Magazin-Artikel
27.10.2017 | Autor/in: Christin Nünemann

„Nah dran am operativen Geschäft“: Interview mit dem Chefjuristen von ProSiebenSat.1

AZ02/17

Ein Beitrag aus azur 2/2017.

ProSiebenSat.1 hat sich von einer klassischen Fernsehanstalt in ein modernes Medienhaus verwandelt. Mit ­seiner Beteiligung an digitalen Geschäftsmodellen macht es sich fit für die Zukunft. Das stellt auch die Inhousejuristen vor neue Herausforderungen. Chefjurist Alexander von Voß ­erklärt, warum das Arbeiten in dem Konzern, der rund zehn ­Jahre in Private-Equity-Hand war, besonders ist.

Das Gespräch führte Christin Stender.

azur: Sendungen wie ‚Germany’s Next Topmodell‘ und ‚Joko gegen Klaas‘ sorgen bei ProSiebenSat.1 für hohe Einschaltquoten. Doch das klassische Fernseh­geschäft verliert in Zeiten von Netflix und Amazon Prime an Bedeutung. Wie reagiert Ihr Konzern darauf?

Alexander von Voß: Werbefinanziertes Free-TV ist weiterhin unser Kerngeschäft. Neue Technologien und die steigende Internetnutzung haben allerdings das Mediennutzungsverhalten stark beeinflusst, weshalb wir unser klassisches Geschäft in den vergangenen Jahren ­diversifiziert haben. Wir vernetzen unseren TV-Bereich konsequent mit dem Digitalgeschäft und haben durch die entstehenden Synergien zusätzliches Wachstum angestoßen. Gleichzeitig haben wir in allen ­Unternehmensbereichen neue Geschäftsmodelle etabliert.

Welche Geschäftsmodelle sind das?

Wir haben beispielsweise ein breites Digital-Entertainment- und Commerce-Portfolio mit starken Marken aufgebaut. Dazu zählen unser Video-on-Demand-Portal Maxdome sowie unser Multi-Channel-Netzwerk Studio71. 2010 haben wir ­unsere Investitionsmodelle ‚Media-for-Revenue-Share‘ und ‚Media-for-Equity‘ eingeführt, mit denen wir unsere TV-Reichweite als Investitionswährung einsetzen.

Wie genau funktioniert das?

Bei den beiden Modellen vergeben wir freie TV-Werbeplätze gegen ­eine Umsatz- oder Unternehmensbeteiligung. Unser Fokus liegt hier auf Unternehmen, die eine klare TV-Affinität haben, sich also gut über TV-Werbung vermarkten lassen. Für diese Beteiligungen haben wir eine eigene Gesellschaft gegründet, die SevenVentures GmbH. Damit erschließt sich auch für Juristen ein völlig neues Tätigkeitsfeld.

Wie sieht dieses neue Tätigkeitsfeld aus?

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Seit eineinhalb Jahren leitet Alexander von Voß (45) die Rechtsabteilung der ProSiebenSat.1-Mediengruppe. Bevor er Chief Legal Officer wurde, war er bereits elf Jahre in dem Medienhaus aus Unterföhring tätig, vor allem in den Bereichen Gesellschaftsrecht und M&A. Seine Karriere hatte er aber in einer Großkanzlei begonnen: Von 2000 bis 2005 war von Voß Associate bei Allen & Overy. Er studierte in Münster, bevor er sein Referendariat in Düsseldorf und ein LL.M.-Studium in London absolvierte.

Da die ProSiebenSat.1 Group im Zuge ihrer Wachstumsstrategie mehr Akquisitionen tätigt als früher, haben wir in den vergangenen Jahren zum Beispiel das Team ausgebaut, das in der Rechtsabteilung für M&A zuständig ist. Wir haben etwa ein eigenes Juristen-Team, das sich um die Verwaltung der Minderheitsbeteiligungen bei SevenVentures kümmert. Eine weitere Abteilung beschäftigt sich mit den Mehrheitsbeteiligungen unseres Konzerns, wie etwa dem Preisvergleichsportal Verivox oder der Online-Partnervermittlung Parship. Sollten die Unternehmen eigene Juristen haben, arbeiten wir selbstverständlich eng mit ihnen zusammen. Wir legen – wie übrigens im gesamten Konzern – großen Wert darauf, den freien Unternehmergeist der Beteiligungen nicht einzuschränken.

Wie gelingt dieser Spagat?

Indem wir verstehen, was Unternehmertum bedeutet. Das heißt, dass sich unsere Juristen mit den Geschäftsmodellen unserer Beteiligungen genau auseinandersetzen. Dazu gehört auch, sich regelmäßig mit den Geschäftsführern zu Strategie und Zielen auszutauschen. Das ist wichtig, damit wir zeitnah die richtigen rechtlichen Weichen stellen können, mit denen das Unternehmen langfristig erfolgreich sein kann.

Das Vorgehen entspricht Ihrem generellen Ansatz innerhalb der Rechtsabteilung, frühzeitig in die Vorgänge des operativen Geschäfts involviert zu sein.

Genau. Das gilt in gleichem Maße auch für unsere Juristen, die ihren Fokus auf dem klassischen Fernsehgeschäft haben. Sie sitzen frühzeitig mit den Redakteuren an einem Tisch und beraten sie zu rechtlichen Aspekten, die es vor der Veröffentlichung eines Formats zu klären gibt.

Wie hat sich die Arbeit der Rechtsabteilung im Allgemeinen verändert, seitdem ProSiebenSat.1 von einem klassischen TV-Haus zu einem digitalen TV-Haus wurde?

Mit der Transformation des Konzerns zu einem digitalen Medienhaus ist eine unglaubliche Schnelligkeit und Dynamik entstanden. Wir mussten uns in vielen Geschäftsbereichen neu ausrichten. Zum Beispiel brauchten wir verständliche Vertragsmuster und Vertragsstrukturen für Unternehmen, die bis dahin noch nie bei uns Werbung gebucht hatten. Das Ganze führte dazu, dass wir unsere Abteilung teilweise neu aufgestellt haben – auch um unsere Kreativität zu fördern. Gleichzeitig haben wir unser Team mit Kollegen vergrößert, die sich für die neuen Geschäftsfelder wie beispielsweise E-Commerce interessieren und sich in den Bereich einbringen möchten. Vor diesem Hintergrund haben wir auch unser Gehalts- und Bonus­system angepasst. Denn man kann nicht einfach nur mehr Leistung und Initiative von den Mitarbeitern verlangen, man muss auch die Vergütung an die gestiegenen Anforderungen anpassen. Das bedeutet Incentivierung über Gehalt und eine angemessene Beteiligung am Erfolg des Unternehmens, beispielsweise über ein Bonussystem.

Was verdient ein Berufseinsteiger in der Rechtsabteilung von ProSiebenSat.1?

Wir orientieren uns hier an den marktüblichen Standards, die nicht nur andere Rechtsabteilungen, sondern auch Kanzleien zahlen. Denn mit ihnen konkurrieren wir um die besten Talente.

Was müssen junge Juristen mitbringen, um bei ProSiebenSat.1 zu arbeiten?

Zum einen erwarten wir natürlich gute Qualifikationen. Zum anderen suchen wir Leute, deren Kenntnisse und Interesse nicht bei Jura aufhören. Dazu gehört beispielsweise ein Verständnis für finanzwirtschaftliche Zusammenhänge. Ich muss als junger Jurist noch nicht wissen, wie eine Bilanz funktioniert. Aber ich muss bereit sein, es mir erklären zu lassen. Wir suchen Juristen, die selbst die Initiative ergreifen, in flachen Hierarchiestrukturen arbeiten möchten und komplexe juristische Fragestellungen in einfachen Worten darstellen können. Ich brauche jemanden, der dem Vorstand in drei bis vier Sätzen erklären kann, was ein Sachverhalt bedeutet. Dadurch unterscheiden wir uns schon mal von vielen Kanzleien. Wir begreifen uns hier als Teil der Wertschöpfungskette und sind in unserer täglichen Arbeit immer nah am operativen Geschäft.

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