiebenSat.1 weiter investieren – und somit kommen auch auf die Rechtsabteilung neue Themen und Herausforderungen zu. Ich kann also versprechen: Langweilig wird es bei uns nicht. <<

Seiten:  12